Impfstrategie
Pakistan: Warten auf den chinesischen Impfstoff

Pakistan Corona
© picture alliance / ASSOCIATED PRESS | Anjum Naveed

Pakistan meldete seinen ersten offiziellen Covid19-Fall am 26. Februar 2020. Aktuell hat Pakistan die dritthöchste Anzahl von bestätigten Covid19-Fällen in Südasien und liegt weltweit auf Platz 28. Die Infektionen sind stark auf die urbanen Ballungszentren Karachi, Lahore, Islamabad und Peshawar konzentriert, die zusammen ca. 55% des gesamten landesweiten Infektionsgeschehens ausmachen. Spitzenreiter ist die Millionenmetropole Karachi mit rund 28% aller gemeldeten Fälle.

An der Belastungsgrenze

Pakistans Gesundheitswesen kann schon unter normalen Umständen nur schlecht den Bedarf der Bevölkerung decken und kommt jedes Jahr im Sommer bei der saisonalen Dengue-Welle an und über seine Kapazitätsgrenzen. Es war deshalb von Beginn an klar, dass das Gesundheitssystem mit den Anforderungen der Corona-Pandemie überfordert sein würde. Für das fünft bevölkerungsreichste Land der Welt ist unter diesen Umständen der Zugang zu einem Impfstoff extrem wichtig.

Testfeld für chinesischen Impfstoff

Pakistan beteiligt sich deshalb seit September 2020 an internationalen klinischen Tests für einen Impfstoff der kanadisch-chinesischen Firma CanSino Biologics. Im Gegenzug dafür wird das Land nach Zulassung des Impfstoffes bevorzugt versorgt werden. Dass Pakistan vor allem auf den chinesischen Impfstoff setzt, ist nicht nur der traditionell engen wirtschaftlichen Partnerschaft zwischen den beiden Nachbarländern geschuldet. Obwohl der chinesische Impfstoff Presseberichten zufolge eine geringere Wirksamkeit als z.B. die Impfstoffe von AstraZeneca oder Pfizer-BioNTec haben soll, so ist er doch kostengünstiger und einfacher zu handhaben. Die anspruchsvollen technischen Lager- und Transportbedingungen für die europäischen bzw. US-amerikanischen Wirkstoffe sind in Pakistan derzeit kaum erfüllbar. Sobald die WHO den chinesischen Impfstoff genehmigt hat, wird Pakistan zunächst 1,25 Mio Impfdosen von der chinesischen Firma Sinopharm erhalten.

Nationaler Impfplan

Mit Unterstützung von WHO und UNICEF hat Pakistan einen Nationalen Impfplan (National Deployment and Vaccination Plan for COVID19) entwickelt, der Umsetzung und Durchführung der Impfkampagne auf nationaler Ebene regeln wird. Priorität bei den Impfungen soll zunächst medizinisches Personal, das Covid-Patienten betreut, erhalten, danach das weitere Personal im Gesundheitswesen sowie ältere Menschen über 60. Danach steht die Impfung  allen Menschen offen.

Der Start der Impfkampagne ist noch nicht festgelegt. Die Regierung hofft jedoch, im 1. Quartal 2021 mit den Impfungen beginnen zu können. Aktuell wird auf Regierungsebene über die endgültige Auswahl der zum Einsatz kommenden Impfstoffe noch hinter verschlossenen Türen beraten. Sobald diese Beratungen abgeschlossen sind, wird UNICEF die pakistanische Regierung dabei unterstützen, über den internationalen  COVAX-Mechanismus zu einem Vorzugspreis die entsprechenden Impfstoffe für 20% der Bevölkerung zu besorgen. Die Impfung soll für die Menschen kostenlos sein.

Vorbehalte gegenüber ausländischen Impfstoffen sind Tradition

Es bleibt zu hoffen, daß die Bevölkerung das Angebot zur Impfung in ausreichendem Umfang annimmt. Denn in Pakistan haben Vorbehalte gegen ausländische Impfstoffe und Impfkampagnen Tradition. So haben z.B.  Vorbehalte religiöser Führer, die Polio-Impfaktionen als ausländische Strategien zur Schwächung der muslimischen Bevölkerung bezeichnet hatten, dafür gesorgt, dass Pakistan neben Afghanistan heute das weltweit letzte Land mit endemischer Polio ist. Ähnliches gilt es im Fall der Corona-Impfungen auf jeden Fall zu vermeiden. Deshalb sieht der nationale Impfplan auch umfangreiche Aufklärungskampagnen in den traditionellen und sozialen Medien vor. Notwendig sind diese Informationskampagnen auf jeden Fall. Denn eine Gallup-Umfrage hat noch am 27.10.2020 ergeben, dass 55% der Pakistaner nach wie vor nicht sicher sind, ob es Corona tatsächlich gibt.

Internationale Kooperation ist die Lösung

Während zu Beginn der Pandemie vielfach die Globalisierung für die Ausbreitung von Covid19 verantwortlich gemacht wurde und internationale, multilaterale Organisationen, insbesondere die WHO, für ihr Krisenmanagement in der Kritik standen, zeigt sich bei der Forschung und Entwicklung der Impfstoffe jetzt deutlich, dass internationale Kooperation langfristig die Lösung, nicht das ursächliche Problem ist. Keiner der aktuell vor der Zulassung stehenden Impfstoffe hätte ohne länderübergreifende Forschung, Innovation und Kooperation entwickelt werden können. Internationale Organisationen wie die WHO leisten dazu mit der Setzung von internationalen Qualitätsstandards und der Bereitstellung von wichtigen Informationen und Forschungsergebnissen einen entscheidenden Beitrag. Ohne die internationale Expertise von WHO, UNICEF u.a. multilateraler Organisationen hätte Pakistan seinen nationalen Impfplan nicht in dieser Form entwickeln können. Wenn die ersten Impfstoffe zugelassen sind, können wirtschaftlich schwache Länder wie Pakistan dank des internationalen COVAX-Mechanismus` - einer maßgeblich von WHO und UNICEF mitgetragenen internationalen Allianz von Staaten, Pharma-Unternehmen und Nicht-Regierungsorganisationen - zu Vorzugsbedingungen hochwertige Impfstoffe für 20% ihrer Bevölkerung beziehen. Damit wird ein Beitrag dazu geleistet, dass wirtschaftlich schwächere Länder nicht beim Wettbewerb um die zunächst knappen Impfstoffe den Anschluß verlieren.

Angesichts der schwachen Infrastruktur des überlasteten Gesundheitssystems, der schwierigen geographischen Verhältnisse und der traditionell starken Vorbehalte der Bevölkerung gegen Impfkampagnen, wäre es in Pakistan schon ein großer Erfolg, wenn es tatsächlich gelänge, 20% der Bevölkerung gegen COVID19 zu impfen. Weitergehende Planungen über die 20%-Zielsetzung hinaus gibt es derzeit nicht. Aber selbst im günstigsten Fall wäre Pakistan damit noch weit davon entfernt, die kritische Masse für einen flächendeckenden Schutz der Bevölkerung im Sinne einer „Herdenimmunität“ zu erreichen.

Mögliche Folgen einer zögerlichen Corona-Politik

Das bedeutet, dass Pakistan ein Covid19-Risikoland bleiben wird - mit entsprechenden Folgen nicht nur für seine eigene humane und wirtschaftliche Entwicklung, sondern auch für seine internationalen Beziehungen. Wenn Pakistan keinen ausreichenden Schutz gegen die Pandemie gewähren kann, wird es dem Land noch schwerer fallen, seine außenpolitische Isolation zu beenden und die dringend notwendige wirtschaftliche und entwicklungspolitische Kooperation, die Pakistan gerade auch mit Europa anstrebt, zu realisieren. Denn in der derzeitigen globalen Lage kann es sich kein Land – auch Europa und Deutschland nicht – leisten, die eigene wirtschaftliche und soziale Erholung durch unnötige Risiken aufs Spiel zu setzen.

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Helena von Hardenberg, Presse und Digitale Kommunikation
Helena von Hardenberg
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