Russland
Investigativer Journalismus unter Beschuss

Die Situation von Journalistinnen und Journalisten in Russland verschlimmerte sich von Jahr zu Jahr. 2021 kam es zu den bisher schlimmsten Repressionen gegen investigative Journalistinnen und Journalisten.
Russland – Investigativer Journalismus unter Beschuss

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Seit mehr als 30 Jahren spielt der investigative Journalismus in der russischen Gesellschaft eine viel größere Rolle als es in traditionellen Demokratien jemals der Fall war. Die Namen vieler Journalistinnen und Journalisten gewannen im Zuge von Gorbatschows Reformen der Glasnost-Politik („Offenheit“) an Bekanntheit. Das Problem war jedoch, dass es keine Standards für diesen neuen russischen Journalismus gab.

Dies traf russische Journalistinnen und Journalisten in den 1990er Jahren hart, als der Beruf des investigativen Journalisten sehr gefährlich wurde – mehrere von ihnen wurden getötet. Zudem kamen neue Risiken hinzu: vor allem Korruption, die der journalistischen Zunft erheblich schadete.

Putin duldet keinerlei Kritik 

Dies wurde in den 2000er Jahren vom Kreml ausgenutzt: Putin, der neue Präsident, duldete keinerlei Kritik an seiner Vorgehensweise und förderte daher ein neues Narrativ, nämlich, dass unabhängiger Enthüllungsjournalismus nicht existieren könne und dass diese Journalistinnen und Journalisten von ausländischen Akteuren bezahlt würden, um den russischen Staat anzugreifen. Gleichzeitig machte der Kreml sehr deutlich, dass die Finanzierung von investigativem Journalismus immense Kosten für Besitzerinnen und Besitzer von Medien bedeuten könnte.

Infolgedessen kam es in den darauffolgenden zehn Jahren zu einem starken Rückgang des investigativen Journalismus. Im Jahr 2008 kam ein neuer Präsident an die Macht: Dmitri Medwedew. Er trieb die Digitalisierung von staatlichen Dienstleistungen voran, was zu einer unerwarteten Entwicklung führte: Neue digitale Recherchemethoden entstanden gemeinsam mit neuen Teams und einem neu entfachten Interesse in der breiten Öffentlichkeit.

Die Lage verschlimmerte sich

Als Putin jedoch 2012 in den Kreml zurückkehrte, wendete sich das Blatt gegen den Journalismus. Die Lage verschlimmerte sich von Jahr zu Jahr und im Jahr 2021 kam es zu den bisher schlimmsten Repressionen gegen investigative Journalistinnen und Journalisten: Sie wurden mit allen notwendigen Mitteln aus dem Beruf sowie aus dem Land gedrängt, wobei das effektivste Mittel die skrupellose Anwendung des „Ausländische-Agenten-Gesetzes“ war. Jedoch zeigten die Projekte des russischen Enthüllungsjournalismus eine erstaunliche Widerstandsfähigkeit, auch wenn viele gezwungen waren, ihren Standort zu wechseln. Was sie nun von der internationalen Gemeinschaft brauchen, ist Solidarität, die in vielen Ausprägungen möglich ist.