Sommerurlaub
Südeuropa: Am Tropf des Tourismus

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Italien

Beginnen wir dort, wo die Zitronen blühen und wohin schon Goethe so gerne reiste: Italien. Das Land wurde in Europa als erstes von der Coronavirus-Pandemie heimgesucht und musste knapp 35.000 Tote beklagen. Jüngst wurden in routinemäßig im Dezember entnommenen Abwasserproben aus Mailand genetische Spuren des Erregers Sars-CoV-2 nachgewiesen. Die Bilder von Särgen in Militärfahrzeugen in der Provinz Bergamo haben sich ins Gedächtnis eingebrannt und bilden einen scharfen Kontrast zum Dolce-Vita-Klischeebild. Nun gehen die Fallzahlen zurück und eine Einreise ist seit dem 15. Juni für Bürger aller EU- und Schengen-Staaten möglich. Der Tourismus soll mit entsprechenden Sicherheitsvorkehrungen wieder auferstehen: in Hotels wird bei Neuankünften mit Thermoscannern Fieber gemessen, Atemschutzmasken sind in öffentlichen Verkehrsmitteln und Geschäften Pflicht – in Restaurants dürfen sie am Tisch abgelegt werden. Der Mindestabstand zu anderen Personen beträgt mindestens einen Meter, in Südtirol sind es sogar zwei Meter. Der Zugang zu Strandbädern muss vorab gebucht werden, 3,50 Meter Abstand müssen zwischen den Sonnenliegen eingehalten werden. Die Tracing-App „Immuni“ soll helfen, Infektionswege nachzuverfolgen. Über flächendenkende Corona-Tests für ankommende Touristen wird in Italien ebenso wie in Spanien noch diskutiert.

Im Wettbewerb um zahlende Reisekundschaft wirbt Italien energisch: „Die Schönheit Italiens war nie in Quarantäne", sagt Ministerpräsident Giuseppe Conte. Der Tourismus ist "Italiens Öl" lautet ein Sprichwort, ein Mantra, das italienische Politiker häufig wiederholen. Vor allem seit die Wirtschaft stagniert, stellt der Tourismus eine noch wichtigere Lebensader dar als zuvor. Im vergangenen Jahr zum Beispiel schrumpfte die Industrieproduktion Italiens um 2,4 Prozent, während der Tourismus um 2,8 Prozent wuchs. Der Sektor trägt rund 13 Prozent zur Wirtschaftsleistung bei. Die Frühjahrssaison ist für die Fremdenverkehrswirtschaft bereits weggefallen, seit März bedeutet das Einnahmeausfälle in Höhe von 20 Milliarden Euro. Tausende Küstenkilometer und dutzende Weltkulturerbe-Stätten sind verwaist, Unterkünfte nach wie vor geschlossen. Kapazitätsbeschränkungen für Restaurants verursachen trotz Lockerungen leere Tische und Kassen. Es fehlt an Liquidität, weil kein Umsatz generiert wurde, Kosten aber weiterliefen. Staatliche Unterstützung wurde nicht schnell und unbürokratisch genug ausgezahlt. 270.000 Unternehmen sind in Italien in ihrer Existenz bedroht, warnte der Dachverband des Handels Confcommercio. Ohne substanzielle Hilfen ist der gewerbliche Mittelstand als Motor des Wohlstands mit seinen Arbeitsplätzen in Gefahr. Vier Millionen Italiener sind im Tourismus oder vom Tourismus abhängigen Branchen tätig. Während der wirtschaftlich starke Norden durch die hohen Covid-19-Fallzahlen lahmgelegt wurde, steht dem ohnehin schon von hoher Arbeitslosigkeit geplagten Süden eine zusätzliche Schwächung bevor. Verschiedene Szenarien prophezeien dieses Jahr einen Rückgang des Bruttoinlandsproduktes (BIP) zwischen 8,3 und 14,0 Prozent. Eine der höchsten Steuerlasten in der EU, eine ausufernde Bürokratie und Schulden von fast 2.500 Milliarden Euro: Seit Jahren mangelt es an politischem Willen und Reformdynamik, den Schuldenberg abzubauen. Die Gesamtverschuldung könnte nach der Krise auf fast 160 Prozent – gemessen am Bruttoinlandsprodukt – steigen, fürchten Ökonomen. Diskutiert werden müssten strategische Investitionen, die zu mehr Produktivität, Innovation und Wettbewerbsfähigkeit führen und die gesamten Auswirkungen der Eindämmungsmaßnahmen in den Blick nehmen.

Gegen die Folgen für die Wirtschaft und Bürgerfreiheiten richtet sich vermehrt öffentlicher Protest. In die Forderung nach mehr europäischer Solidarität mischt sich in der emotional geführten Debatte bei vielen Italienern Wut wegen vermeintlich unzureichender Hilfe aus der EU zu Beginn der Krise. Oppositionschef der Lega, Matteo Salvini und Giorgia Meloni von der ultrarechten Partei Fratelli d’Italia, könnten aus dieser Stimmung politisches Kapital schlagen und Italien zurück auf einen rechtspopulistischen Kurs bringen. Die Regierungskoalition aus Partito Democratico und der Fünf-Sterne-Bewegung verfügt nur über eine knappe Mehrheit im Parlament und ist chronisch zerstritten. Mit dem Ende der Reisebeschränkungen ist auch das Klima der nationalen Einheit umgeschlagen, das zu Beginn der Krise half, politisch handlungsfähig zu werden und die Bekämpfung der Infektion einzuleiten.

Spanien

In Spanien verbreitete sich das Virus mit über 246.000 Infektionen (bei 28.000 Toten) noch stärker als in Italien. Am Wochenende endete nun der Alarmzustand und die 14-tägige Quarantänepflicht für Reisende aus dem Ausland wurde aufgehoben. Zeitgleich brachte die spanische Regierung Regeln für die "neue Normalität" auf den Weg. Der Deeskalationsplan beinhaltete vier Phasen ohne feste Termine. Die asymmetrische Lockerung variiert innerhalb des spanischen Territoriums, je nach Übertragungsrate und Auslastung des Gesundheitssystems in der jeweiligen Provinz. Über die konkreten Maßnahmen (mit Ausnahme der Freizügigkeit) entscheiden die zuständigen Gemeinden.

Auf den Balearen, deren Wirtschaftsleistung zu einem Drittel am Tourismus hängt, konnten deutsche Urlauber schon eine Woche vor der offiziellen Grenzöffnung testen, wie sich der Sommerurlaub in Spanien unter Pandemie-Bedingungen anfühlt. Das Pilotprojekt sah einen Probebetrieb vor, mit Sicherheits- und Hygieneregeln, Weiterbildungsangeboten für Angestellte, Fiebermessen am Flughafen und der Einholung persönlicher Daten durch die Gesundheitsbehörde, um die Urlauber täglich anzurufen und nach möglichen Symptomen von Covid-19 zu befragen. Die Aktion löste ein großes Medienecho aus, neben viel Publicity für die Insel gab es auch vereinzelt Kritik. Anwohner waren empört, dass Experimente mit der Gesundheit gemacht werden und Touristen auf die Insel reisen dürfen, während der innerspanische Personenverkehr noch nicht komplett freigegeben war.

Fast zwei Monate lang verhängte Spanien, ähnlich wie Italien, eine der strengsten Ausgangssperren in Europa und schränkte persönliche Freiheiten massiv ein - nur der Gang zum Arzt, Supermarkt oder zur Apotheke war erlaubt. Die linke Minderheitsregierung von Ministerpräsident Pedro Sanchez wurde für ihre Entscheidungsprozesse und einseitigen Schritte kritisiert. Maßnahmen, die einmal in Krisenfällen in Kraft gesetzt wurden, werden oft nicht so leicht wieder zurückgenommen. Diese Situation darf daher niemals zur "neuen Normalität" erklärt werden. Der Alarmzustand wurde in Spanien mit Unterstützung des Parlaments verfassungskonform mehrmals verlängert, wodurch viele Kompetenzen der Regionen auf Madrid konzentriert wurden. Die liberale Partei Ciudadanos forderte die Regierung auf, einen stichhaltigen Finanzplan zur Wiederbelebung des Tourismussektors mit Kreditlinien in Milliardenhöhe auszuarbeiten. Investiert werden sollen 4,2 Milliarden Euro u.a. in Hygienestandards, Unternehmensförderungen, Nachhaltigkeit, Digitalisierung, Werbeprojekte und Datenerfassung. Spanien ist wirtschaftlich wenig diversifiziert, der Tourismus erwirtschaftet rund 14 Prozent des BIP. Etwa 4 Millionen Arbeitsplätze sind seit Beginn der Pandemie bereits verloren gegangen, besonders im Gastgewerbe, da dort ein hoher Anteil von „prekärer“ Beschäftigung anzutreffen ist. Der Präsident der spanischen Zentralbank erwartet, dass die Wirtschaft in diesem Jahr um bis zu zwölf Prozentpunkte schrumpfen und die Arbeitslosenquote auf 19 Prozent ansteigen könnte.

Die Polarisierung im spanischen Parteiensystem erschwert eine adäquate Antwort auf die Herausforderungen. Während in Italien zumindest zu Beginn der Pandemie ein nationaler Konsens von den politischen Parteien angestrebt wurde, ist Spanien auch in der Krise von einer aufgeheizten innenpolitischen Stimmung geprägt. Die rechtspopulistische Partei "VOX" ("Stimme") profitiert von dieser Situation, Tausende folgten zuletzt ihrem Aufruf bei Kundgebungen in Madrid, Barcelona und anderen Städten gegen die Regierung zu protestieren. Sánchez und sein Kabinett blicken möglicherweise neidisch über die Grenze nach Portugal, wo eine andere sozialistische Minderheitsregierung zugibt, dass ihr die Unterstützung der Oppositionsparteien im Kampf gegen Covid-19 geholfen hat.

Portugal

Das Nachbarland Portugal wurde zunächst für seine frühe Reaktion zur Eindämmung von Covid-19 gelobt. Es gab nur hundert Infektionen und noch keinen Todesfall, da wurde schon der Alarmzustand ausgerufen. Doch der Wind hat sich gedreht: Portugal wird erst ab dem 1. Juli die Grenzen wieder öffnen. Das Land am Atlantik verfügt mittlerweile über knapp 40.000 Infizierte und ist überraschend eines der EU-Länder mit den meisten Covid-19-Neuerkrankungen, regionale Schwerpunkte sind Lissabon, Porto und der Norden. Deshalb gelten hier weiterhin strenge Sicherheitsmaßnahmen. In öffentlichen Verkehrsmitteln und Geschäften muss Mund-Nasen-Schutz getragen werden und es gilt im öffentlichen Raum die Mindestabstandsregel von 2 Metern. Menschenansammlungen von mehr als zehn Personen sind verboten, Restaurants, Cafés nur mit 50 Prozent der Kapazität geöffnet. Der Badebetrieb des Landes wurde bereits unter Auflagen wiederaufgenommen, die Auslastung an Stränden wird per Ampel-App überwacht. Das aktuelle Infektionsgeschehen bedroht Portugals Ruf, ein "risikoarmes Covid-19-Ziel" zu sein. Die Tourismusbranche erwirtschaftet 15 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Im vergangenen Jahr gaben allein in Portugal 27 Millionen Ausländer mehr als 16 Milliarden Euro aus, Tendenz steigend. Das Land hat relativ wenig Industrie, der Tourismus ist in einigen Gebieten die einzige Einnahmequelle. Portugal hat Schulden in Höhe von etwa 120 Prozent der Wirtschaftsleistung, mühsam wurde der Haushalt in den letzten Jahren saniert - und droht nun wieder zum Problemfall zu werden. Die Linksregierung war zudem in den vergangenen Monaten ausgabefreudig und verteilte Steuergeschenke an die Wähler. Die Bilanzen portugiesischer Banken weisen einen hohen Anteil fauler Kredite auf. Der Geldmangel in der portugiesischen Wirtschaft wird auch dadurch greifbar, dass ca. 85 Prozent der öffentlichen Investitionen aus europäischen Fördergeldern stammen. Die drohende wirtschaftliche Rezession wird das Modell der tolerierten Minderheitsregierung von Premierminister Antonio Costa auf die Probe stellen.

Tourismusindustrie intelligent wiederbeleben

Die drei Länder im Süden stehen wieder auf wackeligen Beinen und das weckt traumatische Erinnerungen. Die Tourismusindustrie war einer der Haupttriebkräfte für die wirtschaftliche Erholung nach der Euro-Krise, da sie andere Industrien wie z.B. die kommerzielle Luftfahrt in Gang brachte. Daher ist die Frage der Wiederbelebung des Tourismus als Schlüsselbranche von elementarer Bedeutung. Natürlich hat der Massentourismus auch seine Schattenseiten, doch gerade in der Krise liegt die Chance für neue Konzepte. Die bisherigen Regelungen gleichen jedoch einem Flickenteppich. Der Wirkungszusammenhang zwischen den Beschränkungen und dem Erreichen der Ziele ist häufig widersprüchlich. Es fehlt eine einheitliche Strategie, wie Verkehr, Logistik und Transport koordiniert werden sollen. Der Schlüssel zur Bekämpfung grenzüberschreitender Gesundheitsbedrohungen ist ein koordiniertes Handeln durch Zusammenarbeit auf europäischer Ebene. Doch trotz Expertengremien gibt es derzeit nur wenig ganzheitliche „Smart Safety-Lösungen“, die Risiken minimieren und intelligente und kohärente Abläufe ermöglichen würden. Eine zweite Pandemie-Welle ist nicht ausgeschlossen. Für die Länder in Südeuropa ist jeder Gast umso mehr willkommen, der Rücksicht für die erschwerten Bedingungen mitbringt.