35 Jahre Tschernobyl
Was die Nuklearkatastrophe von Tschernobyl heute noch bedeutet

3 Fragen und 3 Antworten mit Beate Apelt, Kiew
Die Glocke von Tschernobyl am Rande von Pripyat
Die Glocke von Tschernobyl am Stadtrand von Pripyat © picture alliance / Photoshot

Am 26. April 1986 explodierte Reaktor 4 des Kernkraftwerks Tschernobyl in der Ukraine. Ursache war ein fehlgeschlagener Routinetest.  Die Nuklearkatastrophe vor 35 Jahren setzte Radioaktivität frei, die in weiten Teilen Europas messbar war. Die Umgebung des Reaktors war unbewohnbar geworden, 350.000 Menschen mussten evakuiert werden. Wie wird am 35. Jahrestag der Ereignisse in der Ukraine des Unglücks gedacht?

Vor allem zivilgesellschaftliche Organisationen haben in diesen Tagen eine Vielzahl von Projekten initiiert, die vor allem den nachgeborenen Generationen die Katastrophe nahebringen sollen. Das Wissen darüber ist nämlich begrenzt, nur 60% der Ukrainer können überhaupt das Datum der Explosion nennen. Es gibt Youtube-Videos für verschiedene Altersklassen, wissenschaftliche Vorträge und eine virtuelle Ausstellung von 50 Künstlern, die mit innovativen Methoden wie Augmented Reality arbeitet. Es gibt Straßenausstellungen in verschiedenen Bezirken Kiews, und über eine App kann man sich zur Geschichte der Katastrophe informieren oder virtuell durch die Sperrzone wandern. Ukrainische und internationale Musiker haben das Album „Die Klänge Chernobyls“ vorgestellt und am Wochenende ein virtuelles Konzert gegeben. Genau zum Zeitpunkt der Explosion konnte man online eine künstlerische Gedenkaktion in der verlassenen Stadt Prypyat verfolgen. In Gedenkgottesdiensten und bei Blumenniederlegungen wird der Opfer gedacht, die unmittelbar vor Ort oder später an Folgeschäden gestorben sind. Aber es gibt auch kommerzielle Aktionen rund um den Jahrestag: Ukrainian International Airlines hat etwa am Sonntag vor dem Jahrestag Rundflüge über die Sperrzone in ca. 900m Höhe angeboten.

Inwieweit spielt Tschernobyl heute außerhalb von Jahrestagen eine Rolle? Wie sieht es dort aus, was passiert dort?

Die Sperrzone von 30km um den Reaktor ist heute einerseits ein Ort der Wissenschaft. Ukrainische und internationale Forscher untersuchen hier, wie sich Pflanzen und Tiere unter der erhöhten Strahlenbelastung entwickeln – aber auch, wie sie sich in einem Biotop entwickeln, in dem sie völlig ungestört von menschlichen Einflüssen sind. Andererseits gibt es immer noch sehr viel am Kernkraftwerk zu tun im Hinblick auf die Abwicklung der Reaktoren und die Endlagerung des radioaktiven Materials. Der letzte Reaktor wurde erst im Jahr 2000 abgeschaltet. Die Aufbereitung und Endlagerung des kontaminierten Wassers und der Atomabfälle wird noch etwa 25 Jahre in Anspruch nehmen. Etwa 3.000 Menschen arbeiten regelmäßig in der Sperrzone.

Am sichtbarsten ist Tschernobyl sicher durch den Tourismus, der sich in den letzten Jahren entwickelt hat. Mehrere Unternehmen bieten geführte ein- und mehrtätige Touren an, die über reinen Katastrophentourismus durchaus hinausgehen und neben den bedrückenden Bildern der verlassenen Stadt Prypjat umfangreiche Informationen zu allen Aspekten der Tragödie liefern. Diese Vor-Ort-Eindrücke sind hilfreich, wenn man die Dimension des damaligen Geschehens und die Gefahr einer möglichen Wiederholung vor allem jungen Menschen vor Augen führen will.

Ins öffentliche Bewusstsein kam die verstrahlte Zone auch im April 2020, als sich dort Waldbrände ausbreiteten und Wissenschaftler vor hoch radioaktiven Partikeln auch in Kiew warnten. Es gab Empfehlungen, nicht ins Freie zu gehen oder danach seine Kleidung zu waschen; Masken trugen die meisten zu Beginn der Corona-Pandemie ohnehin. Obwohl die Feuer gut eingedämmt wurden und die Radioaktivität nur vor Ort deutlich erhöht war, zeigten sie noch einmal die Gefahr, die von der Region weiterhin ausgeht.  

Weniger sichtbar sind dagegen die Überlebenden oder später Geborenen mit Folgeschäden, über deren Anzahl es nicht einmal genaue Angaben gibt. Theoretisch haben sie Anspruch auf verschiedene Sozialleistungen und Hilfen, diese sind jedoch sehr bescheiden und mit bürokratischen Hürden verbunden, so dass sie vielfach gar nicht in Anspruch genommen werden.

Das Gelände selbst wird laut Wissenschaftlern auf 24.000 Jahre nicht für Menschen bewohnbar sein. Inwieweit beeinflusst Tschernobyl energiepolitische und ökologische Zukunftsentscheidungen in der Ukraine?

Beim Blick in die Zukunft müssen wir zunächst mal nach Tschernobyl selbst schauen. Dort liegen ja nach wie vor 200 Tonnen hoch radioaktiven Materials. Die nach dem Unglück notdürftig geschaffene Schutzhülle ist 2016 durch einen gewaltigen neuen Sarkophag ersetzt worden, der zwar ein Meisterwerk der Technik ist, aber auch nur eine Lebensdauer von 100 Jahren hat. Die Europäische Bank für Wiederaufbau und Entwicklung, die schon bisher mit der internationalen Finanzierung des Tschernobyl-Erbes betraut war, hat auf Bitte der ukrainischen Regierung gerade einen internationalen Fond für die Entwicklung langfristiger Lösungen eingerichtet. Auch der Abbau der anderen Reaktoren wird wie gesagt noch Jahrzehnte dauern, die Endlagerung des radioaktiven Materials auf Jahrhunderte angelegt sein.

Auf die Einstellung zur Kernkraft generell hat die Katastrophe hierzulande nur begrenzt Einfluss gehabt. Es gibt natürlich Umwelt- und Anti-Atomkraft-Initiativen, aber sie haben wenig politisches Gewicht. Die Ukraine ist weiterhin stark von Atomkraft abhängig, durch ihre vier Kraftwerke mit 15 VVER-Reaktoren wird gut die Hälfte des Strombedarfs gedeckt. Bei 12 der Reaktoren ist die ursprüngliche Laufzeit bereits abgelaufen, sie haben nach Reparaturarbeiten Verlängerungsfristen erhalten. Auch zwei neue Reaktoren sind im Bau. Obwohl keiner der derzeit betriebenen Reaktoren mehr der Tschernobyl-Generation angehört und obwohl es Bestrebungen gibt, EU-Sicherheitsstandards umzusetzen, müssen die Risiken der Kernkraft hier höher eingeschätzt werden als in den EU-Ländern. Auch das Problem der Endlagerung ist ungelöst. Derzeit ist man dafür, wie auch für den Bezug von nuklearem Brennmaterial, von Russland abhängig. Das Erbe von Tschernobyl ist daher nur ein Grund, warum die Ukraine mittelfristig auf eine nachhaltigere Energieversorgung umstellen sollte.

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Helena von Hardenberg, Presse und Digitale Kommunikation
Helena von Hardenberg
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