Türkei
Der Zauber ist verloren – Nostalgie in Zeiten des Internets

140journos

140journos ist einer der meistgesehenen YouTube-Kanäle der Türkei in der Kategorie Nachrichten und Politik

© Getty Images Burak Kara

140journos ist einer der meistgesehenen YouTube-Kanäle der Türkei in der Kategorie Nachrichten und Politik. In den zehn Jahren seines Bestehens hat sich 140journos von einem bloßen Nachrichtenkanal zu einer Art soziologischem Labor entwickelt, das Erkenntnisse aus allen Gesellschaftsbereichen sammelt, um innovative visuelle Geschichten zu erzählen. So hat 140journos im Laufe der Jahre die türkische Medienszene verändert und durch die Verbindung von Journalismus und Kreativität neue innovative Standards gesetzt.

Auch die neue 140journos-Folge "Tadı Tuzu Kalmadı" (zu deutsch: Den Zauber verloren) folgt diesem Beispiel und bringt Expertinnen und Experten zu einer Diskussion zusammen, die in jüngster Zeit immer wieder aufflammt: Waren die alten Zeiten wirklich besser? Inspiriert von der Erkenntnis, dass wir durch das Ausblenden von schlechten Erinnerungen zu einer nostalgischen Verklärung der Vergangenheit neigen, nähert sich die Episode diesem Phänomen kritisch und untersucht in sechs Kapiteln das gesellschaftliche Unterbewusstsein, das dieses Gefühl erzeugt.

Während die Mehrheit der türkischen Bevölkerung angesichts der höchsten Inflation seit Jahrzehnten, des unkontrollierbaren Verfalls der Institutionen und des Verlustes des sozialen Gefüges in so manchen sauren Apfel beißen muss, fallen immer mehr Menschen auf die Idee herein, dass es der Türkei vor Erdoğans Regierungsantritt besser ging. Dies gilt vor allem auch für die junge Bevölkerung, die kein anderes Staatsoberhaupt als Erdoğan kennt. Wenn es schwieriger wird, von der Zukunft zu träumen, wendet man sich offenbar den guten alten Zeiten zu.

Selbst ein viraler Social-Media-Post mit einem Ausschnitt aus einer 90er-Jahre-Show mit halbnackten Bauchtänzerinnen, die damals zur besten Sendezeit im türkischen Fernsehen zu sehen war, kann in diesem Klima nostalgische Gefühle wecken, da ein anderes Bild der Türkei vermittelt wird – fast wie in einem Paralleluniversum. Offenbar wünschen sich die Leute einfach, dass damals alles besser war. Dabei spiegelt diese Annahme kaum die historische Realität wider, denn sie lässt die großen gesellschaftlichen Auseinandersetzungen jener Zeit außer Acht. Verschiedene Generationen haben im Laufe der Jahrzehnte leicht unterschiedliche Versionen der Türkei erlebt. Und dennoch wäre es unmöglich, sich auf einen Tag in der Geschichte zu einigen, der für alle gut genug war, um sich in diesem vagen Gefühl der Nostalgie danach zu sehnen.

Unserer Meinung nach kann eine seltene Aufzeichnung des Finales von "The Television Kid", einer Late-Night-Show von Okan Bayülgen aus dem Jahr 1996, helfen, den Mythos zu entkräften. Es wurde einen Monat nach dem Susurluk-Skandal ausgestrahlt, der auf wundersame Weise die verborgenen Beziehungen zwischen Staat, Polizei und Mafia aufdeckte. Während der damaligen landesweiten Proteste für eine funktionierende Gesellschaft nahm der Talkmaster einen Stuhl, zündete sich live im Fernsehen eine Zigarette an und gestand die unausgesprochene Wahrheit: "Du warst jede Nacht hier in diesem Studio. Um alles zu vergessen. Alles, was wir durchgemacht haben. Um zu lachen. Um alles zu vergessen, was wir in diesem Land durchgemacht haben." Er beendete seine Show auf ihrem Höhepunkt. Wir denken, dass diese prägnante Aussage der Schlüssel zum Verständnis sein könnte, warum wir nur unschuldig lächelnde Gesichter sehen, wenn wir auf die Vergangenheit blicken.

Was geschah sonst noch in jenen guten alten Zeiten, als halbnackte Bauchtänzerinnen zur besten Sendezeit im Fernsehen tanzten? Die Expertinnen und Experten der 140journos-Episode sind der Meinung, dass wir in Zeiten des Internets damit gesegnet (oder dazu verflucht) sind, die unverblümte Wahrheit zu kennen. Das Internet stellte damals einen neuen Aufschwung für die Gesellschaft dar. Besonders in den anfänglichen, unregulierten Tagen des Internets hatte jeder das Gefühl, außerhalb der Reichweite des Staates zu sein. So verwandelte sich das Land in einen Dorfplatz und wurde zu einem Raum der Begegnung. Nun, das Internet hätte eine Utopie sein können – das war aber nicht der Fall. Nach nur einem Jahrzehnt fanden wir uns in einem Kommunikationsmedium wieder, das am stärksten reguliert wird; in noch nie dagewesenen Resonanzkammern, die die Gesellschaft weit über die Möglichkeiten des Staates hinaus polarisieren, wo man sich gegenseitig wegen Differenzen bekriegt und seriöse Informationen verzerrt werden. Sowohl der Staat als auch die Gesellschaft selbst verwandelten das Internet in eine umfassende Dystopie. Was ein Segen hätte sein können, wurde zu einem Fluch. Und so blieb uns nichts als eine falsche Nostalgie.

Heute ist die Türkei im Global Happiness Report auf Platz 112 abgerutscht. Das ist eine bemerkenswert schlechte Platzierung. Trotz der Tatsache, dass der Staat in unserer nahen Vergangenheit schon immer mit harter Hand vorgegangen ist, sagen Fachleute, dass das soziale Leben in der Türkei noch nie in diesem Ausmaß eingeschränkt war. Die Bestrafung von Andersdenkenden, die Unterdrückung des Humors, die Dominanz des Mittelmaßes, gepaart mit einer tiefgreifenden wirtschaftlichen Depression unter der Regierung der AK-Partei ließen den Menschen keine andere Wahl, als sich nach der Vergangenheit zu sehnen.

So lautet auch der Slogan dieser Folge: „Die Türkei war noch nie ein Ort, an dem wir uns wohlgefühlt haben.“ Kinder, die vor den Problemen einer schwarz-weißen Welt geflüchtet sind und jeden Abend ferngesehen haben, werden nun in den Weiten des Internets mit einer ganz anderen Wahrheit konfrontiert – schließlich scrollen wir ja nur, um zu vergessen.

 

Hier können Sie den Film von 140journos auf Türkisch sehen.

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