Kryptowährungen
Bitcoin-Mining-Exodus aus China: „Das ist eine globale Chance“

Eine chinesische Bitcoin Mine
Eine chinesische Bitcoin Mine © picture alliance/dpa/HPIC | Stringer

Um zu verstehen, warum die chinesische Regierung das Bitcoin-Mining abschaffen will, soll ein Beispiel aus Ordos in der Inneren Mongolei helfen. Dort sind im Winter einige dieser Minen aufgebaut: Riesige Lagerräume, gefüllt mit Computer-Hardware, die rund um die Uhr läuft. Ein Arbeiter einer solchen Rechnerfarm in Ordos schildert den bedrückenden Alltag dort. Blinkende Lichter und der Lärm der Klimaanlagen, die eine Überhitzung der Anlage verhindern sollen, bestimmten nun sein Arbeitsumfeld. Seine Aufgabe sei es gewesen, durch die Maschinen im Lager zu gehen und jede Einzelne zu testen – denn die teure Hardware ist kurzlebig. Wenn der Arbeiter ein Problem feststellte, griff er zum Handbuch, um die dort angegeben Schritte zu befolgen und die Maschinen wieder zum Laufen zu bringen. „Was ich nie erwartet hatte, war, dass der größte Teil der Kosten nicht die Mining-Maschinen war, die ich für teuer hielt, und schon gar nicht unsere billigen Arbeitskräfte, sondern der Strom“, sagt der Arbeiter. Die Mine in Ordos sei ihm wie ein schwarzes Loch des Stromverbrauchs vorgekommen.

Es ist Pekings Sicht auf die Dinge. Denn der Arbeiter, dessen Name nicht genannt wird, schildert seine Erlebnisse der staatlichen Nachrichtenagentur Xinhua, dessen Berichte dem favorisierten Narrativ der Führung in Peking entsprechen. Die hatte schon 2017 den Erwerb und den Handel mit Kryptowährungen, die dezentral und als Alternative zum klassischen Finanzwesen angelegt sind, untersagt. Stattdessen soll die staatliche Digitalwährung, der digitale Yuan, den chinesischen Markt bestimmen. Anders als der Bitcoin wird der chinesische digitale Yuan nicht auf einer Blockchain basieren, sondern wird der chinesischen Zentralbank größtmögliche Einsichten in die Finanzströme bieten. Bitcoin-Minen hingegen blieben bislang weitestgehend verschont. Am 21. Mai jedoch verkündete der chinesische Vize-Premier Liu He vor einer Gruppe von Finanzbeamten, dass die Regierung "Bitcoin-Mining und Handelsaktivitäten bekämpfen" werde, um die finanzielle Stabilität zu gewährleisten. Das ist aber nicht der einzige Grund für den Crackdown.

Jährlicher Stromverbrauch vergleichbar mit dem Argentiniens

Etwa 70 Prozent der Bitcoin-Minen sind in China aufgebaut. Im Winter verbrauchen sie günstigen Kohlestrom in Xinjiang und der Inneren Mongolei, im Sommer ziehen einige etwa nach Sichuan um, um dort den Strom der Wasserwerke zu nutzen. Dem Cambridge Bitcoin Electricity Consumption Index zufolge verbrauchen die Bitcoin-Minen weltweit jährlich etwa 141 Tetrawattstunden, das entspricht etwa dem Stromverbrauch Argentiniens oder auch 0,5 Prozent des globalen Stromverbrauchs.

Grund für den enormen Stromverbrauch ist die Form der Schürfung. Die Rechenleistung aus den Minen wird für die Validierung und Verschlüsselung von Bitcoin-Transaktionen zur Verfügung gestellt, dafür werden die Betreiber der Minen mit der virtuellen Währung entlohnt – wenn sie als erste liefern konnten. Der Wettbewerb um neue Bitcoin-Einheiten, die alle zehn Minuten freigegeben werden, ist in den vergangenen Jahren rasant angewachsen. Die Bitcoin-Anzahl ist gedeckelt auf 21 Millionen, bisher sind etwa 19 Millionen geschürft. Vor wenigen Monaten war der Wert eines Bitcoins bis auf 60.000 US-Dollar gestiegen. Tesla-Chef Elon Musk, der den Bitcoins im März zu einem Rekordhoch verholfen hatte, als er sie als Bezahlungsart anerkannte, sorgte auch für den jähen Absturz der Kryptowährung. Denn keine zwei Monate später twitterte Musk, er sei besorgt über „die schnell zunehmende Nutzung fossiler Brennstoffe für das Schürfen von Bitcoin - und die damit verbundenen Transaktionen". Tesla werde Bitcoin erst wieder einsetzen, wenn die Kryptowährung eine bessere Umweltbilanz vorlegen könne. Als Folge brach der Kurs ein: Derzeit ist ein Bitcoin nur noch etwa 35.000 US-Dollar wert.

Auch die chinesische Regierung stützt das Verbot der Minen nun auf Klimaschutz-Argumente. Abwegig ist das nicht, schließlich will China bis 2060 klimaneutral werden, und dem Ziel stehen die Emissionen in Verbindung mit dem Kohlestrom-Verbrauch der Minen entgegen. „Die chinesische Regierung hat sich dazu entschieden, ihre Versprechen aus dem Pariser Abkommen ernster zu nehmen. Zum einen, weil China so in der internationalen Arena Pluspunkte sammeln und zeigen kann, dass Peking den Klimawandel ernst nimmt. Auf der anderen Seite hat China auch ein Versorgungsproblem. Bitcoin ist so unglaublich energiehungrig, dass man sich das einfach nicht mehr leisten kann“, sagt Kai von Carnap, Blockchain-Experte von Merics. Er ist davon überzeigt, dass das Ende der Bitcoin-Minen ein konsequenter und langfristiger Schritt ist. Andere Experten sind von der Durchsetzung noch nicht restlos überzeugt. Anzeichen dafür gibt es aber durchaus: „Es gibt jetzt schon erste Berichte von den großen chinesischen Mining-Firmen, die davon sprechen, dass sie ihr Equipment nach Kasachstan, Nordamerika oder Georgien exportieren und ihre Produkte mittlerweile auch nicht mehr in China anbieten“, sagt von Carnap. Zudem seien inzwischen Social-Media-Kanäle von großen Mining-Unternehmen in China gesperrt. Energieversorger seien dazu angehalten worden, keine Energie mehr an Bitcoin-Mining-Firmen abzugeben.

„Gesamtgesellschaftlich hat sonst niemand einen Nutzen“

Wie geht es nun für die Mining-Industrie weiter? Erwartet wird, dass sich die Firmen in anderen Regionen der Welt ansiedeln, etwa in den USA oder in Kasachstan. „Das ist eine Chance auf dem globalen Level“, sagt Merics-Experte von Carnap. Wenn sich die Mining-Unternehmen in Texas ansiedeln, müsse sich die US-Regierung überlegen, ob sie Blockchain-Algorythmen unterstützen und mit Energie versorgen will, die am Ende verpuffe. „Denn diese Rechenleistung wird belohnt in der Form, dass die Person dahinter Geld bekommt. Aber gesamtgesellschaftlich hat sonst niemand einen Nutzen davon.“

Dass sich die chinesische Regierung dem Bitcoin-Mining erwehrt, sei absolut richtig, aber auch längst überfällig. „Es wäre auch eine wichtige Aufgabe für die internationale Gemeinschaft, mit China zusammen dieses Miningproblem international anzuerkennen, anstatt es sich jetzt verteilen zu lassen auf Dutzende Länder, wo es vielleicht deutlich schwerer wird, es international zu regulieren“, sagt von Carnap. Es gibt unterschiedliche Ansichten darüber, ob eine Zunahme von Naturstrom das Problem schon lösen könne – oder ob das System an sich den Stromverbrauch jedweder Art nicht rechtfertigt. Bitcoin-Befürworter entgegnen, dass auch im klassischen Finanzsektor viel Strom aufgebracht werden muss, etwa für Büros und Rechner der Mitarbeiter.

Auch wenn das komplette Aus für Kryptowährungen in China sich zumindest für Mitglieder der Tech-Industrie schon lange abzeichnete, gibt es in der chinesischen Öffentlichkeit durchaus gemischte Reaktionen darauf, beobachtet von Carnap. Viele würden mit Kryptowährungen und Bitcoin auch eine internationale Technologie verbinden, die für eine sehr progressive, liberale, westliche Welt stehe. Genau für diese hat die chinesische Regierung Berichte wie den aus Ordos schreiben lassen – damit nicht etwa das Bild eines ungerechtfertigt unterdrückenden Staates entsteht.

Vanessa Steinmetz ist Projektassistentin im FNF-Regionalbüro in Bangkok.

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Helena von Hardenberg, Presse und Digitale Kommunikation
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