Wahlkampf in der Türkei
„Ein Produkt unserer Gesellschaft“

Die Generation Z im Spiegel der türkischen Demoskopie
Eine Schülerin auf einem Klimastreik in Istanbul
Eine Schülerin auf einem Klimastreik in Istanbul © picture alliance / Xinhua News Agency

Seit längerem ist die Jugend ein Top-Thema in der Türkei. Schon wegen der numerischen Größe der jugendlichen Bevölkerung hat das Thema weitreichende Implikationen. Das Durchschnittsalter liegt in der Türkei mit ihrer Bevölkerung von  82 Millionen bei 32 Jahren. Davon sind 13 Millionen zwischen 20 und 30 Jahren alt, knapp zwanzig Millionen befinden sind in der Altersgruppe zwischen 18 und 35 Jahren.

Bei den für 2023 geplanten nächsten Wahlen werden fünf Millionen Erstwählerinnen und Erstwähler stimmberechtigt sein. Das sind ungefähr zehn Prozent der gesamten Wählerschaft, also ein attraktiver Stimmenanteil für jeden Politiker und jede Politikerin – ganz unabhängig vom Alter. Daher finden viele Diskussionen über die Erstwählenden statt, die Generation Z und die Jugend im Allgemeinen. Jeder versucht, diese Gruppe zu verstehen und innovative Wege zu finden, ihre Stimmen zu gewinnen.

Es ist ein verbreitetes Missverständnis, dass die jungen Menschen ganz anders seien, eine völlig neue Generation, die mit neuartigen Ideen die politische Szene im Sturm erobern wird. Dies ist nicht ganz richtig. Es stimmt zwar, dass die Unterschiede zwischen der jungen und der älteren Generation heute größer sind als je zuvor. Die Technologie, mit der die jungen Menschen heute hantieren ist eine ganz andere als die, mit der die Generation der Eltern konfrontiert war. Und tatsächlich gibt dies den Jüngeren eine unterschiedliche Perspektive über die Welt, in der wir leben. Am Ende des Tages sind die jungen Erwachsenen aber ein Produkt unserer Gesellschaften. Sie sind also gar nicht so anders.

Die Forschung der „Istanbul Ekonomi Arastirma“ zeigt, dass sie sich nicht so sehr von der Gesellschaft, in der sie aufgewachsen sind, unterscheiden. Die junge Generation hat keine besonderen Vorlieben für eine politische Partei. Fakt ist, dass Präsident Erdogan heute im Vergleich zu vor zehn Jahren bei jungen Menschen weniger gut ankommt. Der Stimmenanteil seiner regierenden AKP liegt bei Jungwählern um 10 bis 15 Prozent unter dem allgemeinen Schnitt. Aber: Keiner Partei ist es bislang gelungen, ein überzeugendes Programm zu präsentieren, das die Jugend mobilisieren könnte. Wenn es einem politischen Akteur gelänge, die Jugend zu organisieren und zu motivieren, wäre er ein ernstzunehmender Agent des politischen Wandels bei den kommenden Wahlen.

Im Rahmen von Fokus-Gruppen-Gesprächen in Istanbul, Ankara, Adana und Mersin im Vorfeld der Kommunalwahlen vom März 2019 haben wir festgestellt, dass Wirtschaftsthemen bei der Wahlentscheidung der jungen Menschen eine entscheidende Rolle spielen. Aus den Erhebungen wird deutlich, , dass der Entscheidungsprozess bei jungen Erwachsenen und jungen Eltern sehr utilitaristisch ist. Die junge Generation stimmt gerne für Kandidaten, denen sie zutraut, die Versprechen zu ihren eigenen Gunsten in die Tat umzusetzen, auch wenn sie dabei nicht im Einklang mit ihren Eltern oder der Nachbarschaft stehen. Bis vor kurzem haben sich die Jungwähler in hohem Maße an die politischen Präferenzen ihrer Eltern orientiert. Dies ist nicht mehr der Fall. In zunehmendem Maße haben junge Menschen in den Städten ihre eigenen politischen Vorstellungen, das gilt auch für die Parteienpräferenz.

Eine aktuelle Umfrage der NGO „Habitat Dernegi“ verdeutlicht, welche Themen für die Generation Z besonders wichtig sind. Dazu zählen Geschlechtergerechtigkeit, Klimawandel und Diskriminierung von Minderheiten. Die Erhebung zeigt auch, dass diese Generation sich mehr für Politik interessiert als andere Jahrgänge, wobei das Interesse unabhängig von Ideologien ist. Dies wurde etwa bei den anhaltenden Protestaktionen an der Bogazici Universität sichtbar. Dort kamen Studenten aus allen politischen Lagern zusammen, um gegen das antidemokratische Verfahren bei der Ernennung der Universitätsrektoren zu protestieren. In einer Umfrage mit 236 Studenten, die an den Protestaktionen teilgenommen haben, sagte eine überwältigende Mehrheit, sie rechne mit einer Änderung des Gesetzes zum Berufungsverfahren. Mit anderen Worten: Ihnen ging es zuvorderst nicht darum, gegen die AKP oder gegen Präsident Erdogan zu protestieren. Sie wollen eine Änderung des Gesetzes.

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Helena von Hardenberg, Presse und Digitale Kommunikation
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