Corona
Lockdown 2: „Individuell vernünftige Vorsicht ist ein nachhaltig liberales Prinzip“

Ludwig Theodor Heuss

Ludwig Theodor Heuss

© Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit

Die Schweiz setzt in der zweiten Welle der Corona-Pandemie auf einen föderal stark differenzierten Ansatz. Ludwig Theodor Heuss, Leiter der Klinik für Innere Medizin im Zürcher Spital Zollikerberg, unterstützt dieses Vorgehen und ist für das kommende Jahr vorsichtig optimistisch.

Herr Professor Heuss, die Schweiz hatte Ende Oktober wesentlich schlechtere Corona-Zahlen als Deutschland, Frankreich und Italien. Jetzt aber sieht Anne Lévy, Direktorin des Bundesamtes für Gesundheit (BAG), eine „Trendwende“. Schließen Sie sich diesem Befund an?

Ja, die Kurve der Neuinfektionen pro 100'000 Einwohner hat sich im Vergleich zu Anfang November tatsächlich kontinuierlich abgeflacht. In meiner Klinik im Kanton Zürich – die Belastung des Gesundheitssystems wird ja immer als relevanter Maßstab herangezogen – erleben wir auch eine spürbare Erleichterung der Situation. Wir sind kein Einzelfall, wie ich weiß, da sich im Kanton Zürich die Klinken zweimal täglich über die aktuellen Zahlen austauschen. Die Belegung der Intensivbetten liegt seit etwa drei Wochen stabil bei rund 38 Prozent. Das ist zwar eine Herausforderung, aber letztlich handhabbar und zum Glück weit von einer Überlastung entfernt.

Wo liegen die Unterschiede zu Deutschland, Frankreich und Italien in der Pandemiebekämpfung?

Wie überall ist auch in der Schweiz die Verbreitung des Virus lokal sehr unterschiedlich. Die französisch-sprachige Schweiz hat es diesmal sehr stark getroffen, und auch in Basel-Stadt sind die Ansteckungsraten noch zu hoch. Daher gibt es kantonale Mini-, oder aus deutscher Sicht Mikro-Lockdowns, aber keine auf nationaler Ebene.

Der Kanton Genf hat den Ausnahmezustand erklärt, Basel-Stadt fährt das öffentliche Leben herunter, aber einen nationalen Lockdown gibt es bislang nicht?

Nein. Die nationalen Vorschriften sind vergleichsweise moderat. Und das ist das wirklich Spannende: In Zürich sind weiterhin alle Restaurants, Bars und auch Kinos bis 23 Uhr geöffnet (natürlich mit Schutzmaßnahmen und begrenzter Personenzahl), trotzdem gehen hier die Zahlen zurück. Basel-Stadt hat die Restaurants jetzt geschlossen, aber im Kanton Basel-Landschaft (10 km Distanz) sind sie weiterhin geöffnet. Diese extreme Kleinteiligkeit kann natürlich auch leicht zu Ausweichreaktionen führen. Vor zwei Monaten, als die Zahlen durch die Decke gingen, haben wir uns die Haare gerauft und befürchtet, dass der ausufernde Föderalismus das Land ins Chaos stürzen werde. Aber mittlerweile scheint dieses hochdifferenzierte Vorgehen, bei dem 25 kantonale Gesundheitsminister unterschiedlich rigorose Bestimmungen beschließen, durchaus von Vorteil zu sein. Das sagt sich angesichts der erwähnten Trendwende leichter als noch vor zwei Wochen, als man das Gefühl hatte, Teil eines Experimentes zu sein. Aber unter dem Strich müssen wir erkennen: das Virus ist für uns alle neu und wir lernen täglich etwas dazu. Wir haben es auch noch immer nicht ganz verstanden.

Was kann Deutschland von der Schweiz lernen und was die Schweiz von Deutschland?

Darüber zu urteilen ist noch viel zu früh. Ich hoffe aber, dass es sich bewähren wird, möglichst früh, gezielt und mit beschränkten Maßnahmen zu reagieren, statt die große Keule zu schwingen. Wir dürfen neben den wirtschaftlichen auch die sozialen Folgen von Lockdowns nicht unterschätzen. Wir alle haben von diesem Leben unter merkwürdigen Bedingungen genug. Je rigoroser die Maßnahmen sind, desto mehr werden sie umgangen oder ad absurdum geführt. Wer sich beim Verlassen einer Fußgängerzone, weil es da erlaubt ist, die Maske vom Gesicht reißt, um anschließend zwischen zwanzig anderen Personen am Zebrastreifen zu warten und Aerosole zu verbreiten, handelt zwar legal, aber offensichtlich unsinnig. Letztlich sind Eigenverantwortung und Vernunft der Einzelnen gefragt.

Teilen Sie den Optimismus, dass die jetzt entwickelten Impfstoffe uns helfen werden, die Pandemie im kommenden Jahr zu überwinden?

Die neuen Nachrichten stimmen mich in der Tat optimistisch, aber das Überwinden der Pandemie wird gewiss länger als ein Jahr dauern. Darum bleibt Vorsicht auch in Zukunft wichtig. Individuell vernünftige Vorsicht ist ohnehin ein nachhaltig liberales Prinzip.

Personeninfo: Ludwig Theodor Heuss, neuer Kuratoriumsvorsitzender der Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit, leitet die Klinik für Innere Medizin im Zürcher Spital Zollikerberg und hält eine Professur an der Universität Basel. Seit 2018 ist er zudem Mehrheitseigner am Basler Schwabe-Verlag, dem ältesten Verlagshaus Europas. Er ist Enkel des FDP-Gründungsvorsitzenden und Bundespräsidenten Theodor Heuss.