Internationale Politik
Russland-Sanktionen: Chinas Suche nach Auswegen

Zug China

Bedeutender Handelsweg nach Europa

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Am 13. April verließ ein Zug mit 42 Containern das chinesische Xi’an in Richtung Mannheim. Die Container sollten erstmals durch eine Route über das Kaspische Meer nach Europa gelangen. Aufgrund von Unsicherheiten und Sanktionen werden viele chinesische Güter nicht mehr durch Russland nach Europa transportiert. Deshalb gerät neben dem Seeweg die Trans-Caspian International Transport Route als Alternative in den Fokus von Regierungen und Investoren.

Die Route ist auch als „mittlerer Korridor“ der chinesischen „Neuen Seidenstraße“ bekannt. Bei einem Treffen mit Kollegen aus den fünf zentralasiatischen Staaten hatte der chinesische Außenministers Wang Yi im Juni die weitere Entwicklung des mittleren Korridors angekündigt. Wang betonte die Bedeutung der Handelsrouten nach Europa.

Das Interesse an einem so umständlichen Handelsweg zeigt, dass China als Folge der Sanktionen gegen Russland im Zuge des Ukraine-Krieges neue Wege sucht. Denn der erst seit wenigen Jahren funktionale mittlere Korridor ist unter anderem wegen der Überquerung des kaspischen Meeres logistisch komplex und mit vielen Nadelöhren gespickt. Die Route kann bei derzeitiger Kapazität nur 3 bis 5 Prozent des Handels über die russischen Routen zwischen China und Europa bewältigen. Auch wenn ein Ausbau des entscheidenden Hafens in Baku 2020 fertiggestellt wurde, fehlt es zwischen Baku und Europa an verschiedenen Stellen noch an guter Infrastruktur. Investoren hatten gezögert, weil Nachfrage fehlte – das ändert sich nun. Im März verkündeten die Anrainerstaaten Türkei, Georgien, Azerbaijan und Kazakhstan, im Rahmen eines Joint Venture für flüssigere Abläufe an ihren Grenzen und für weitere Investitionen in den Mittleren Korridor sorgen zu wollen.

Chinesische Exporte nach Russland brechen ein

Gerade noch hat China seine „grenzenlosen Freundschaft“ mit Russland beschworen. Es ist daher nicht überraschend, dass Peking die Sanktionen im Zusammenhang mit dem Krieg in der Ukraine verurteilt. Die Strafmaßnahmen treffen auch Chinas Wirtschaft. Chinas Exporte nach Russland brachen jüngst um 38 Prozent ein. Hintergund sind westliche Sankionen, vor allem im Bereich Elektronik. Chinesische Unternehmen, die amerikanische Software für ihre Computerchips benutzen, fürchten sogenannte sekundäre Sanktionen aus Amerika, sobald sie die Chips nach Russland exportieren. Aufgrund dieser Furcht stiegen im Mai chinesische Tech-Firmen wie der Smartphone-Hersteller Xiaomi und der Laptop-Hersteller Lenovo leise aus dem russischen Markt aus. Damit kamen die beiden Unternehmen der US-Regierung zuvor, die im Juni 25 chinesische Unternehmen auf eine schwarze Liste setzte, weil sie Sanktionen gegen Russland missachtet hätten.

Rückzüge chinesischer Unternehmen schaden China und Russland. Moskau wird durch die erzwungene Abkopplung vom Westen immer abhängiger vom Handel mit Ländern wie China. Wenn China, bislang Russlands größter Lieferant von Technologieprodukten, weniger Smartphones und Laptops liefert, könnte das zu Engpässen führen.

Chinas Gratwanderung

An anderer Stelle profitiert Peking von den Entwicklungen seit dem Beginn des Krieges in der Ukraine. Weil der Westen immer weniger Rohstoffe aus Russland abnimmt, ist Moskau genötigt, diese günstig woanders anzubieten. China kauft immer mehr Rohöl aus Russland, mittlerweile 55 Prozent mehr als im Vorjahr, und ist damit nun Moskaus weltweit größter Abnehmer. Peking gelingt eine elegante Gratwanderung: China bekommt günstiges Rohöl, hilft seinem Freund Russland und verletzt dabei nicht einmal die Sanktionen.

Eine ähnlich geräuschlose Lösung sucht Peking nun bezüglich seiner Handelwege über Land nach Westen. Güter sollen ohne Russland-Risiko über den mittleren Korridor nach Europa gelangen können. Bislang ist das noch mühselig. Die 42 Container, die im April aus Xi’an über den „mittlerer Korridor“ und das Kaspische Meer nach Europa transportiert wurden, kamen erst nach fünf Wochen in Mannheim an. Über Russlands Schienen wären sie in zwei Wochen dort gewesen.

* Thomas Grosser ist derzeit Praktikant im FNF-Büro Seoul. Er studiert Sinologie (MA) an der Universität Münster.