Serbien
„Bruder Putin“

Verkehrte Welt: In Belgrad wird die russische Aggression gegen die Ukraine öffentlich bejubelt
Bruder (brat)

Bruder (brat)

© Thomas Roser

Ein gegenwärtig eher seltenes Bild: Während weltweit Millionen Menschen den brutalen Krieg Putins in zahlreichen Demonstrationen verurteilen und ihre Solidarität mit dem um ihr Leben kämpfenden ukrainischen Volk bekunden, trifft der völkerrechtswidrige Feldzug in Belgrad öffentlich auf begeisterte Zustimmung.

Allerdings sollten die lautstark skandierten Putin-freundlichen und Nato-feindlichen Parolen nicht darüber hinwegtäuschen, dass es sich um eine relativ kleine Gruppe von unter tausend – vorwiegend dem rechtsextremen Milieu zugehörigen – Personen handelte, die am vergangenen Wochenende in der Nähe des Präsidentenpalastes ihren Protest bekundeten:

“Serbien und Russland – auf ewig Brüder“ war unter anderem zu lesen.  

In diese aufgeheizte Atmosphäre passt auch ein in diesen Tagen neu in Serbiens Hauptstadt aufgetauchtes Putin-Graffiti „Bruder Putin“, unweit des seit Juli 2021 dort ebenfalls auf einer Häuserwand verewigten und von Hooligans bewachten bosnisch-serbischen Kriegsverbrechers General Mladic. 

Einem freilich kommt dies alles gar nicht gelegen, denn schließlich sind in wenigen Wochen Wahlen: Präsident Aleksandar Vučić. Auch er wurde auf diesem Protestmarsch scharf angegangen:

„Vučić, Du hast Serbien verraten!“ war zu hören. Und dieser Vorwurf galt dem Abstimmungsverhalten Serbiens auf der UN-Vollversammlung vergangene Woche, als 141 Staaten, darunter Serbien, die Aggression Russlands verurteilten.

Passend zur Tradition serbischer Schaukelpolitik war dann wiederum, dass man sich jeglichen Sanktionen gegenüber Russland auf serbischer Seite verweigerte. Seitdem, so Vučić mehrfach öffentlich, sei er starkem Druck von allen Seiten, insbesondere der EU, ausgesetzt.

Und in der Tat ist zu fragen, wie lange die Europäische Union einem EU-Anwärter derlei Kapriolen durchgehen lassen will. Schließlich wird ein Mittragen wesentlicher Entscheidungen bzw. eine Angleichung zur gemeinsamen EU-Außenpolitik bereits von einem Beitrittskandidaten zwingend erwartet. Als Reaktion auf Seiten der EU befürchten daher manche Medien bereits den Entzug visafreien Reisens in den Schengenraum sowie die Aberkennung des EU-Kandidatenstatus.

Mit Russland bzw. seinem Präsidenten will es sich der serbische Landesvater allerdings auf keinen Fall verderben. Denn schließlich ist zum einen die Energieabhängigkeit Serbiens von Russland noch größer als die der EU: 90 Prozent der Gaslieferungen und 40 Prozent des Öls bezieht Serbien von dort. Zu günstigen Preisen, wie Vucic stets und gerne mit Hinweis auf die guten Beziehungen beider Länder betont. Zum anderen ist Russland auch bezüglich des Kosovo neben China ein verlässlicher Vertreter serbischer Interessen. Dass der Großteil seiner Wählerschaft als russophil beschrieben werden kann, dürfte dem Präsidenten ebenso bewusst sein.

Wahrnehmung und gegenwärtige Stimmung in Serbien haben nach wie vor auch in historisch-kulturell begründeten emotionalen Verbindungen zwischen beiden Ländern ihren tiefen Grund, nicht zuletzt durch die gemeinsame slawische Sprache. Davon zu trennen ist allerdings eine schon über Jahre dokumentierte so üble wie irreführende antieuropäische und antiwestliche Propaganda, wie sie insbesondere von den Boulevardmedien betrieben wird: „Verbrechen gegen Russen in der Ukraine“, „Die Ukrainer beschießen ihre eigenen Städte“ sind nur zwei der typischen Headlines aus jüngsten Tagen, unter denen dann Putin gehuldigt und wahlweise die Nato, die EU, der Westen oder die Ukraine selbst für den Krieg verantwortlich gemacht werden.

Die Empfindungen und Gefühle vieler Bürgerinnen und Bürger Serbiens dürften in Anbetracht des Kriegsgeschehens in der Ukraine vermutlich mit Erinnerungen an eigene Kriegserfahrungen und -leiden vor erst wenigen Jahrzehnten einhergehen. Für skandierendes Gebrüll ist da eher wenig Raum.

In einer Umfrage nach den ersten Tagen des Krieges in der zweitgrößten Stadt Serbiens, Novi Sad, stimmten knapp 60 Prozent auf die Frage: „Sollte Serbien die russische Aggression gegen die Ukraine verurteilen?“ mit „ja“.