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Eine Kolumne von Prof. Dr. Karl-Heinz Paqué

EU-Mercosur
Zwerg oder Riese?

Die EU erwartet eine geopolitische Stunde der Wahrheit. Sie muss das EU-Mercosur-Abkommen ratifizieren, sonst macht sie sich lächerlich.
Mercosur-Flagge

Mercosur-Flagge

© picture alliance / Zoonar | Valerio Rosati

Update vom 19. Dezember 2025: Auf dem Weg zum Zwerg?

Die EU vertagt die Entscheidung, wie so oft. Aber beim Abschluss des EU-Mercosur-Abkommens kann dies in einer geostrategischen Katastrophe enden. Merz ist gefordert.

„An Weihnachten wissen wir mehr.“ Mit diesem Satz endete meine gestrige Kolumne (unten zu lesen) zur – dringend nötigen – Ratifikation des EU-Mercosur-Handelsabkommens. Ein Tag später ist klar: die Entscheidung des Ministerrats dazu ist auf Mitte Januar 2026 verschoben.

Man ist geneigt auszurufen: „Typisch EU!“. Und das ist auch so, gibt es doch in Brüssel massenhaft Beschlüsse, die erst nach schier endlosem Aufschub einvernehmlich zustande kommen. Diesmal geht es aber um eine besonders ernste wirtschafts- und geopolitische Sache: Nach 26 (!) Jahren Verhandlungsdauer ist die Geduld der südamerikanischen Partner restlos aufgebrauch, was der brasilianische Präsident Lula, ein starker Befürworter des Abkommens, zuletzt sehr deutlich feststellte. Wieder gibt die EU dem Druck der militanten Front der französischen Bauern nach, und dies wird von Irland und Italien wowie Österreich und Polen auch noch unterstützt.

Klar ist: Mitte Januar wird die letzte, wirklich die allerletzte Chance für eine Einigung sein. Sollte sie nicht zustande kommen, wäre dies für die EU eine geostrategische Katastrophe. Sie stünde als handlungsunfähiger Haufen zerstrittener Nationen da, die gemeinsam von den USA protektionistisch gedemütigt werden, aber aus eigener Kraft keine forcierte Freihandelspolitik zur Gestaltung einer neuen Globalisierung zu bieten haben. Als Führungsmacht ungeeignet! Das wäre das verdiente Verdikt über die EU: große moralisierende Töne, aber nichts an Entschlossenheit dahinter. Es könnte der Beginn des Niedergangs eines großartigen Projekts werden.

Um dies zu verhindern, braucht es Führungskraft. Die muss jetzt Deutschland gegenüber Frankreich zeigen. Friedrich Merz ist gefordert.

Zwerg oder Riese? Die Kolumne vom 18. Dezember 2025

Für die breitere Öffentlichkeit ist es nicht mehr als ein Randthema: die Ratifikation des EU-Mercosur-Abkommens. Wer interessiert sich schon hierzulande für das Ergebnis von komplexen Verhandlungen zum internationalen Handel, die jahrelang in Brüssel stattfinden und die Wirtschaftsbeziehungen von Europa mit der fernen La Plata-Region Südamerikas betreffen?

Tatsächlich geht es bei diesem Handelsabkommen – ausnahmsweise (?) – um viel mehr. Sein Abschluss oder sein Scheitern am Freitag dieser Woche kommt nämlich zum Ende eines Jahres, in dem EU die schlimmste protektionistische Demütigung von seinem wichtigsten Handelspartner, den Vereinigten Staaten, seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs erleben musste. Sie trug sich Ende Juli zu, als die USA – im Wesentlichen ohne Gegenleistung – in sogenannten Verhandlungen einen Importzoll von 15 Prozent auf alle Importe aus der EU festlegten. Ein unmissverständliches Signal, dass Trumps Amerika kein verlässlicher wirtschaftlicher Partner mehr ist und einfach unilateral aus der Globalisierung nach eigenem Gutdünken ausschert.

Damit ist klar: Die Globalisierung ändert sich grundsätzlich. Europa muss eigene Wege gehen, und dazu zählt es, als durchaus noch mächtige Führungsmacht des weltweiten Handels mit anderen Regionen der Welt ambitionierte Partnerschaften einzugehen. Der erste Kandidat dafür ist eben geostrategisch die große Mercosur-Region. Hier liegt ein fertiger Entwurf eines Handelsabkommens vor, nach jahrelangen Verhandlungen. Ihn entschlossen zu ratifizieren wäre ein richtiges Signal von den richtigen Partnern zum richtigen Zeitpunkt. Die EU würde anzeigen: Wir sind bereit, als globale Führungsmacht des freien Handels die verwaiste Rolle der USA zu übernehmen. Nach Mercosur könnten dann weitere Regionen und Länder der Welt folgen – in einer Offensive der Offenheit der Europäischen Union.

Dagegen gibt es allerdings Widerstand, vor allem aus der Landwirtschaft. Deshalb hat das Europäische Parlament – angemessen, klug und pragmatisch – in dieser Woche noch einige Sonderregelungen gebilligt, die bei besonderer Marktbelastung bei Agrarprodukten das Ziehen einer Notbremse erlauben. Damit müssten die südamerikanischen Partner noch leben können. Aber es scheint vor allem Frankreich nicht zu genügen. Präsident Macron plädiert für weitere massive Zugeständnisse an die heimische Landwirtschaft, aus Angst vor Bauernprotesten, und die würden dann doch das Abkommen insgesamt gefährden – und damit auch das geopolitische Gewicht der EU dramatisch reduzieren. Partikularinteressen wären imstande, die Rolle Europas als handelspolitische Führungsmacht auszuhebeln. Die EU würde zum geostrategischen Zwerg statt zum Riesen.

Europa hat also die Wahl: Entweder man überzeugt die sonst so machtbewussten Franzosen nachzugeben oder überstimmt sie sogar, denn Einstimmigkeit ist nicht erforderlich. Oder man gibt gegenüber Frankreich nach, muss dann aber jeden globalen Führungsanspruch aufgeben. Denn eines ist klar: Ein Kontinent, der wegen Rindfleisch und Rotwein auf die Neuordnung der internationalen Wirtschaftsbeziehungen freiwillig verzichtet, hat auf der Weltbühne der künftigen Mächte nichts zu suchen, egal welche Rhetorik gepflegt wird. Er verspielt jeden Anspruch auf eine führende Rolle, er macht sich lächerlich.

Es ist also für Europa eine Stunde der Wahrheit. An Weihnachten wissen wir mehr.