#restart21 Gustavo Lazzari
Argentinien: Die doppelte Diskriminierung der Fleischindustrie

Von Gustavo Lazzari, Unternehmer und Kandidat für das argentinisches Parlament.
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© Photo & design : FNF Argentina

Die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) erstellt jährlich einen Indikator namens PSE (Producer Equivalent Subsidy). Er misst den prozentualen Anteil von Subventionen und Transfers am Bruttoeinkommen des landwirtschaftlichen Sektors. Ein positiver Wert bedeutet, dass die Produzenten Subventionen erhalten, ein negativer, dass sie Steuern auf den Preis ihrer Produkte zahlen.

Zu den Subventionen und Transfers gehören Anreiz- oder Abschreckungsmechanismen wie direkte Subventionen, Stützungspreise, Ausfuhrabgaben oder Mindestpreise. Das Gros der Länder, darunter die USA, Brasilien, Kanada und Australien sowie die Mitgliedstaaten der Europäischen Union, subventionieren die Produktion von Agrarerzeugnissen. Vietnam, Indien und Argentinien hingegen besteuern sie. Von diesen drei Ländern ist Argentinien dasjenige, das seinen landwirtschaftlichen Sektor am stärksten belastet.

Belastungen haben eine traurige Tradition

In den Jahren zwischen 2000 und 2020 sind die Agrarsubventionen in der OECD von durchschnittlich dreißig auf 18 Prozent gesunken. In Argentinien ist die Belastung gestiegen.[1] Die argentinische Landwirtschaft wird genau besehen doppelt diskriminiert: auf dem Weltmarkt, weil die dortige Konkurrenz auf verschiedenen Wegen staatlich gefördert wird, auf dem heimischen Markt, weil die dortige Regierung sie mit Exportsteuern, Wechselkursdifferenzen und vielem mehr belastet.

Die Belastungen des primären Sektors haben in Argentinien eine traurige Tradition, und das trotz optimaler klimatischer und geografischer Rahmenbedingungen. Erfolg und Misserfolg der Landwirtschaft im Allgemeinen und des Fleischmarktes im Besonderen hängen von zwei Faktoren ab: zum einen von den rechtlichen Rahmenbedingen, vor allem vom Stellenwert des Eigentums und der Rechtssicherheit, zum anderen vom Niveau der technischen Ausstattung und des Know-hows der Beschäftigten. Beide Faktoren hängen natürlich zusammen – ohne verlässliche Rahmenbedingungen keine Investitionen in Technologie und Ausbildung. Ein Beispiel: Die strengen Auflagen für Fleischexporte im Jahrzehnt zwischen 2006 und 2015 führten zu einem Rückgang des Viehbestands von 57,6 auf rund 48 Millionen Tiere. Die damaligen Ausfuhrbeschränkungen haben die Investitionen in Viehzucht, Ausbildung und Infrastruktur dezimiert.

[1] https://data.oecd.org/agrpolicy/agricultural-support.htm

Rindvieh-Bestand in Argentinien in Millionen Quelle: Ökonometrie des Ministeriums für Landwirtschaft, Viehzucht und Fischerei

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© Graphic: FNF Argentina

Vor allem mit Steakhaus-Kultur assoziiert

Argentinien wird in Deutschland in erster Linie mit seiner Steakhaus-Kultur assoziiert. Neben der Erzeugung und Verarbeitung von Rindfleisch spielen zunehmend aber auch Schweine- und Geflügelfarmen eine Rolle. Rind wird dabei eher auf Weiden oder in Fütterungsanlagen gehalten, Schweine und Hühner vor allem in hochtechnisierten landwirtschaftlichen Betrieben. Zwischen 110 und 120 Kilogramm Fleisch werden in Argentinien pro Jahr und pro Kopf konsumiert. 2021 handelte es sich dabei bislang um 46 Kilo Rind-, um 45 Kilo Geflügel- und um 14 Kilogramm Schweinefleisch. Weltweit wird durchschnittlich vor allem Schweinefleisch konsumiert. Auf Platz 2 folgt Geflügel, Rind abgeschlagen auf Platz 3.

Fleischkonsum in Argentinien in Kilogramm pro Kopf

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© Graphic: FNF ARGENTINA

Die Wertschöpfungskette von Rindfleisch besteht aus drei Komponenten: Produktion, Verarbeitung und Vermarktung. Bei der Produktion geht es vor allem um die Pflege von Weideflächen sowie um Investitionen in Tiergesundheitsprodukte und in die technische Infrastruktur. 2019 gab es in Argentinien 204.000 Rindfleisch-Produzenten. Lediglich fünf Prozent hielten mehr als eintausend Tiere. Die zweite Komponente umfasst Schlachtung, Entbeinung und Aufarbeitung. Die Zahl der verarbeitenden Betriebe beläuft sich derzeit auf knapp vierhundert.

Anschluss an globalen technischen Fortschritt verloren

Bei der technischen Ausstattung gibt es große Niveauunterschiede. Betriebe, die in die EU-Staaten und in die USA exportieren, erfüllen einen höheren Standard. Bis zum Ausfuhr-Verbot im Mai 2021 wurden etwa dreißig Prozent des verarbeiteten argentinischen Rindfleischs exportiert. Die Menge, die davon in die EU geht, wurde von der sogenannten Hilton-Quote festgelegt – 58.100 Tonnen pro Jahr aus Süd- und Nordamerika sowie aus Australien. Anlagen und Technologie wiederum werden eingeführt, überwiegend aus den Vereinigten Staaten. Mit großem Abstand folgen Importe aus Europa und dem Nachbarland Brasilien. In den letzten zwei Jahrzehnten haben die Fleischproduzenten und -verarbeiter aufgrund der schwierigen wirtschaftlichen und rechtlichen Rahmenbedingen in Argentinien allerdings kaum noch investiert. Viele Betriebe haben daher den Anschluss an den globalen technischen Fortschritt längst verloren.

Der Schweinefleischsektor boomt derzeit. Das liegt nicht zuletzt daran, dass die Regierung den Rindfleisch-Export immer weiter eingeschränkt hat. Die entstandenen Engpässe werden mittlerweile vor allem durch Schweinefleisch kompensiert. Die Wertschöpfungskette besteht hier aus zwei Komponenten. Bei der Produktion ist die Nahrungsmittelbasis von entscheidender Bedeutung. Die beiden Hauptkomponenten sind Mais und Sojabohnen. Deren Anbaugebiete liegen vor allem in den zentral- und nordargentinischen Provinzen Buenos Aires, Santa Fe, Córdoba, San Luis und Entre Ríos. Gut siebzig Prozent und damit die übergroße Mehrheit der Farmen besitzen weniger als fünfzig Muttertiere, ein Viertel hält zwischen hundert und fünfhundert. Nur zwei Prozent haben mehr als eintausend Stück Vieh. Technisierung und Professionalisierung verhalten sich proportional zur Anzahl der Muttertiere. Anlagen, Produktionskonzepte und gentechnologisches Know-how kommen hauptsächlich aus europäischen Ländern, vor allem aus Dänemark, Deutschland, Italien und Spanien.

Export argentinischen Rindfleischs nach China, in andere Länder und insgesamt pro Monat in tausend Tonnen Quelle: Ökonometrie des Instituts für die Förderung von argentinischem Rindfleisch IPCVA

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© Graphic: FNF Argentina

Beleg für Multikulturalität Argentiniens

Schwein wird stärker als Rind zu Wurst verarbeitet. Rund dreihundert Unternehmen sind hier aktiv, verteilt über das ganze Land. Regionale Schwerpunkte gibt es noch nicht. Die Technologie, aber auch das Know-how in Sachen Produktion und Verarbeitung werden vorwiegend aus europäischen Ländern bezogen, vor allem aus Spanien und Italien. Die Wurst ist gewissermaßen ein Beleg für die Multikulturalität des Einwanderungslands Argentinien. Viele Unternehmen haben auf die verschiedenen Vorlieben der Konsumenten regiert und versorgen den Markt mit Wurstwaren nach spanischem, italienischem oder auch deutschem Rezept.

 

Übersetzung: Myriam Hess

Redaktion: Dr. Lars-André Richter