Impfstrategie
Ukraine: Keine Impfung in Sicht

Lockdown Kiew Ukraine
Trotz der fehlenden Impf-Strategie ist der dreiwöchige Lockdown ab heute vorbei. Märkte wie dieser in Kiew dürfen nun wieder öffnen. © picture alliance / Photoshot

Während in den meisten europäischen Ländern schon fleißig geimpft wird, sind die Aussichten auf eine flächendeckende Immunisierung für die Menschen in der Ukraine noch vage. Die erste Impfstofflieferung aus dem internationalen COVAX-Programm für ärmere Länder wird für Februar erwartet. Insgesamt soll die Ukraine 16 Millionen Impfdosen aus dem Programm erhalten – genug für etwa 20 Prozent der Bevölkerung, allen voran medizinisches Personal und Risikogruppen. Darüber hinaus ist der Regierung in Kiew bisher nur eine kleinere Bestellung gelungen, nämlich 1,9 Millionen Dosen der chinesischen Firma Sinovac Biotech. Und auch diese ist nicht gesichert. Denn der Kaufvertrag sieht eine Wirksamkeit von mindestens 70 Prozent vor; die derzeit in der Türkei, Brasilien und Indonesien laufende dritte Testphase des Präparats zeigt zum Teil nur eine 50-prozentige Wirkung.

Der chinesische Impfstoff wäre für die Ukraine eigentlich gut geeignet, weil er nicht bei minus 70 Grad Celsius gekühlt werden muss. Er ist aber auch durch die Umstände seines Einkaufs in die Diskussion gekommen. Die Verhandlungen wurden ohne Ausschreibungsverfahren direkt vom Gesundheitsministerium geführt und nicht von der üblicherweise zuständigen staatlichen Beschaffungsfirma. Der Verdacht steht im Raum, dass das Vakzin mit etwa 14,50 Euro zu teuer bezahlt ist - und damit verbunden auch der Verdacht der Korruption.

Woher der Impfstoff kommen könnte

Mit oder ohne den Impfstoff von Sinovac – wo dieses Jahr genug Impfstoff für eine 40-Millionen-Bevölkerung herkommen soll, ist völlig unklar. Eine Variante wäre das russische Vakzin Sputnik V, für das eine ukrainische Pharmafirma bereits eine Zulassung beantragt hat. Hinter der Firma steht der pro-russische Politiker und Putin-Vertraute Wiktor Medwetschuk. Doch Sputnik V ist ein Politikum. Offiziell lehnt die Regierung eine Zulassung aus Zweifeln an seiner medizinischen Sicherheit ab. Doch macht sie keinen Hehl daraus, dass sein Einsatz in der Ukraine ein gewaltiger PR-Sieg für den Kreml wäre – der große Bruder rettet den kleinen, der von seinen westlichen Freunden im Stich gelassen wird.

An diese Freunde hat sich die Kiewer Regierung zuletzt Anfang Januar gewandt: In einem Brief an EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen und Ratspräsident Charles Michel hat der ukrainische Ministerpräsident Denis Schmyhal offenbar darum gebeten, seinem Land bei Verhandlungen mit europäischen Impfstoffherstellern zu helfen. Dabei geht es wohl zunächst vor allem um den Zugang zum Impfstoff überhaupt. Auf lange Sicht wird auch Geld eine Rolle spielen, denn im ukrainischen Haushalt 2021 sind für die Impfkampagne gerade einmal 40 Millionen Euro vorgesehen, das ist etwa ein Euro pro Einwohner.

Die EU signalisiert Solidarität. In konkrete Zusagen hat sich diese aber angesichts der allgemeinen Impfstoffknappheit noch nicht niedergeschlagen. Einzelne EU-Länder beabsichtigen zwar, einen Teil ihrer eigenen Bestellungen an Nachbarn abzugeben, doch die Ukraine gehört nicht zu den Empfängern.

Parallel führt das Kiewer Gesundheitsministerium Verhandlungen mit mehreren amerikanischen Firmen. Aus einem USAID-Programm sollen für 2 Millionen US-Dollar Kühlschränke für extrem niedrige Temperaturen geliefert, Impfpersonal geschult und 100.000 Ärzte geimpft werden, viele davon in den Gebieten nahe der Front im Donbas. Für eine Impfstofflieferung müsste aber der neue Präsident Biden zunächst die Anordnung seines Vorgängers Trump aufheben, dass amerikanischer Impfstoff erst ins Ausland verkauft werden darf, wenn alle US-Bürger geimpft sind.

Skandal um VIP-Impfung

Während die meisten Ukrainerinnen und Ukrainer sich also in Geduld üben müssen, macht ein Skandal erster Güte sogar internationale Schlagzeilen: Angeblich sollen sich Ministerpräsident Schmyhal, mehrere Abgeordnete und Spitzenbeamte sowie deren Angehörige in einer Kiewer Schönheitsklinik mit dem Impfstoff von BioNtech/Pfizer haben impfen lassen – als Preis pro Dosis sollen Augenzeugen von 1.000 bis 3.000 Euro berichtet haben. Woher der illegal erworbene Impfstoff kam, ist bisher unklar, es laufen polizeiliche Ermittlungen in der Ukraine und Israel. Die Betroffenen weisen die Vorwürfe als Schmutzkampagne zurück, die das Vertrauen in die politische Führung untergraben solle.

Kein Vertrauen in die Politik

Das Vertrauen in staatliche Institutionen ist ohnehin sehr dünn. Allein der Blick auf die Corona-Statistik zeigt die Kluft zwischen Verlautbarung und Realität. Sind offiziell bisher 1,2 Millionen Fälle registriert worden, sagen in einer Umfrage der Rating Group im Januar 16 Prozent der Befragten, sie seien infiziert gewesen – das wären mehr als fünf Mal so viel. Dass über 25 Prozent der täglichen 20.000 bis 30.000 PCR-Tests positiv ausfallen – so viele wie nirgends sonst in Europa – weist ebenfalls auf eine hohe Dunkelziffer hin. Der Grund ist nicht zuletzt, dass die Menschen den Test in der Regel selbst zahlen müssen. Kostenlos ist er nur, wenn der Familienarzt – seit Beginn der Gesundheitsreform vergleichbar mit dem Hausarzt in Deutschland – typische Symptome bescheinigt. Längst nicht jeder hat bereits einen solchen Familienarzt, viele der Ärzte sind wegen Überlastung gar nicht zu erreichen.

Auch die Auslastung der Krankenhäuser ist laut Gesundheitsminister mit unter 70 Prozent im grünen Bereich. Zugleich weiß in Kiew jeder von Bekannten zu berichten, die nur mit guten Beziehungen ein Bett auf einer Infektionsstation ergattern konnten.

Das mangelnde Vertrauen und sicher auch die weit verbreiteten Verschwörungstheorien wirken sich auch auf die Impfbereitschaft aus. Nur 43 Prozent würden eine kostenlose Impfung in Anspruch nehmen, 39 Prozent auch dafür bezahlen.

Corona ist kein Top-Thema mehr

Doch während die Menschen ihre Hoffnung in der Pandemie offenbar nicht in der staatlichen Fürsorge sehen, legen viele ebenso wenig Wert auf den Selbstschutz. Männer, die mit Maske aus der Metro kommen und einem Bekannten die Hand schütteln, Frauen, die sich zur Begrüßung umarmen, gehören selbstverständlich zum Stadtbild. In den weit verbreiteten Minibussen („Marschrutkas“) und an vielen Arbeitsplätzen ist das Tragen von Masken sogar eher verpönt. Der im Januar für drei Wochen eingeführte leichte Lockdown wird nach Umfragen nur von der Hälfte der Bevölkerung unterstützt. Stärkere Einschränkungen würden angesichts der angespannten wirtschaftlichen Lage vorhersehbar zu Protesten führen.

Diese Sorglosigkeit, gepaart mit staatlicher Ineffektivität und Korruption in der Pandemiebekämpfung, dem Mangel an Impfstoff und den sich ausbreitenden Mutationen, dürften dem Land noch schwierige Monate bescheren.

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Helena von Hardenberg, Presse und Digitale Kommunikation
Helena von Hardenberg
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