Sicherheitspolitik
Münchner Sicherheitskonferenz: 3 Erkenntnisse für Europas Zukunft
Polizeiauto patrouliiert vor dem Tagungsort am 12.02.2026. Sicherheitskonferenz MSC Munich Securiy Summit vom 13.02.-15.02.2006 im Hotel Bayerischer Hof.
© picture alliance / SvenSimon | Frank Hoermann / SVEN SIMONDie 62. Münchner Sicherheitskonferenz, die vor dem Hintergrund rascher geopolitischer Veränderungen stattfand, machte die anhaltenden Risse in den transatlantischen Beziehungen und die Notwendigkeit für Europa deutlich, seinen Platz in der globalen Sicherheit dringend neu zu definieren. Bei der diesjährigen Konferenz ging es weniger um großartige Erklärungen als vielmehr um die Auseinandersetzung mit reinen Tatsachen: Die regelbasierte internationale Ordnung steht unter beispiellosem Druck, die Vereinigten Staaten gestalten ihre globale Rolle neu, und Europa wird widerwillig dazu gedrängt, seinen eigenen Weg zu gehen. Hier sind drei wichtige Erkenntnisse aus den Diskussionen in München.
Amerika first, Europa second?
Die sich wandelnden Positionen innerhalb der transatlantischen Beziehungen waren das Gesprächsthema in München. Nach der provokanten Rede des US-Vizepräsidenten J.D. Vance in München im letzten Jahr und der Grönlandkrise Anfang 2026, waren die Verbündeten gespannt darauf, neue Botschaften aus Washington zu hören. Der diesjährige Redner war US-Außenminister Marco Rubio, ein ehemaliger Russland-Falke, der im Rahmen der zweiten Trump-Regierung eine bemerkenswerte Kehrtwende vollzogen hat.
Als Rubio die Bühne betrat, schlug er einen versöhnlicheren Ton an. Inhaltlich blieben seine Aussagen jedoch im Einklang mit Trumps Politik. Die USA seien entschlossen, die Weltordnung neu zu gestalten und Europa sei eingeladen, sich daran zu beteiligen, aber nur zu den Bedingungen der USA. Rubios Forderung nach einer wiederbelebten transatlantischen Partnerschaft war gespickt mit den bekannten MAGA-Themen „gemeinsame Geschichte, christlicher Glaube, Kultur, Erbe, Sprache und Abstammung“. Obwohl er höflichen Applaus erhielt, blieb die Frage offen: Ist es wirklich das, was Europa will?
Ungeachtet Rubios Beteuerungen zeigten sich die europäischen Staats- und Regierungschefs offen kritisch und zunehmend skeptisch. Die USA sind nicht mehr der verlässliche Garant der Nachkriegsordnung, der sie einst waren. Stattdessen verfolgen sie nun eine transaktionale, interessenorientierte Außenpolitik. Für Europa ist die Wahl klar: Entweder eine untergeordnete Rolle in einem von den USA angeführten Streben nach globaler Vorherrschaft akzeptieren oder die Bemühungen um strategische Autonomie beschleunigen.
Die USA sind nicht mehr der verlässliche Garant der Nachkriegsordnung, der sie einst waren. Stattdessen verfolgen sie nun eine transaktionale, interessenorientierte Außenpolitik.
Die regelbasierte liberale Ordnung ist noch lebendig, muss aber neu erfunden werden
Der deutsche Bundeskanzler Friedrich Merz gab schon früh während der Konferenz den Ton an: „Die regelbasierte internationale Ordnung, so unvollkommen sie auch sein mag, existiert in ihrer alten Form nicht mehr.“ Seine Einschätzung wurde auch von anderen geteilt, darunter auch vom französischen Präsidenten Emmanuel Macron, der argumentierte, dass Europa „unsere Sicherheitsarchitektur neu organisieren“ müsse, um den modernen Herausforderungen gerecht zu werden. Der Konsens in München war nicht, dass die regelbasierte Ordnung tot ist, sondern dass sie sich weiterentwickeln muss. Andernfalls droht in einer Ära des Wettbewerbs der Großmächte der eigene Bedeutungsverlust.
Die Konferenz offenbarte ferner eine große Herausforderung: Während sich die USA aus ihrer traditionellen Führungsrolle zurückziehen, ringt Europa noch immer damit, wie diese Lücke überwunden werden kann. Die alte Ordnung, die auf der amerikanischen Hegemonie und multilateralen Institutionen beruhte, weicht einer fragmentierten, multipolaren Welt. Die Herausforderung für Europa besteht darin, die Prinzipien der regelbasierten Ordnung zu verteidigen und sie gleichzeitig an eine Realität anzupassen, in der die Macht diffuser und die Allianzen weniger sicher geworden sind.
Die Entstehung einer neuen europäischen Sicherheitsarchitektur
Die vielleicht bedeutendste Entwicklung in München war der wachsende Konsens, dass Europa ein Rendezvous mit dem Schicksal haben muss. Macrons Forderung nach einer „europäischen Sicherheitsarchitektur” war nicht nur Rhetorik, denn zwischen Paris und Berlin laufen bereits Gespräche über sensible Themen wie eine gemeinsame nukleare Abschreckung. Auch Merz sprach von der Notwendigkeit, dass Europa seine Sicherheitsstrukturen „neu organisieren” müsse und signalisierte damit eine Verlagerung weg von der Abhängigkeit von der NATO hin zu einer stärker integrierten, autarken Verteidigungshaltung. Diese Ansichten wurden von der Hohen Vertreterin der EU, Kaja Kallas, geteilt. Diese sagte, dass sie an einer neuen Sicherheitsstrategie arbeite, die „alle Dimensionen der europäischen Sicherheit, von harter Sicherheit und Verteidigung bis hin zur wirtschaftlichen Sicherheit und Vorsorge” abdecke.
Wenn Europa mehr Kontrolle übernimmt, sollte es nicht darum gehen, die NATO zu ersetzen, sondern sie durch eine autarkere europäische Säule zu ergänzen.
Wenn Europa mehr Kontrolle übernimmt, sollte es nicht darum gehen, die NATO zu ersetzen, sondern sie durch eine autarkere europäische Säule zu ergänzen. Die Botschaft aus München war klar: Europa kann seine Sicherheit nicht länger an Washington auslagern. Der Krieg in der Ukraine, die Aussicht auf noch mehr russische Aggressionen und die Unsicherheit hinsichtlich der Verpflichtungen der USA haben den Drang nach strategischer Autonomie Europas beschleunigt. Die Frage ist nicht mehr, ob Europa eine eigene Sicherheitsarchitektur aufbauen wird, sondern wie und wann.
Fazit: Ein Moment der Abrechnung
Die Münchner Sicherheitskonferenz 2026 war ein Moment der Abrechnung. Die USA gestalten ihre globale Rolle neu, die regelbasierte Ordnung steht unter Druck und Europa ist gezwungen, sich seinen Schwachstellen zu stellen. Der Weg nach vorne ist schwierig, bietet aber auch neue Chancen. Wie Macron es formulierte: Europa müsse „stolz handeln und sich nicht diffamieren lassen”. Die Alternative wäre, eine von anderen gestaltete Welt zu akzeptieren. Die eigentliche Bewährungsprobe wird in den kommenden Monaten und Jahren kommen: Kann Europa seine neu gefundene Entschlossenheit in Taten umsetzen? Die Antworten darauf werden nicht nur die Sicherheit des Kontinents bestimmen, sondern auch Europas Platz in der Welt.