Krieg in Europa
Eindrücke aus Kyjiw 100 Tage nach dem Ausbruch des Krieges

Nach dem Einschlag einer russischen Rakete in einem 22-geschossigen Wohnhaus in Kiew sind die Wohnungen in den unteren Stockwerken zerstört und nicht mehr bewohnbar

Nach dem Einschlag einer russischen Rakete in einem 22-geschossigen Wohnhaus in Kiew sind die Wohnungen in den unteren Stockwerken zerstört und nicht mehr bewohnbar

© picture alliance/dpa | Ulf Mauder

Am Sonntag, den 29. Mai, feierte Kyjiw seinen 1540. Geburtstag. Wenn man einen Spaziergang durch die Kyjiwer Innenstadt macht, scheint die Atmosphäre dort entspannt zu sein: Die Leute trinken Kaffee auf den Terrassen, Familien mit Kindern genießen das angenehme Frühlingswetter im Park, zahlreiche Geschäfte sind geöffnet und heißen Besucher willkommen. Doch wird diese scheinbare Idylle mehrmals pro Tag durch Luftalarme unterbrochen. Sie warnen vor möglichen Luftangriffen und fordern dazu auf, sich in die Luftschutzkeller begeben. Obwohl der normale Alltag in die ukrainische Hauptstadt zurückkehrt, lebt man hier nicht unter friedlichem Himmel.

Nachdem russische Truppen aus dem Norden der Ukraine verdrängt wurden, sind viele Ukrainer in ihre Städte und Dörfer zurückgekehrt – darunter auch die Einwohner Kyjiws und der Kyjiwer Vororte. Die Lage ist bei Weitem nicht völlig sicher: Es besteht weiterhin die Gefahr von Raketenbeschuss, auch darüber hinaus droht Russland mit erneutem Angriff auf die Hauptstadt. Trotzdem kommen Leute zurück, unter anderem weil man im Westen der Ukraine auch nicht ganz sicher ist. Die Reichweite der russischen Raketen ist so groß, dass man nirgendwo in der Ukraine von den Luftangriffen völlig geschützt sein kann – selbst in den an die EU-Grenzen naheliegenden Orten.

Kyjiw und seine Einwohner haben Anpassungsfähigkeit bewiesen

Kyjiw und seine Einwohner haben echte Anpassungsfähigkeit bewiesen. Alles funktioniert fast wie in friedlichen Zeiten. Trotz unterbrochener Lieferketten haben die meisten Unternehmen und Dienstleister die Arbeit wieder aufgenommen; trotz Treibstoffknappheit funktioniert der öffentliche Verkehr erstaunlich gut.

Allerdings hat der Krieg die Stadt verändert. Während die Tage in Kyjiw fast so lebendig sind wie vor dem Krieg, sind die Abende nun anders. Ab 23.00 Uhr beginnt die Sperrstunde und die Stadt versetzt sich in Dunkelheit und Stille, die nur durch den Luftalarm unterbrochen werden kann.

Durch Luftangriffe auf die Stadt wurden in Kyjiw 390 Gebäude beschädigt oder zerstört, die meisten darunter sind Wohnblöcke. Die Situation in naheliegenden Städten, in denen aktive militärische Kämpfe stattfanden, ist noch viel dramatischer. Nur 20 Kilometer außerhalb der Hauptstadt kann man das echte, grausame Gesicht der russischen Aggression sehen – zerstörte Städte, gebrochene Schicksale der Menschen.

Erlebte Erfahrungen werden auf künstlerische Weise aufgearbeitet

Die Zeichen des Krieges kann man in Kyjiw auch an den kleinen Details erkennen, die das Bild der Stadt prägen. Die Denkmäler sind mit Sandsäcken abgedeckt – auf diese Weise wird das kulturelle Erbe vor möglichen Luftangriffen geschützt. Die zerstörten und verbrannten russischen Panzer und andere Militärtechnik werden den Zuschauern in einer Freilichtausstellung gezeigt. Man versucht auch, die erlebten Erfahrungen auf eine künstlerische Weise aufzuarbeiten. So wurde zum Beispiel nahe des Stadtzentrums eine Grünanlage in Form eines ukrainischen Traktors, der einen russischen Panzer zieht, installiert. Die Widerstandskraft und die Unzerstörbarkeit der Ukrainerinnen und Ukrainer werden auch in Graffitis, Murals und in verschiedenen Formen der Straßenkunst dargestellt.

Die Erfahrungen des Krieges werden auch das kollektive Gedächtnis und die Identität der Stadtbewohner prägen. So ist heute häufig von der Dekolonisierung der Stadtlandschaft von russischen Kulturmarkern die Rede. Fragen nach der Umbenennung von Straßen und U-Bahn-Stationen, die etwas mit Russland zu tun haben, werden aktiv diskutiert. Eine der Sehenswürdigkeiten Kyjiws, der Bogen der Völkerfreundschaft, der zu Sowjetzeiten zusammen mit einer Bronzeskulptur als Symbol der Freundschaft zwischen den russischen und ukrainischen Völkern gebaut wurde, ist jetzt in den Freiheitsbogen des ukrainischen Volkes umbenannt. Die Statue, die einen russischen und einen ukrainischen Arbeiter darstellte und die Freundschaft der beiden Völker symbolisierte, wurde abgebaut.

Als sich die russischen Truppen der ukrainischen Hauptstadt näherten, wurden in Kyjiw die Straßenschilder entfernt und die öffentlichen Stadtkarten für Touristen übermalt bzw. versteckt, um dem Gegner die Orientierung in der Stadt zu erschweren. Teilweise ist es so geblieben. Entlang der Hauptverkehrsstraßen bei der Einfahrt in die Stadt sind noch Banner zu sehen, durch die man russische Soldaten anzusprechen versuchte: „Laut dem Verteidigungsministerium Russlands gibt es keine Todesfälle. Wir werden dich begraben, nicht deine Eltern“.

In der Hauptstadt und in den Vororten ist Vorsicht geboten

Kyjiw ist von Wäldern umgeben, in denen die Menschen gerne wanderten und spazieren gingen. Doch jetzt ist der Zutritt verboten. Überall sind Schilder angebracht, die vor Landminen und Sprengstoff in den Wäldern warnen. Nach der Befreiung dieser Gebiete wird es noch mehrere Monate dauern, bis die Minenräumung durchgeführt ist und die Wälder für die Menschen wieder frei zugänglich sind. Aber auch in der Hauptstadt und in den Vororten ist Vorsicht geboten: Man soll sich über unbekannte, gefährliche Gegenstände informieren und draußen sehr aufmerksam sein.

Nicht nur die Stadtlandschaft, sondern auch die Menschen haben sich verändert. Die Menschen sind vorsichtiger geworden, sie bleiben aber sehr hilfsbereit und einfühlsam. Im Laufe des Krieges sind viele neue ehrenamtliche Initiativen entstanden. Die Menschen vereinten sich, um einander zu helfen und zusammen die Alltagsprobleme der Kriegszeit zu bewältigen. Man versucht, den schutzbedürftigen Gruppen wie älteren Menschen, Menschen mit Behinderungen usw. zu helfen und niemanden im Stich zu lassen.

Das normale Leben kehrt zurück

Das normale Leben kehrt in die ukrainische Hauptstadt zurück. Die Menschen sind gelassener und fühlen sich entlastet. Das gewöhnliche Lebensgefühl hat sich aber verändert. Am 24. Februar, als Russland den großen Überfall auf die Ukraine begann, und in den ersten Wochen des Krieges fühlten wir uns alle sehr unsicher über unsere Zukunft und wussten nicht, welche Nachrichten der nächste Tag bringen würde. Man hatte das Gefühl, dass alles, was sehr fest und stabil schien, in einem Augenblick zerstört werden kann. Am Leben und gesund zu sein und ein Zuhause zu haben, das scheint jetzt nicht mehr als normaler Stand der Dinge, sondern als ein glücklicher Zufall, als etwas, das einem jederzeit entzogen werden kann. Wir halten die Normalität nicht mehr für selbstverständlich, sondern schätzen sie. Die Ukrainer begreifen, dass wir unser ruhiges Leben und unseren Alltag den ukrainischen Streitkräften verdanken, die unser Land verteidigen.

Man vergisst hier nicht, dass der Krieg andauert. Im östlichen Teil der Ukraine, im Donbas, finden schwere Kämpfe statt, von deren Ausgang die Zukunft unseres ganzen Landes abhängt. Durch Russlands Taktik der Kriegsführung werden die Städte und Siedlungen im Osten des Landes komplett zerstört, dem Erdboden gleichgemacht. Jeder, der sich in anderen Teilen der Ukraine in relativer Sicherheit befindet, weiß, dass die Stabilität und Normalität, die wir derzeit genießen, nur vorübergehend und erneut bedroht sein kann, falls Russland nicht gestoppt wird und falls dem Aggressor Zugeständnisse gemacht werden.

Solomiia Kubrysh, Projektkoordinatorin der Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit in der Ukraine.

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