Türkei
Türkei-Tourismus: Das Gute, das Schlechte und das Hässliche

Ein Gastbeitrag von Wirtschaftsexperte Emre Deliveli
Der Iztuzu-Strand im Südwesten der Türkei

Der Iztuzu-Strand im Südwesten der Türkei

© picture alliance/dpa | Jens Kalaene

Es gibt eine gute, eine schlechte und eine hässliche Seite des türkischen Tourismus.

Beginnen wir mit der guten Seite: Laut neuesten Daten besuchten in den ersten sieben Monaten dieses Jahres rund 23 Millionen Touristen die Türkei. 2019 lag diese Zahl mit 24,7 Millionen Touristen nur geringfügig höher. Damit ist das Land eines der wenigen Reiseziele, die es geschafft haben, das Vor-Covid-Niveau wieder zu erreichen. Das ist eine bemerkenswerte Leistung, wenn man bedenkt, dass sich zwei der wichtigsten türkischen Absatzmärkte, die Ukraine und Russland, im Krieg befinden.

Es ist nicht überraschend, dass die Zahl der Touristen aus der Ukraine eingebrochen ist. Dafür übersteigt die Zahl der Touristen aus Deutschland und dem Vereinigten Königreich, den beiden anderen Hauptabsatzmärkten der Türkei, das Niveau von 2019. Der Grund liegt höchstwahrscheinlich in der Entwertung der türkischen Lira. Und entgegen der düsteren Erwartungen fast aller Ökonomen und Tourismusfachleute – einschließlich des Autors, der selbst ein Hotel im südwestlichen Ferienort Marmaris betreibt – ist die Zahl der russischen Touristen verglichen mit 2019 um nur 40 Prozent eingebrochen. Grund dafür dürfte sein, dass die Türkei als eines der wenigen Länder russische Flugzeuge und damit Touristen ins Land lässt.

Die insgesamt 18,2 Millionen Touristen in der ersten Hälfte diesen Jahres sorgten für einen Umsatz von 15,9 Milliarden USD und versorgten das Land mit dringend benötigten Devisen. Tatsächlich ist die relative Stabilität der Lira über den Sommer zu einem Teil auch den Einnahmen aus dem Tourismus zu verdanken.

Nun zur schlechten Seite: Wenn Sie die türkischen Ferienorte Marmaris, Bodrum oder Antalya besuchen und dort mit Hoteliers sprechen, wird niemand über die gegenwärtige Situation in Freude ausbrechen. Vielmehr werden sie Ihnen erzählen, dass sie aufgrund des Kostenanstiegs kaum Gewinne erzielen können. Die Hotelbranche war bisher immer vor der Inflation geschützt, weil die meisten ihrer Einnahmen in ausländischen Devisen getätigt wurden und die Inflation hinter der Entwertung der Lira zurückblieb. Dies war jedoch während der jüngsten Abwertungs- und Inflationswelle nicht mehr der Fall: Die meisten Ökonomen schätzen die „reale“ Inflation auf über 100 Prozent und damit viel höher als die offiziellen Angaben von 79,6 Prozent. Außerdem belief sich die Entwertung der Lira gegenüber einem gleichgewichteten Währungspaket aus Euro und Dollar jährlich auf „nur“ rund 90 Prozent. Tatsächlich haben sich die Preise für Elektrizität, alkoholische Getränke, Papierwaren, Fleisch und Milchprodukte im letzten Jahr mindestens verdoppelt, in manchen Fällen sogar verdrei- oder vervierfacht. Auch wenn der Tourismusboom der Gesamtwirtschaft zugutekommt, hilft er dem Sektor auf der Mikroebene nicht wirklich.

Und schließlich die hässliche Seite: Im Gesamtbild bleiben die strukturellen Probleme des Tourismussektors bestehen. Die Türkei hat sich zu einem Billigreiseziel entwickelt, indem die meisten All-Inclusive-Hotels mit hauchdünnen Gewinnmargen arbeiten – ein Teufelskreis, aus dem sie sich nicht befreien können. So kosten Hotels auf der griechischen Insel Rhodos rund doppelt so viel wie in Marmaris, das per Fähre nur eine Stunde entfernt ist.  Belegte die Türkei 2019 noch  Platz sechs der meistbesuchten Reiseziele, fällt sie dieses Jahr nicht einmal unter die ersten zehn Reiseziele hinsichtlich ihrer Einnahmen aus dem internationalen Tourismus. . Zur Veranschaulichung: Während die Türkei im Jahr 2019 mit 45,1 Millionen Touristen Einnahmen von 34,5 Milliarden USD generierte, schaffte es Deutschland, mit 39,6 Millionen Touristen 41,6 Milliarden USD einzunehmen. Der Mangel an Englischkenntnissen und generell an qualifiziertem Personal sind nach wie vor ein großes Problem, und angesichts der exzessiven Bautätigkeiten und der kürzlichen Waldbrände in den Küstenregionen ist auch Nachhaltigkeit eine Herausforderung.

Die Zahlen der Tourismusbranche in der Türkei haben sich trotz des Russland-Ukraine-Kriegs auf bemerkenswerte Weise erholt. Und sobald sich die Wirtschaft stabilisiert, wird auch die Branche wieder rentabel werden. Aber wenn die langfristigen strukturellen Probleme nicht angegangen werden, wird die Türkei weiterhin ein Billigreiseziel bleiben, in dem Hotels versuchen müssen, mit geringen Gewinnmargen zu überleben.

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Amély Rechberg
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