Türkei
Die Türkische Wirtschaft: Gegen die Wand

Hand hält 100 Türkische Lira Banknoten auf weißem Hintergrund
picture alliance / Zoonar | Turgay Koca

Ein Blick auf das Wirtschaftswachstum könnte derzeit den Eindruck erwecken, der türkischen Wirtschaft gehe es extrem gut. Wirtschaftswissenschaftler und internationale Institutionen erwarten für dieses Jahr ein Wachstum von neun bis zehn Prozent. Doch unterhalb dieser Wachstumsperspektive, welche der starken Schrumpfung im vergangenen Jahr und der expansiven Politik der Regierung zuzuschreiben ist, haben gravierende Fehler bei der Politikgestaltung die türkische Wirtschaft zu einer der zerbrechlichsten der Welt gemacht. Entgegen aller Wirtschaftstheorien zwang Präsident Recep Tayyip Erdoğan die Zentralbank zur Absenkung des Leitzinses im Glauben, dass höhere Zinssätze höhere Inflationsraten nach sich ziehen, und mit dem Ziel, die Wirtschaft für eventuell vorgezogene Wahlen im kommenden Jahr anzukurbeln.

Zentralbank-Gouverneure, die sich gegen diese Politik stellten, wurden entlassen. Der bereits vierte ZB-Gouverneur der letzten drei Jahre, Şahap Kavcıoğlu, senkte die Sätze im September um einen Prozentpunkt, gefolgt von zwei Prozentpunkten im Oktober und einem Prozentpunkt im November. Geradezu lehrbuchmäßig ist daraufhin die Inflation nicht gesunken, sondern gestiegen.  Die offizielle Konsumgüterinflation liegt bei fast 20 Prozent, die Herstellerpreisinflation sogar bei sage und schreibe 46 Prozent. Der Unterschied zwischen beiden Indikatoren war noch nie so groß wie in den letzten Monaten, was einige Analysten dazu verleitete zu behaupten, die Konsumgüterinflation werde zu gering deklariert. Die unabhängige Inflation Research Group (ENAGrup) etwa hat die Inflation sogar mit 49,50 Prozent angesetzt.

Die ultraniedrigen Zinssätze haben viele Türken dazu verleitet, ihre Einlagen in Lira in Devisen umzutauschen. Dieser „Lira-Exodus“, gekoppelt mit weiteren wirtschaftlichen Risiken wie den unzureichenden internationalen Reserven sowie innenpolitischen wie globalen Unwägbarkeiten, haben zu einem unkontrollierbaren Kurssturz der Lira geführt: Im November verlor sie fast 30 Prozent an Wert gegenüber dem Dollar. Nachdem Erdoğan gar einen „Unabhängigkeitskrieg der Wirtschaft“ deklarierte, verlor sie binnen weniger Stunden 15 Prozent an Wert, sodass öffentliche Banken durch Devisenverkauf eingreifen mussten. Aufgrund der Wirkung des hohen Wechselkurses auf die Inflation dürfte die offizielle Konsumgüterinflation im ersten Quartal 2022 wahrscheinlich bei mindestens 30 Prozent liegen. Wegen der negativen realen Zinssätze investieren viele Türken in Immobilien, um ihre Ersparnisse zu schützen, was wiederum zu einem Preisanstieg führt. Während die Immobilienpreise Ende letzten Jahres fast 30 Prozent höher lagen als im Vorjahr, erreichten sie im September dieses Jahres eine weitere Steigerung um 35,5 Prozent – klares Indiz für eine Immobilienblase.

"Wirtschaft ist das größte Problem der Türkei"

Die Menschen im Lande bekommen die Verletzlichkeit der Wirtschaft immer stärker zu spüren, denn die Gehälter werden der Inflation nicht angepasst. Jüngste Umfragen zeigen, dass mehr als zwei Drittel der Türken die Wirtschaft als das größte Problem der Türkei ansehen. Ein Drittel der Befragten können gar ihre Grundbedürfnisse nicht erfüllen, und 80 Prozent haben Schwierigkeiten, ihre Rechnungen zu bezahlen. Es ist daher kein Wunder, dass die Popularität der amtierenden Partei für Gerechtigkeit und Entwicklung (AKP) an einem historischen Tiefpunkt angelangt ist und Erdoğan in sämtlichen Wahlumfragen immer schlechter abschneidet. Genau aus diesem Grund versucht er, die Wirtschaft auf Touren zu bringen, doch verschlimmert seine Politik die Situation für seine traditionelle Anhängerschaft. 

Wie sich die türkische Wirtschaft in der Zukunft entwickelt, hängt mehr als alles andere davon ab, was der Präsident tun wird. Falls Erdoğan sich für eine weitere Senkung der Zinssätze entscheidet, steigt die Wahrscheinlichkeit für eine Devisenkrise im Land; die Wirtschaft würde bei voller Fahrt gegen die Wand fahren. Falls der Präsident jedoch der Zentralbank erlaubt, die Sätze anzuheben, um die Inflation und Abwertung der Lira einzudämmen, zugleich die Beziehungen zum Westen verbessert und weitere Schritte unternimmt, um das Vertrauen in die türkische Wirtschaft zu steigern, zum Beispiel durch die Einhaltung der Rechtsstaatlichkeit und Reduzierung der Ungewissheit in der Politik, könnte die türkische Wirtschaft die so dringend benötigte Stabilisierung erfahren. Ausgeschlossen ist ein solcher Kurswechsel nicht. Doch selbst dann ist nicht garantiert, dass sich die Wirtschaft so weit erholt, dass ein Wahlsieg für Erdogan gesichert ist. Für den Präsidenten, der vor zwei Dekaden nach einer Wirtschaftskrise an die Macht kam, könnte nun eine weitere Wirtschaftskrise das politische Ende einleiten.