Corona
Korea: Corona-Tod ohne Virus – Die unbesungenen Lieferhelden

Südkorea Lieferservice
Motorroller des Lieferdienstes Yogiyo. Die Firma gehört zu den Positivbeispielen mit festen Arbeitsverträgen und Sozialleistungen für die Mitarbeiter. © picture alliance / YONHAPNEWS AGENCY | Yonhap

Vom frühen Morgen bis in die tiefe Nacht gehören sie vor Gebäuden und in Hauseingängen zum vertrauten Bild: Lieferfahrer für Online-Händler. Die Zusteller haben oftmals eine 70-Stunden-Woche und ein Gehalt, das kaum für sie und ihre Familien ausreicht.

„Es ist zu viel. Ich kann einfach nicht mehr“: Diesen verzweifelten Appell schrieb Kim Dong-hee in einem Brief an seinen Arbeitgeber. Demnach musste er einfach einmal verschnaufen und wünschte sich nichts sehnlicher, als eine Schicht ausfallen zu lassen. Vier Tage später war er tot. Herr Kim war Lieferfahrer.

Sein Schicksal lässt momentan viele Südkoreaner darüber nachdenken, was für Menschen es sein mögen, die tagtäglich in ihrem Haus ein- und ausgehen und ihnen, meist unbemerkt, Waren vor die Tür stellen. Zu persönlichem Kontakt kommt es nur selten, denn es wird kaum etwas gestohlen und Trinkgelder sind in dieser Kultur unüblich. Die Waren werden im Akkord angeliefert, vor der Wohnungstür abgestellt und dann wartet auch schon der nächste Auftrag. Das geht den ganzen Tag so, manchmal 14 bis 16 Stunden am Stück. Herrn Kims letzte Schicht hatte 21 Stunden gedauert, wie die BBC berichtete. Als er starb war er 36 Jahre alt.

Gerade im asiatischen Kontext wird immer wieder darüber diskutiert, ob man sich „totarbeiten“ könne, ob das überhaupt physisch möglich sei. In Japan sollen es jedes Jahr 2.000 bis 3.000 Menschen sein, die sich zu Tode arbeiten. Manches dürfte eine Definitionsfrage sein, beispielsweise, ob ein Infarkt durch Überarbeitung ausgelöst worden ist oder nicht. Doch darum geht es hier nicht.

Ausbeutung, Selbstausbeutung und herrschende Verhältnisse

Die Corona-Pandemie, die verordneten Einschränkungen und die Angst vor Ansteckung haben den Online-Handel weltweit geradezu explodieren lassen. Im asiatisch-pazifischen Raum um gut 70 Prozent. Die für die Auslieferung zuständigen Logistikfirmen stehen unter großem Druck, den sie an ihre Subunternehmer und Mitarbeiter weitergeben.

Mehr als 50.000 Lieferanten arbeiten unter prekären Bedingungen in der Republik Korea. Wie in vielen Gebieten der südkoreanischen Wirtschaft teilen sich auch in der Logistikbranche einige große Firmen den größten Teil des Marktes auf. CJ Logistics berichtete für die erste Jahreshälfte 2020 eine Gewinnsteigerung von 21 Prozent, Hanjing Transportation gar 35 Prozent. Zusammen beherrschen beide fast zwei Drittel des Zustellmarktes.

Der typische Arbeitstag eines Lieferfahrers beginnt zwischen 5:00 und 7.00 Uhr morgens. In einem Verteilungsstützpunkt werden erst einmal die Pakete sortiert und in den Lieferwagen geladen. Diese stundenlange Arbeit ist unbezahlt, denn die Entlohnung erfolgt nach Anzahl der ausgelieferten Pakete. Das sind dann 250 bis 350 Pakete täglich, für die es pro Stück 800 Won (etwa 60 Eurocent) gezahlt werden. Am Ende des Monats bleiben im Hochpreisland Korea davon nicht viel mehr als 2.000 Euro netto übrig.

Möglich ist das, weil viele dieser Auslieferer nominell als Selbständige arbeiten, die ihre Dienste als Subunternehmer anbieten. Von den großen Logistikfirmen nehmen sie die Pakete entgegen, laden sie selbst in den Lieferwagen, den sie vom Unternehmen anmieten müssen. Der Mietpreis wird nach Nutzungsdauer berechnet, die erst endet, wenn das Fahrzeug im Werkhof zurückgeben worden ist. Unter diesen Umständen erscheint eine Mittagspause als extravaganter Luxus, sodass diese meist ausfällt. Sozialleistungen sind Privatsache, Arbeitsunfälle persönliches Risiko und Urlaub meist ein Fremdwort. 

Es gibt aber auch Positivbeispiele. Die Kuriere der Essensbestellplattform Yogiyo beispielsweise verfügen über feste Arbeitsverträge und erhalten Sozialleistungen und bezahlte Überstunden. Ihre Vertragskonstruktionen könnten die Richtung weisen, wie zukünftig die Lage der Subunternehmer verbessert werden könnte.

Ein blinder Gesetzesfleck mit möglicher Todesfolge

2020 sind in Südkorea mindestens 15 Lieferfahrer auf ähnliche Weise wie Herr Kim gestorben. Auch Selbstmorde kommen in diesem Zusammenhang vor. Die Arbeitsgesetzgebung in Südkorea hat in den letzten Jahrzehnten durchaus große Fortschritte gemacht. Die Regierung unter Präsident Moon Jae-in hat die gesetzlich erlaubte Höchstarbeitszeit bedeutend reduziert und hat Mindestlöhne eingeführt, die auch schon erhöht wurden. Der Gegenwind aus der Wirtschaft war jedoch beträchtlich.

In den Genuss solcher Vergünstigungen und vieler Sozialleistungen kommen aber gerade die Kurierfahrer nicht, weil sie als Selbständige firmieren – es aber keineswegs sind. Naturgemäß fühlen sich für Selbständige auch keine Gewerkschaften zuständig. Sie sind von den herrschenden gesetzlichen Rahmenbedingungen ebenso ausgeschlossen wie von Arbeitnehmervertretungen. Seit die in Teilen der Logistikbranche herrschenden brutalen Arbeitsbedingungen nun in das Bewusstsein von Politik und Öffentlichkeit gerückt sind, gibt es etwas Bewegung.

Einsicht und Veränderung

Im Mai 2020 bildete sich mit der Rider’s Union eine gewerkschaftsähnliche Vereinigung, die sich den Interessen der Essensauslieferer verpflichtet fühlt. Von der Regierung und der Stadt Seoul sind sie bereits anerkannt. Die Firma CJ Logistics mit ihren 21.000 Fahrern hatte bisher 1.000 angestellte Auslieferer und möchte nun weitere 4.000 mit Arbeitsverträgen ausstatten, die auch eine Arbeitsunfallversicherung erhalten. Auch der Gigant Coupang will feste Stellen schaffen, räumt aber schon jetzt ein, dass dies nicht ausreichend sein könnte.

Präsident Moon hat sich bereits für eine Überholung der Arbeitsgesetzgebung und eine Verbesserung der Arbeitsbedingungen in der Logistikbranche ausgesprochen und anerkannt, dass die Auslieferer mit am schlimmsten unter den Folgen der Covid-19-Pandemie zu leiden haben. Trotzdem erscheint das konkrete Handeln der Regierung eher zögerlich. Im November hat der Arbeitsminister Veränderungen bei den Arbeitszeiten der betroffenen Arbeiter angekündigt, die nicht mehr später als 22:00 Uhr ausliefern sollen.

Allerdings werden diese Maßnahmen vielleicht die Pakethalden in den Lagerhallen der Logistikfirmen wachsen lassen. Zustellern wie Herrn Kim wird das nicht viel weiterhelfen. 

Dr. Christian Taaks leitet das Büro der Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit in Seoul. Er lebt seit 2018 in Korea.

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