Antisemitismus
„Vor dem Vergessen bewahren“

Klezmer kennt man. Im deutschen Judentum war dessen Tradition allerdings nie zu Hause.
Ruth Frenk

Die Konstanzer Gesangspädagogin und ehemalige Konzertsängerin Ruth Frenk erinnert an andere Stücke des musikalischen Erbes, von der Vokalmusik aus Theresienstadt bis zu Volksliedern und Operetten. Im Interview mit Ralf Balke verrät sie, wieso ihr Klezmer besonders am Herzen liegt.

Was ist jüdische Musik?

Ein Konsens darüber existiert nicht. Nur so viel kann ich sagen: Selbstverständlich ist synagogale Musik immer jüdisch. Da­rüber gibt es eigentlich keine Diskussionen. Aber es ist schwierig, von eindeutigen Kategorien zu sprechen. Das zeigt sich etwa daran, dass auch nichtjüdische Komponisten wie Maurice Ravel ein Kaddisch, also das jüdische Totengebet, vertonte oder Max Bruch das Kol Nidre, den traditionellen Gesang zum Jom-Kippur-Fest.

Wie ist es um Klezmer bestellt?

Das Genre ist ja in Deutschland sehr beliebt. Mit Klezmer bezeichnete man ursprünglich einen professionellen In­strumentalisten, der auf jüdischen Festen im östlichen Europa auftrat. Über die USA, wo die Stilrichtung auch einen starken Einfluss auf den Jazz ausübte, und mit Bands wie The Klezmatics und Brave Old World erlebte Klezmer seit den Siebzigerjahren ein Revival. So kam die Musik auch nach Deutschland. Mittlerweile gilt sie hierzulande als die jüdische Musik par excellence – obwohl eine Klezmer-Tradition im deutschen Judentum unbekannt war. Das nimmt manchmal recht skurrile Formen an, wenn etwa im Fernsehen kein Beitrag zu jüdischen Themen läuft, ohne dass eine Klarinette Klezmer-Stil spielt.

Sie selbst waren als Konzert- und Liedsängerin in vielen Genres zu Hause. Welches liegt Ihnen besonders am Herzen?

Als Tochter zweier Überlebender des Konzentrationslagers Bergen-Belsen hatten die Lieder des jüdischen Volkes und die Vokalmusik aus Theresienstadt immer eine besondere Bedeutung für mich. 1986 war ich auf die Stücke von Irving Glick gestoßen, einem kanadischen Komponisten. Er hatte Gedichte von Kindern vertont, die nach Theresienstadt deportiert worden waren. Das war die Initialzündung. Zwei Jahre später lernte ich den österreichischen Musiker Dieter Gogg kennen, der die Chansons des Kabaretts von Theresienstadt für mich nachkomponierte. Da­raus entstand auch mein Doppel-Album „Der letzte Schmetterling“.

Warum ausgerechnet diese Musik?

Die Musik von Theresienstadt zieht sich wie ein roter Faden durch mein ganzes Künstlerleben. Zum einen ist es mir ein persönliches Anliegen, die lange Zeit unbekannten Werke jüdischer Komponisten wie Pavel Haas, Viktor Ullmann oder Hans Krása vor dem Vergessen zu bewahren und sie einem breiteren Publikum zugänglich zu machen. Zum anderen will ich zeigen, dass durch die Shoah nicht nur Menschen ermordet wurden, sondern es wurde auch eine ganze Kultur vernichtet. Das betrifft neben der Musik auch die Malerei und die Literatur. Dieser Verlust bedeutet eine tiefe Zäsur für ganz Europa. Denn die ermordeten Künstlerinnen und Künstler wären überall die nächste Generation gewesen.

Was macht diese Kompositionen so einzigartig?

Der 1898 geborene Komponist Viktor Ullmann vertonte unmittelbar vor seiner Deportation nach Auschwitz das Cornet von Rainer Maria Rilke. Das ist ein herausragendes Beispiel für die Haltung vieler jüdischer Künstlerinnen und Künstler: Sie wollten nicht, dass ihnen die Nazis auch noch ihre kulturelle Identität rauben. Das lässt sich durchaus als ein Akt des Widerstands lesen – schließlich war dieses Cornet ein urdeutsches Stück, das fast jeder Soldat des Ersten Weltkriegs in seinem Tornister dabei hatte.

Gibt es andere Musikgenres, die besonders jüdisch geprägt waren?

Da wäre auf jeden Fall die Operette zu nennen. Viele Komponisten wie Leo Fall, Emmerich Kálmán oder Oscar Strauss waren Juden. Den Nazis war dieses Genre deshalb verdächtig, es galt zudem als verrucht. In der Nachkriegszeit wurde das in Deutschland alles ausgeblendet und so getan, als hätte es diese jüdischen Künstler nie gegeben. Man ist quasi unter falscher Flagge gefahren.