Impfstrategie
Rekordtempo nach Spätstart – Ankara setzt vorerst ganz auf Impfstoffe „Made in China“

Fahrettin Koca
Anders als in den meisten europäischen Ländern wurden in der Türkei zuerst Politiker und deren enges Umfeld geimpft. Gesundheitsminister Fahrettin Koca (im Bild) wurde vor laufenden Fernsehkameras als erste Person in der Türkei geimpft. © picture alliance / AA | Emin Sansar

Der erste, der den Stich mit dem Impfstoff bekam, war Gesundheitsminister Fahrettin Koca. Auf dem Fuße folgten Mitglieder des Wissenschaftlichen Rates, welche die türkische Regierung in der Corona-Politik beraten. Wenig später war Staatspräsident Recep Tayyib Erdogan an der Reihe. All das passierte Mitte Januar live vor laufenden Fernsehkameras.

Eigentlich sollte die Impfkampagne schon Mitte Dezember vergangenen Jahres starten. Ganz vorne dabei zu sein in einer so wichtigen Frage, wäre ganz nach dem Geschmack der Regierung gewesen, die in ihrer Öffentlichkeitsarbeit gerne damit prahlt, dass die Türkei eine internationale Vorreiterrolle spielt. Doch offenbar gab es Probleme bei der Versorgung mit dem Impfstoff. Erst nach zweiwöchigen Testungen erhielt CoronaVac, der Wirkstoff der chinesischen Firma Sinovac, die Zulassung in der Türkei.

„Ich glaube, dass die Zukunft gut sein wird. Damit wir zu unserem alten Leben zurückkehren können, müssen wir uns absolut impfen lassen“, sagte Minister Koca. Dem Appell stimmte Erdogan zu, der beim Verlassen des Krankenhauses an die Parteiführer und die Abgeordneten appellierte, seinem guten Beispiel zu folgen. Daraufhin folgte aus der Ärzteschaft und in den sozialen Medien heftige Kritik: Einmal mehr dränge sich die politische Klasse vor, durchbreche zum eigenen Vorteil die durch das Risikoprofil vorgegebene Impffolge. 

Es ist nicht die einzige PR-Panne Erdogans: Die Regierung hat mit ihrer Corona-Politik ein Glaubwürdigkeitsproblem. Viele trauen den amtlichen Zahlen nicht über den Weg. Das Misstrauen kommt nicht von ungefähr. Ankara hatte zeitweilig entgegen internationaler Standards die Zahl der Erkrankten anstelle die der Infizierten gemeldet. Das führte im Ergebnis zu geschönten Zahlen. Doch das Spiel mit dem Zahlenwerk hatte keinen Bestand: Anfang Dezember kehrte der Gesundheitsminister zur alten Zählweise zurück. Gleichwohl, die Zweifel sind geblieben.

Neuerdings beziehen sich diese allerdings vor allem auf die Qualität des chinesischen Impfstoffes. Die „Made in China“-Medizin genießt in der Türkei nicht den besten Ruf. Das liegt auch daran, dass die Wirksamkeit des Sinovac-Produktes im Vergleich zu Konkurrenz-Impfstoffen aus dem Westen deutlich niedriger sein soll; das besagen die Testreihen aus Brasilien und Indonesien, die in den Medien veröffentlicht wurden und auch in der Türkei die Runde machen. In Indonesien lag der Wert demnach bei einer Wirksamkeit von rund 65 Prozent, in Brasilien gar nur bei rund 50 Prozent.

Ankara wischt die Zweifel vom Tisch: Die Regierung gibt die Wirksamkeit des Sinovac-Vakzins mit über 90 Prozent an. Die Diskrepanz liege an der höheren Probandenzahl in der Türkei, heißt es von offizieller Seite.

Derweilen feiert die Regierung das rekordverdächtige Tempo bei den Impfungen. „In einer Woche haben eine Million Menschen die Impfung bekommen“, titelt die regierungsnahe Daily Sabah in großer Aufmachung. In nur zwei Tagen hätten sich 600.000 Türkinnen und Türken den Impfstoff injizieren lassen. Gesundheitsminister Koca frohlockt, das sei „eine der schnellsten“ Kampagnen in der Welt. In Frankreich, mit dem Erdogan politisch in vielen Fragen über Kreuz liegt, gehe es viel langsamer zu, erfährt die Leserschaft in den regierungsnahen Blättern. 

Der Nachschub scheint gesichert: Von dem chinesischen Wirkstoff seien 50 Millionen bestellt, deren Lieferung verbindlich geregelt. Und um der Kritik an der einseitig auf das chinesische Produkt basierenden Impfstrategie den Wind aus den Segeln zu nehmen, betont die Regierung, dass mit Pfizer/Biontech die Lieferung von 4,5 Millionen Dosen bis Ende März vereinbart sei.

Doch von einer schnellen Entwarnung oder gar einer Aufhebung des weiterhin bestehenden Teil-Lockdowns ist keine Rede. Ates Kara vom wissenschaftlichen Beirat der Regierung hat eine verhaltene Prognose: Im Zuge der Impfkampagne werde die Zahl der Infektionen bis zum Sommer deutlich abnehmen. „Und 2022 wird auf jeden Fall besser sein“, so der Hinweis des Mediziners. 

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Helena von Hardenberg, Presse und Digitale Kommunikation
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