Bildung
In VERA veritas?

Die neuesten Ergebnisse der Lernstanderhebung VERA sind erstaunlich. Wieso schnitten die Schülerinnen und Schüler besser ab als vor Corona?
Klassenzimmer

Die neuesten Ergebnisse der Lernstanderhebung VERA sind erstaunlich. Wieso schnitten die Schülerinnen und Schüler besser ab als vor Corona?

© picture alliance / empics | Ben Birchall

Die Vergleichsarbeiten VERA 3 und 8 gehören zu den wichtigsten Lernstandserhebungen in Deutschland. Die Ergebnisse für 2021, die das Institut für Bildungsanalysen Baden-Württemberg nun vorgestellt hat, überraschen. Trotz der Coronapandemie haben die Schülerinnen und Schüler der Jahrgangsstufen 4 und 9 besser abgeschnitten als in den Vorjahren. Die Bildungsforscherinnen und Forscher haben sich dabei anhand bundesweit einheitlicher Standards die Leistungen in Deutsch, Mathematik und der ersten Fremdsprache angeschaut. Der digitalgestützte Distanzunterricht, der 2021 vielerorts den Präsenzunterricht zumindest zeitweise ersetzte, hat also durchaus Wirkung gezeigt. Dies ist eine beachtliche Leistung vieler Lehrkräfte, die im Zusammenwirken mit Eltern und Schülerschaft ihrem Bildungsauftrag auch unter schwierigsten Bedingungen erfüllt haben. Auch wenn man berücksichtigt, dass die Tests in diesem Jahr ein halbes Jahr später durchgeführt worden sind, was die Ergebnisse vermutlich etwas besser hat ausfallen lassen, so ist dies dennoch in höchstem Maße bemerkenswert. Ein genauerer Blick auf die Zahlen verdeutlicht allerdings auch einige Probleme. Die Leistungsfähigkeit der Schülerinnen und Schüler ist zum Teil höchst unterschiedlich und eine besorgniserregend hohe Zahl erreicht lediglich den niedrigsten Kompetenzwert. Zwei Schlussfolgerungen lassen sich also aus diesen ersten Ergebnissen ableiten: Innovativer, digitalgestützter Unterricht kann gelingen und sollte auch in Zukunft den herkömmlichen Präsenzunterricht komplementierten. Gleichzeitig muss aber auch mehr dafür getan werden, die schwächsten Schülerinnen und Schüler zu erreichen, ohne die Spitzengruppen aus dem Blick zu verlieren.

Ein genauerer Blick auf die Zahlen verdeutlicht einige der größten Herausforderungen. Im Falle von VERA 3 erreichten beispielsweise ganze 44 Prozent der Schülerinnen und Schüler lediglich die untersten beiden Kompetenzstufen im Bereich Mathematik. Beim Lesen waren es 38 Prozent, beim Zuhören 31 Prozent. Die Unterschiede zwischen den Geschlechtern fielen dabei verhältnismäßig gering aus. Anders sieht es aus, wenn man sich die Herkunftssprache anschaut. Ganze 69 Prozent der Schülerinnen und Schüler mit nichtdeutscher Alltagssprache erreichten die Mindeststandards im Fach Mathematik nicht und nur fünf Prozent erreichten die höchste Kompetenzstufe 5. Dagegen erreichten mehr als dreimal so viele Schülerinnen und Schüler mit deutscher Alltagssprache diese höchste Kompetenzstufe und nur 38 Prozent landeten in den niedrigen Kompetenzstufen 1 und 2. Doch wie in den meisten Bildungsstudien ist ein anderer Faktor noch viel entscheidender: die Zahl der Bücher im Elternhaus. Nur 20 Prozent der Schülerinnen und Schüler erfüllten nicht die Mindeststandards im Fach Deutsch, wenn ihre Eltern über 200 Bücher zu Hause besaßen. Befanden sich dort allerdings höchstens zehn Bücher, dann schnellte diese Zahl auf 71 Prozent (!) hoch. Anders gesagt: Soziale Herkunft und kulturelles Kapital der Eltern bestimmen immer noch in hohem Maße die Bildungschancen von Kindern und Jugendlichen.

Die Zahlen von VERA 8 zeichnen ein ähnliches Bild. Die Zahl derjenigen Schülerinnen und Schüler, die im Fach Mathematik lediglich die unteren Kompetenzstufen 1 und 2 erreicht hat, beträgt hier sogar 53 Prozent, wobei sich entlang der Schularten deutliche Unterschiede zeigen. Auch in den Fächern Deutsch und Mathematik zeigt sich ein hohes Maß an Heterogenität. Geschlechtsunterschiede spielen dabei eine größere Rolle als noch im Falle der Viertklässlerinnen und Viertklässler: Mädchen haben hier in der Regel einen Vorteil – nur in der Mathematik erreichen mehr Jungen die höheren Kompetenzstufen. Doch auch die Alltagssprache hat nach wie vor einen großen Einfluss auf die Verteilung: Im Fach Mathematik erreichen beispielsweise nur 17 Prozent der Schülerinnen und Schüler mit nichtdeutscher Alltagssprache die „grünen“ Stufen 3, 4 und 5 – bei deutscher Alltagssprache sind es knapp die Hälfte (49 Prozent). Immerhin: der Einfluss der Bücher auf dem heimischen Bücherregal scheint nicht mehr ganz so groß, auch wenn er nach wie vor spürbar ist. Bei mehr als 500 Büchern erfüllten die Kinder zu 93 Prozent die Mindeststandards, bei weniger als zehn Büchern waren es aber immerhin die Hälfte.

Die Schlussfolgerung von Matthias Wagner-Uhl, dem Rektor und Vorsitzenden des Vereins für Gemeinschaftsschulen Baden-Württemberg, dass die Lehrkräfte „in weiten Teilen einen Spitzenjob gemacht“ hätten, ist sicherlich nicht von der Hand zu weisen. Distanzunterricht, dies zeigen die Zahlen deutlich, ist eben auch richtiger Unterricht gewesen. Vor allem beim Lesen zeigten sich über alle Kompetenzstufen hinweg Fortschritte. 2019 erreichten beispielsweise nur zehn Prozent die höchste Kompetenzstufe, 2021 waren es 21 Prozent. Hier bleibt zu fragen, welchen Einfluss die notgedrungen innovativen Lehrmethoden hatten. Konnten Schülerinnen und Schüler beispielsweise zu Hause besser Leseaufträge bearbeiten als im Klassenzimmer? Asynchrones und digitalgestütztes Lernen scheinen auf jeden Fall ein großes Potenzial zu bieten. Es wird nun die Aufgabe der Bildungsforschung sein, diese erstaunlichen Eindrücke zu verarbeiten. Und was die Didaktik im Zeitalter der Digitalität betrifft: Ein Zurück zum Overheadprojektor darf es nicht geben.

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Helena von Hardenberg, Presse und Digitale Kommunikation
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