Krieg in Europa
Das Puzzle der ukrainischen politischen Nation

Kiew

Folgen des Beschusses des Einkaufszentrums Retroville durch russische Raketen

© picture alliance / NurPhoto | Maxym Marusenko

Das Ausmaß des ukrainischen Widerstands hat viele überrascht, außer vielleicht die Ukrainer selbst. Die entschlossene Reaktion auf die Invasion Russlands war ein logischer nächster Schritt, das letzte Teil des Puzzles, das die Entstehung der modernen ukrainischen Nation vervollständigte. Aber was ist mit den anderen Teilen? Wann, warum und wie hat die Analyse ausländischer Experten das Offensichtliche übersehen? Diese Frage hat sich in den letzten Wochen immer wieder gestellt, und ich werde versuchen, sie zu beantworten.

Um zu verstehen, müssen wir zurückblicken bis zur "Glasnost"-Politik - der informellen Politik in der Sowjetunion der Gorbatschow-Ära, die auf mehr Transparenz gegenüber den Parteikadern und der Öffentlichkeit abzielte. Die Idee war, die Korruption einzudämmen und den Einfluss der politischen Eliten, die in einem Teufelskreis der Propaganda gefangen waren, irgendwie zu begrenzen. Wie wir wissen, kam dieser Schritt viel zu spät, um das Imperium zu retten. Die unmittelbare Auswirkung von Glasnost war vielmehr, dass sich der kontrollierte und dosierte Informationsfluss in einen ungezügelten Strom des Unterbewusstseins verwandelte.

Paradigmenwechsel in der Glasnost-Zeit

Aus Angst vor künftigen Vergeltungsmaßnahmen, gefangen in einem Kreislauf von "Tauwetterperioden" und Repressionen mieden die Menschen die Politik und richteten ihre Aufmerksamkeit stattdessen auf Themen wie Freiheit der Religion, der Weltanschauung und auch auf Popkultur aus dem Ausland. "Glasnost" führte zudem dazu, dass sich unter den Unerfahrenen verschiedene fehlgeformte Verschwörungstheorien verbreiteten. Erst mit der Zeit und der relativen Mäßigung der sowjetischen Regierung begannen neu geschaffene öffentliche Organisationen in das Dunkel unserer Geschichte zu blicken.

In der Ukraine wurde der Paradigmenwechsel in der Glasnost-Zeit mit noch größerer Besorgnis aufgenommen. Die verdrängte Vergangenheit, zu der auch völkermörderische Hungersnöte und Deportationen gehörten, war längst in Blut ertränkt worden. Die Bewältigung des Grauens ist allerdings ein mühsamer Prozess. Doch gerade hier brachte "Glasnost" eine Lawine ins Rollen.

Erst nach der Erlangung der Unabhängigkeit wurden in der Ukraine ernsthafte Versuche unternommen, historische Dogmen zu hinterfragen, und zwar nicht ohne Widerstand von außen oder Selbstzensur. Die Freiheit galt immer noch als Märchen, und wer wusste schon, wie lange dieses Wunder noch andauern würde?

Eine große Veränderung trat im Jahr 2000 ein, als Heorhij Gongadse, ein prominenter Journalist, von Sicherheitskräften getötet wurde, die dem damaligen Präsidenten Kutschma nahe standen. Die Gesellschaft, die sich erst allmählich von der jahrelangen, von Angst geprägten Gefügigkeit erholte, erhielt mit Wucht eine Erinnerung an die alten Zeiten. Die daraus resultierenden Proteste brachten zwar nicht unmittelbar Gerechtigkeit, rüttelten aber an dem langlebigen Mythos der Unverwundbarkeit des Establishments. Ein einfacher, unaufhörlicher Gedanke wurde eingepflanzt: Die Bürger sollten nicht diejenigen fürchten, die von ihnen an die Macht gebracht wurden.

Die beiden Proteste von 2004 und 2013, die sich auf dem Maidan ereigneten, haben nur die Idee bestärkt, dass die Menschen in der Ukraine die Kontrolle haben wollen, dass sie von der Regierung Rechenschaft verlangen. Es gab seither kein Zurück mehr. Wenn die Orangene Revolution die wachsende Überzeugung bestätigte, dass die Menschen ihr Land tatsächlich gestalten können, so haben die Ereignisse des Winters 2013 bis 2014 die Menschen dazu gebracht, sich der Bestie zu stellen.

Revolution der Würde

Als die Gewalt ausbrach, verwandelte sich der Euromaidan in die Revolution der Würde, eine Welle, die das ganze Land erfasste und – wenn auch nur für kurze Zeit – Menschen aus allen sozialen Schichten gegen die Autokratie vereinte. Die Ukrainer hatten begriffen, dass die Mächtigen nicht nur herausgefordert, sondern erfolgreich besiegt werden können. Auch die Unantastbarkeit des Lebens wurde festgeschrieben – diejenigen, die starben, bestimmten die Vision einer Zukunft, in der die Freiheit nicht durch Waffen, nicht durch Gewalt erstickt werden konnte. Diese Erfahrungen erklären vielleicht, warum die ukrainische Zivilbevölkerung keine Angst hat, mit bloßen Händen gegen die russischen Panzer vorzugehen. Und nicht vergessen: So etwas ist ansteckend.

Russlands Annexion der Krim und die anschließende Besetzung eines Teils von Donbass durch russische Marionetten boten eine weitere Erkenntnis: Das Recht auf das freie Leben (anstatt der bloßen unterdrückten Existenz) muss zur Not mit Waffen geschützt werden. Danach hieß es, entweder kämpfen oder sterben.

Die Armee, die lange Zeit als ein Ort betrachtet wurde, der in Bezug auf die soziale Mobilität kaum besser als ein Gefängnis war, wurde wieder zum Leben erweckt. Das Gestaltungsbewusstsein des Maidans, das eigentlich in den Winterschlaf gehen sollte, schaltete einen Gang zurück und wurde auf Hochtouren gebracht. Wieder einmal stiegen die Freiwilligen – Studierende, Klempner, Köche und Geschäftsleute – aus ihrem ihrem bisherigen Alltag aus - nicht nur, um sich der Armee anzuschließen und die Kriegsführung von Grund auf zu erlernen, sondern auch, um die großen Versorgungslücken zu schließen, die die korrupte politische Leitung hinterlassen hatte.

Wir sind schnell erwachsen geworden. Der Staat wurde in knapp acht Jahren vollständig umgestaltet, auch wenn es noch einige Probleme gibt, die in Zukunft gelöst werden müssen. Die öffentliche Rechenschaftspflicht für jede Entscheidung der Regierung und für jeden Fehler ist jetzt eine Selbstverständlichkeit, und dies infrage zu stellen, wäre politischer Selbstmord.                                                                       

Inzwischen ist die Armee zu der Institution geworden, der unsere Gesellschaft am meisten vertraut, und es wurde eine starke Verbindung der Armee zur breiten Öffentlichkeit hergestellt. Als am frühen Morgen des 24. Februar 2022 das russische Militär erneut die souveräne Grenze der Ukraine durchbrach, lautete die Frage der meisten Ukrainer nicht "Was gibt es noch zu schützen?", sondern "Wie kann ich helfen?". Mit der Kraft der Raketenangriffe, von denen alle Menschen in ihren Häusern betroffen werden könnten, ist Putins Russland einen Schritt zu weit gegangen.

Das Motiv der Selbsterhaltung

In kleinen Schritten hat die neueste Geschichte die Ukrainer nicht nur über die Bedeutung unserer Leidengelehrt, sondern auch über die Möglichkeiten, wie wir handeln können. Unbeabsichtigt hat Putin uns dabei geholfen, eine Reihe von Fähigkeiten zu entwickeln. Seit mehr als einem Monat ist unsere Gesellschaft geeint – unabhängig von der Muttersprache oder ethnischer Zugehörigkeit, unabhängig davon, ob man auf demMaidan protestierte oder dagegen war, unabhängig davon, ob man im Donbass gekämpft hat oder ob mandurch Russlands Aktionen vertrieben wurde – alle haben an einem Strang gezogen. Zahlreiche Gründe, die verschiedene Schichten vereinten, haben sich zu einem Motiv verschmolzen – Selbsterhaltung.

Die öffentliche Rhetorik Russlands hat ebenfalls dazu beigetragen, eine friedliche Nation in einem Maße auf den Kriegspfad zu bringen, das manchen Ukrainern bereits verdächtigt vorkommt. Bei all den verdeckten Bemühungen, die das russische Kaiserreich und dann die Sowjetunion unternommen haben, um die ukrainische Identität zu zerstören, hat niemand jemals offen und auf einem solchen Niveau behauptet, dass die Ukraine eine Lüge sei, dass die Ukraine nicht existiere. Eine solche Formulierung stellt eine existenzielle Bedrohung, eine Herausforderung dar.

Stellen Sie sich nun vor, dass das, was unsere Vorfahren uns hinterlassen haben, das Fundament war, das unter den Knochen und den Trümmern gefunden wurde. Der Tod des Journalisten hat das Fundament gebildet, und der erste Maidan war der erste Baustein. Mit den Todesfällen in der Institutska-Straße im Jahr 2014 wurden die ersten Stockwerke hinzugefügt, und der Krieg im Donbass hat den Bau nur noch beschleunigt. Bei dieser Invasion wurde uns klar, woher die Knochen stammen, die wir gefunden hatten. Und wir werden diesen Weg nicht wiederholen.

Was in den Vororten von Kiew geschah, ist nicht nur ein Echo der Vergangenheit, sondern ein Vorbote dessen, was uns als Nächstes bevorstehen könnte. Unsere Aufgabe ist es, den Aufbau fortzusetzen, die Ukraine zu einer Festung zu machen und zu verhindern, dass sich dieser Wahnsinn jemals wiederholen kann.

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Helena von Hardenberg, Presse und Digitale Kommunikation
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