1 Jahr Militärputsch
Myanmar: “Viele Menschen sind traumatisiert”

Myanmar

Teilnehmerinnen in Abendkleidern nehmen an einem Protest teil und halten Schilder mit der Aufschrift «Save Myanmar. We don't want a military dictatorship!!!»

© picture alliance/dpa | Robert Bociaga

Vor rund einem Jahr setzte Myanmars Militär Regierungschefin Aung San Suu Kyi ab. Mehr als tausend Zivilisten wurden seitdem getötet, im ganzen Land sind Kämpfe ausgebrochen. Medizin-Student Min erzählt im Interview mit Freiheit.org, wie sich sein Alltag und das von Millionen Myanmaren verändert hat.

Min, 23, stand vor dem Abschluss seines Medizinstudiums – dann hat der Putsch sein Leben verändert. Seitdem schlägt er sich als Verkäufer von Second-Hand-Kleidungsstücken durch.

Der Putsch ist nun schon fast ein Jahr her. Wie haben Sie ihn damals erlebt?

Das ist schon fast ein bisschen komisch. Mein Freund und ich waren vor dem Putsch jeden Morgen sehr früh mit dem Fahrrad unterwegs. Das ist unsere Morgenroutine. Unser Onkel hatte uns bereits gewarnt. Er sagte, es hätte einen Putsch gegeben. Dabei kannte ich das Wort „Putsch“ gar nicht. Ich wusste nicht, dass es eine große Sache sein würde. Mein Freund und ich dachten, wir würden einfach eine etwas kürzere Fahrradtour machen.

Wie war die Stimmung in der Stadt?

Früher war die Stadt jeden Morgen voller Menschen. Sie machten Sport oder gingen gemütlich spazieren. Aber an diesem Tag sah man den Menschen die Sorge an. In den ersten Stunden nach dem Putsch war das Internet noch nicht abgeschaltet. Auf Facebook kündigten die Fernsehsender an, dass sie ihr Programm einstellen müssen. In den Kommentaren reagierten viele Leute sehr negativ. Mein Freund sagte, er könne nicht verstehen, warum die Leute so sauer sind, weil sie nicht fernsehen konnten. Wir waren so dumm. Erst als wir nach Hause kamen, erzählten uns die Älteren, dass sie nun eine ähnliche Entwicklung wie 1988 befürchteten.

Damals schlug das Militär einen demokratischen Aufstand nieder – der Auftakt einer mehr als 20 Jahre andauernden repressiven Militärdiktatur. Viele in Myanmar lehnen sich deswegen gegen den Staatsstreich auf. Rund drei Tage nach dem jüngsten Putsch kam es

Ich beteiligte mich mit meiner Medizinstudentenvereinigung und trug dabei meinen Dienstkittel. Am 28. Februar kam ich erst später zur Demonstration und meine Gruppe war schon weg. Kurz darauf kam es direkt neben mir zu Explosionen. Ich war kurz wie erstarrt; dann kam ein Taxifahrer und brachte mich weg. Per Telefon erfuhr ich, dass viele meiner Freunde verhaftet wurden. Nach dem Februar wurden die nächtlichen Proteste populär. Ich habe bis Ende März an allen Arten von Protesten teilgenommen. Danach wurden Straßenproteste zu gefährlich.

Covid hat Myanmar zusätzlich zum Putsch schwer getroffen. Gleichzeitig üben viele Beschäftige des Gesundheitswesen aus Protest gegen den Putsch zivilen Ungehorsam aus und streiken. Die medizinische Versorgung ist sehr schlecht.

Die dritte Covid-Welle im August hat Myanmar, und auch mein Viertel, sehr hart getroffen. Ich habe in einer nichtstaatlichen Pflegestation geholfen. Ich beobachtete die Patienten per Videoanruf und gab nach Rücksprache mit meinen Oberärzten medizinische Anweisungen. Da im ganzen Land Sauerstoffmangel herrschte, half ich außerdem dabei, Sauerstoffflaschen zu organisieren. Während dieser Zeit infizierte ich mich auch mit Covid-19.

Viele Studenten und Schüler gehen derzeit nicht in den Unterricht – aus Protest.

Meine Universität ist bereits seit einem Jahr wegen Covid-19 geschlossen. Aber selbst wenn sie geöffnet wäre, würde ich nicht hingehen. Wenn wir Studenten die Uni besuchten, würde das diejenigen, die wirklich an Revolution beteiligt sind, entmutigen. Und ich möchte, dass die Revolution gewinnt. Manche meiner Kollegen sind jetzt im Dschungel und haben sich dort dem Widerstand angeschlossen; einige sind gestorben. Viele sind getrennt von ihren Familien, vielleicht für immer. Sie haben viel geopfert. Im Vergleich zu ihnen ist es nichts, mein Studium nicht fortzusetzen.

Das ist kein kleines Opfer.

Ich hätte schon früh eine Menge Geld verdienen können, wenn ich kein Medizin-Studium begonnen hätte und stattdessen gearbeitet hätte. Meine Eltern sind Straßenverkäufer ohne regelmäßiges Einkommen. Aber sie wollten, dass ich Arzt werde – das würde sie stolz machen. Jetzt ist der Einsatz erst einmal umsonst gewesen.

Wie verdienen Sie jetzt ihr Geld?

Ich begann schon früh damit, als Nachhilfelehrer zu arbeiten. Aber derzeit kann ich auch damit kein Geld verdienen. Also begann ich über Facebook mit Klamotten zu handeln. Mittlerweile ist die Konkurrenz aber sehr groß. Deshalb verkaufe ich jetzt Secondhand-Kleidung auch auf der Straße. Am Anfang war es mir ein bisschen peinlich, mittlerweile komme ich damit klar. Anderen geht es wegen des Staatsstreiches deutlich schlechter.

Können Sie sich vorstellen ins Ausland zu gehen?

Ich würde gerne im Ausland mein Studium beenden, aber ich kann mir das nicht leisten. Ich unterstütze meine Eltern und spende Geld für den Widerstand. Ein Stipendium ist die einzige Chance für mich, im Ausland weiter zu studieren.

Was würden Sie gerne tun, wenn im Land wieder normale Verhältnisse herrschen?

Ich würde mein Studium abschließen und in einem staatlichen Krankenhaus arbeiten. Ich würde auch gerne eine Praxis in meinem Viertel eröffnen. Aber der Weg zur Normalität wird schwer, selbst wenn sich das Land stabilisiert. Viele Menschen sind traumatisiert.

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Helena von Hardenberg, Presse und Digitale Kommunikation
Helena von Hardenberg
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