Türkei
Russische Oligarchen auf der Flucht vor Sanktionen

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 Im März gründeten russische Staatsbürger eine Rekordzahl von 64 Unternehmen in der Türkei

© Getty Images Burak Kara / Freier Fotograf

Die Kritik von Staatspräsident Erdoğan am Krieg Russlands gegen die Ukraine fiel bisher eher verhalten aus. Einerseits stellt sich die Türkei als NATO-Mitglied auf die Seite der Ukraine, liefert bewaffnete Drohnen und hat unter Berufung auf die Montreux-Konvention den Bosporus für die Durchfahrt von Kriegsschiffen gesperrt. Auf der anderen Seite befindet sich das Land in einer schweren Wirtschaftskrise und benötigt dringend Kapital, um die Wirtschaft wiederzubeleben. Außenminister Çavuşoğlu ließ bereits kurz nach Kriegsbeginn verlauten, dass Geschäfte russischer Oligarchen in der Türkei willkommen seien, solange diese das internationale Recht einhielten.

Die Türkei entschloss sich als eins von wenigen Ländern in Europa, ihren Luftraum nicht für russische Flugzeuge zu schließen, und trotz ihrer Verankerung im NATO-Bündnis beteiligt sie sich nicht an den westlichen Sanktionen. In der Folge strömten wohlhabende russische Staatsbürger und Oligarchen mit viel Kapital, Yachten und anderen Wertanlagen im Gepäck in die Türkei. Durch russische Bargeldtransferunternehmen, die in der Türkei tätig sind, Kryptowährungen und die einfache Mitnahme von Bargeld umgehen sie westliche Sanktionen und die von Russland selbst eingeführten Kapitalkontrollen, wie das Wallstreet Journal berichtete.

„Die Türkei hat sich aufgrund ihrer geografischen Lage, ihrer fortschrittlichen Märkte und ihres Bankensystems sowie ihrer neutralen Position zwischen Russland und der Ukraine als eine praktikable Option erwiesen“, sagt Zeynep Fıratoğlu, Kommunikationsmanagerin bei Space, einem in Istanbul ansässigen Unternehmen für Luxusimmobilien. Nach Angaben des türkischen Statistikamtes haben sich die Hausverkäufe an russische Staatsbürger im Monat des Kriegsbeginns Februar gegenüber dem Februar 2021 beinahe verdoppelt. „Seit dem Einmarsch in die Ukraine verzeichnen wir einen deutlichen Anstieg der Nachfrage von russischen Käufern“, sagt Fıratoğlu. Grund für den rasanten Anstieg ist die in der Türkei mögliche „Staatsbürgerschaft durch Investition“, bei der jeder, der mindestens 250.000 Dollar in Immobilien bzw. 500.000 Dollar in Staatsanleihen, Investmentfonds oder ein türkisches Bankkonto investiert, innerhalb von drei bis vier Monaten einen türkischen Pass erhält.

Russische Oligarchen kaufen Immobilien vor allem in Küstenstädten wie Bodrum, Fethiye und Marmaris im Süden der Türkei. Auch vier der acht von Forbes erfassten Oligarchen-Yachten liegen hier vor Anker: Abramowitschs Eclipse und Alexander Nesis 110-Millionen-Dollar-Yacht Romea wurden in der Stadt Göcek in der Nähe von Fethiye gesichtet; Andrei Molchanovs 110-Millionen-Dollar Aurora liegt in Marmaris und Abramowitschs Solaris in Yalıkavak in der Nähe von Bodrum.

Neben Investitionen in Immobilien wurde außerdem ein rasanter Anstieg an russischen Unternehmensgründungen in der Türkei beobachtet. Im März gründeten russische Staatsbürger eine Rekordzahl von 64 Unternehmen in der Türkei, fast viermal so viele wie im Vormonat – und diese Zahl wird voraussichtlich noch steigen. Die Gründung eines Unternehmens dauert fünf Tage und kostet nur etwa 3.400 Dollar. Die russischen Unternehmensgründungen sind vor allem im Energiesektor angesiedelt. Da die westlichen Sanktionen im Zusammenhang mit dem Krieg in der Ukraine absehbar nicht gelockert werden dürften, werden voraussichtlich auch andere Branchen folgen, wie etwa die Produktion von Düngemittel, einem der wichtigsten Exportgüter Russlands. Diese könnten der Türkei Hunderte von Millionen Dollar an Investitionen einbringen.

So riskant die balancierende Position zwischen der Ukraine und Russland für die Türkei auch ist, scheint der Krieg Erdoğan auch in die Hände zu spielen. Nicht zuletzt mit Blick auf die anstehenden Wahlen 2023 und die aktuelle schwere Inflationskrise muss ihm jede Belebung der Wirtschaft willkommen sein. Solange die westlichen Sanktionen in Kraft sind und die Türkei sich ihnen nicht anschließt, werden russische Oligarchen voraussichtlich weiter im Land investieren. Mit dem unkomplizierten Zugang zu einem türkischen Pass und einem vor Ort registrierten Unternehmen wird ihnen das denkbar leicht gemacht.

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