Türkei
Verzockt mit Kryptogeld? - Ankara legt die populären digitalen Währungen an die Leine

Digitale Währung Symbolbild
© picture alliance / Fotostand | Fotostand / K. Schmitt

In einer kurzen Erklärung der Zentralbank heißt es, Krypto-Assets dürften ab Ende April weder direkt noch indirekt für Zahlungen eingesetzt werden. Der Markt, so die Zentralbank, sei nicht reguliert und daher besonders risikogefährdet. Zudem könnten Krypto-Zahlungen für illegale Aktivitäten eingesetzt werden, und die Anleger seien nicht vor Diebstahl und Missbrauch geschützt.

Die Erklärung der Zentralbank vermittelt den Eindruck, Kryptowährungen seien in der Türkei weit verbreitet. Und es ist nicht von der Hand zu weisen: Laut der Blockchain Analyse-Agentur Chainalysis liegt die Türkei bei Kryptogeld im Nahen Osten auf dem ersten Rang. International rangiert die Türkei auf Platz 29 unter 154 gelisteten Nationen.

Obgleich die türkische Bevölkerung in erheblichem Umfang mit Kryptowährungen hantieren, steckt das Geschäft in den Kinderschuhen. Laut dem Statista 2020 Global Consumer Survey haben 16 Prozent der Bevölkerung einschlägige Erfahrungen mit Kryptogeld. Einem Bericht der Meinungsforscher von Turkiye Raporu zufolge liegt der Anteil lediglich bei gut sieben Prozent.

Für ihre Einordnung ziehen die Experten bei Chainalysis den Wert der gehandelten Währungen, die Zahl der Kryptokonten sowie den Umfang des Peer-to-Peer-Geschäfts heran. Auf dieser Grundlage kommen sie  zu dem Ergebnis, dass in der Türkei eine vergleichsweise kleine Zahl von Menschen digitale Währungen nutzt.

Die Vorbehalte der Zentralbank gegen die neuartige Anlageform sind keinesfalls neu. Ähnliche Kritik kennen wir von Ökonomen und Politikern. Gleichwohl übersehen die Mahner die wichtige Funktion, die Kryptowährungen bei der Absicherung von Eigentum gespielt haben – vor allem in Ländern ohne stabile Währungen und hohen Inflationsraten. Es kommt nicht von ungefähr, dass Venezuela in dem Chainalysis-Index den dritten Rang einnimmt.

Für die Situation in der Türkei sind diese Zusammenhänge relevant. Seit Präsident Erdogan am 20. März den Chef der Notenbank Naci Agbal vor die Tür gesetzt hat (nur zwei Tage nachdem dieser die Leitzinsen um zwei Prozent angehoben hatte), hat die Türkische Lira zwölf Prozent ihres Wertes verloren. Gegenüber dem Dollar hat die Lira in zwei Jahren rund die Hälfte an Wert eingebüßt.

Wenn es um Strategien zum Schutz der Ersparnisse gegen Lira- Schwindsucht und Inflation geht, haben die türkischen Bürgerinnen und Bürger durchaus Optionen. Sie können ihr Geld in Dollar oder Euro anlegen. Die Zahl der Fremdwährungskonten ist in den zurückliegenden Jahren der politischen und wirtschaftlichen Instabilität dramatisch gestiegen. Auf den Devisenkonten sind mittlerweile rund 190 Milliarden Dollar geparkt.

Trotz dieser traditionellen Alternative ist die Nachfrage nach Kryptogeld nach oben geschossen. Laut einem Bericht der Nachrichtenagentur Reuters belief sich das Handelsvolumen mit dem digitalen Geld im Februar und März dieses Jahres auf 218 Milliarden Lira – umgerechnet 26 Milliarden US-Dollar – im entsprechenden Vorjahreszeitraum lag dieser Betrag lediglich bei sieben Milliarden Lira.

Unmittelbar nach dem Rausschmiss des Notenbankchefs stiegen die Umsätze in wenigen Tagen auf knapp drei Milliarden US-Dollar. Anleger, die sich in jenen Tagen für die Investition in die bekanntermaßen volatile Kryptowährung entschieden, wurden offenkundig durch die sehr hohen Gewinnmargen angelockt. Eine mögliche andere Erklärung für den Run auf die spekulative Anlage: die Sorge über mögliche Kapitalverkehrskontrollen oder eine Zwangsumwandlung der Dollar-Konten in die Landeswährung.

Im Zuge der neuen Restriktionen sind in kurzer Zeit zwei führende türkische Börsen für Kryptowährungen kollabiert. Der Gründer der Firma Thodex, ein 27jähriger Unternehmer, dem laut Medienberichten 390.000 Nutzer ihr Geld anvertraut hatten – ist ins Ausland geflohen. Ankara hat Interpol eingeschaltet, um den Geflüchteten zu fassen und zur Rechenschaft zu ziehen.

Bei Medienanfragen kontaktieren Sie bitte

Helena von Hardenberg, Presse und Digitale Kommunikation
Helena von Hardenberg
Pressereferentin & stellv. Pressesprecherin Ausland
Telefon: +49 30 288778-565