Afghanistan
Die sozial-politischen Veränderungen unter dem Taliban Regime

Stimmen aus den Straßen von Kabul
In the midst of the Taliban- Aug 2021

In the midst of Taliban- Aug 2021

© Azaz Syed TW@AzazSyed

Seit dem 15. August 2021 haben die Taliban die Kontrolle über Afghanistan übernommen, was bedeutet, dass die Spitzenpositionen der Regierung nun mit neuen Personen besetzt sind. Von den Taliban ernannte amtierende Minister und Abteilungsleiter haben die Leitung der einzelnen Ministerien übernommen. Die Sekretariatsmitarbeiter - diejenigen, die sich mit Ablageystemen, Computern und der Verwaltung von Dokumenten auskennen - kehren aus Angst um ihr Leben noch immer nicht zurück, so dass die meisten Regierungsstellen weiterhin lahmgelegt sind.

An der politischen Front finden die wichtigsten Entscheidungen in Kandahar (500 km südlich der Hauptstadt Kabul) statt, wo der Taliban-Amir und seine "Schura" heimlich tagen. Obwohl diese die wichtigsten politischen Entscheidungsträger sind, spielen in der Praxis Mullah Abdul Ghani Baradar, Mullah Yaqoob und Sirajud Din Haqqani die Hauptrolle bei der Bildung der neuen Regierung.

Neben dem Machtspiel in Kandahar vollziehen sich in Kabul und anderen städtischen Ballungszentren Afghanistans rasche soziale Veränderungen. Ich möchte hier meine Beobachtungen teilen.

Das erste, was mir im Hotel in Afghanistan auffiel, war, dass es keine Hochzeitsfeiern und somit auch keine Musik mehr gab.

Azaz Syed, Journalist

Eine Geschichte von zwei Monaten: Juli und August 2021

Ich verbrachte die ersten zwei Wochen des Juli 2021 in Kabul, kurz bevor die Taliban die Macht übernahmen. Ich wohnte in einem örtlichen Hotel in der Sulah Road, die ungefähr zwischen der "Roten Zone" (einer Ansammlung hochrangiger Regierungsgebäude auf einer Fläche von etwa 2 Quadratkilometern) und "Shahr-e-Naw" (einem neu errichteten Gewerbegebiet in der Innenstadt) lag. Diese Lage bot mir viele Gelegenheiten, das Leben auf der Straße und die sozialen Aktivitäten im Hotel zu beobachten. Es gab Hochzeitsfeiern mit lauter Musik. Die Frauen, die zu diesen Partys kamen, trugen knallige Lippenstift und Make-up - manchmal in traditioneller Kleidung, manchmal in westlichen Kleidern. Zu dieser Zeit ging ich oft zum Mittag- oder Abendessen in das Kabuler "Shahr-e-Naw". Eines Tages stieß ich sogar auf ein kleines, aber attraktives Geschäft für Musikinstrumente, wenn ich mich an den Namen richtig erinnere: Guitar Shop!

Genau einen Monat nach dem Ende dieses Aufenthalts besuchte ich Kabul erneut und wohnte Mitte August 2021 im selben Hotel. Dieses Mal waren die Dinge deutlich anders. Es war erst zwei Tage her, dass die Taliban die Macht übernommen hatten. Das erste, was mir im Hotel auffiel, war, dass es keine Hochzeitsfeiern mehr gab und somit auch keine Musik mehr zu hören war. Als ich diesmal in Richtung Shahr-e-Naw ging, bemerkte ich auch, dass das Schild des Musikladens abgenommen worden war und die Schaufenster - die zuvor mit Musikinstrumenten gefüllt waren - nun leer waren. Und das war noch nicht alles. Nach der Kontrolle durch die Taliban hat auch der größte Popstar Afghanistans, Aryana Sayeed, das Land verlassen. Sie gehört wahrscheinlich zu den wenigen Sängerinnen und Musikern, denen es gelungen ist, das Land zu verlassen. Viele sind noch hier und versuchen, neue Jobs zu finden, um Geld zu verdienen. Die Taliban haben offiziell verkündet, dass Musik im Land nicht erlaubt sei, da sie im Islam verboten sei.

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Ich habe auch beobachtet, dass Frauen - vor allem junge, gebildete Frauen - in öffentlichen Einrichtungen und privaten Unternehmen nicht mehr zu sehen sind. Diejenigen, mit denen ich sprach oder die ich traf, trugen weder Lippenstift noch Make-up noch westliche Kleider, sondern nur Burkas.  In der Nähe des internationalen Flughafens Hamid Karzai und vor verschiedenen Botschaften sah ich eine Flut von Burka-gekleideten Frauen, flankiert von Kindern und männlichen Familienmitgliedern.

Bei meinem Treffen mit Zabihullah Mujahid - dem offiziellen Sprecher der Taliban - sprach ich die Frage nach den Frauenrechten in Afghanistan an, worauf er kurz und knapp antwortete: "Wir würden den Frauen im Rahmen der Scharia Rechte zugestehen, aber wir möchten, dass die Frauen ihre Rolle in den Bereichen Bildung und Gesundheit spielen".

Behutsam und ängstlich: Anzeichen für ein Vertrauensdefizit

Vor allem junge, gebildete Männer und Frauen versuchen, Afghanistan zu verlassen, weil sie ein großes Vertrauensdefizit gegenüber der neuen afghanischen Regierung haben.

"Alle fliehen aus diesem Land, auch ich versuche das. Die Hälfte meiner Kameraden ist bereits geflohen, der Rest versucht zu fliehen", sagte mir Mujib, 22, Absolvent einer amerikanischen Universität, als er vor der pakistanischen Botschaft stand. Auf meine Frage nach dem Grund für seinen Fluchtversuch antwortete er: "Wir trauen den Taliban wegen der Vergangenheit nicht".

Seit dem Abzug der US-Streitkräfte und des diplomatischen Personals aus Kabul hat die Menschenmenge vor dem internationalen Flughafen Hamid Karzai deutlich abgenommen, aber die Sicherheitsvorkehrungen sind immer noch in höchster Alarmbereitschaft.

Abgesehen vom Flughafenbereich ist die Stadt Kabul im Allgemeinen friedlich. Die Taliban-Kämpfer sind an allen wichtigen, früher von der Polizei besetzten Stellen präsent. Die afghanische Polizei hingegen ist weder vollständig präsent noch sichtbar. Nur an bestimmten Kontrollpunkten führen die Verkehrspolizisten ohne besondere Vorkommnisse ihren Dienst aus.

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Die Banken Afghanistans wurden geschlossen, nachdem die USA entschieden haben, die Auslandsreserven in Höhe von 9 Milliarden Dollar einzufrieren. Es dürfen nur noch 200 Dollar vom eigenem Konten oder am Geldautomaten abgehoben werden. Diese Situation hat auch zu einem Preisanstieg im Lande geführt, der das Leben der einfachen Bürger weiter erschwert.

Obwohl die meisten Leute auf der Straße es aus Angst vor Konsequenzen vermeiden, die Taliban und ihren unfähigen Regierungsstil zu kritisieren, gibt es doch einige Jugendliche, die über die afghanische Flagge zu Sprechen. Diese wurde durch die neue schwarz-weiße "Emirat e Islami"-Flagge ersetzt. Das Thema ist eine der wenigen Möglichkeiten, die Taliban zu kritisieren. Die Jugendlichen, mit denen ich sprach, waren der Meinung, dass die Flagge nicht ersetzt werden darf.

Über die schwarz-weiße "Emirat e Islami"-Flagge zu sprechen, ist eine der wenigen Möglichkeiten, die Taliban zu kritisieren.

Azaz Syed, Journalist

Die Medien spielen in jeder Gesellschaft eine Schlüsselrolle und die Taliban haben angekündigt, den Medien völlige Freiheit zu gewähren. Trotzdem haben die meisten prominenten Journalisten aus Angst vor den Taliban entweder das Land oder ihren Arbeitsplatz verlassen. Einige wenige, die noch in der Branche arbeiten, versuchen heimlich zu fliehen.

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Die Kontrolle der Taliban in Afghanistan führt offenbar dazu, dass das Land rapide immer unfreier wird. Der Frieden in Afghanistan scheint zwar zu kommen, doch sein Preis ist sehr hoch.

About Author

Azaz Syed ist ein preisgekrönter pakistanischer investigativer Journalist und Autor, der für Pakistans größtes Mediennetzwerk @GeoNews_Urdu und @TheNews_Int arbeitet. Sein Buch "The Secrets of Pakistan's War On Al-Qaeda" (Die Geheimnisse von Pakistans Krieg gegen Al-Qaida), das 2015 veröffentlicht wurde, ist in Pakistan ein Bestseller und er schreibt regelmäßig für die Tageszeitung "Jang", die auflagestärkste Urdu-Zeitung des Landes. Außerdem schreibt er auch in @BBCUrdu. Er ist der einzige pakistanische Journalist, der den späteren Aufstieg der Taliban und den Sturz des Ashraf-Ghani-Regimes miterlebt hat, da er kurz vor und nach dem Fall von Kabul in Afghanistan war.