Türkei
Cannabis-Metropole am Bosporus – Was Istanbuls Abwasser über den Drogenkonsum preisgibt

Ein türkischer Zollbeamter bei der Sicherstellung einer Ladung Cannabis
Ein türkischer Zollbeamter bei der Sicherstellung einer Ladung Cannabis © picture alliance / Xinhua News Agency

Um mehr über den Drogenkonsum der Menschen zu erfahren, lohnt die Untersuchung des Abwassers. Betäubungsmittelrückstände geben Einblick in die Konsumgewohnheiten. Die gewonnenen Daten eignen sich gar zur Entwicklung von Strategien zur Bekämpfung des Drogenkonsums, sagen Experten.

Ein kürzlich im Fachjournal Water Research Magazine veröffentlichter Artikel des Instituts für Forensische Medizin der Universität Istanbul liefert interessante Einblicke in den Drogenkonsum der Stadt am Bosporus. Die Wissenschaftler hatten zwischen März und September 2020 den Ausstoß von Kläranlagen auf ihre Rückstände an unterschiedlichen Betäubungsmitteln unter die Lupe genommen.

Die Studie zeigt, dass Cannabis vor Heroin und Kokain die mit Abstand am meisten konsumierte illegale Droge in Istanbul ist. Mit knapp 3607 mg Cannabis pro 1000 Einwohner täglich belegt Istanbul im internationalen Vergleich Platz zwei hinter Barcelona und rangiert weit vor anderen Cannabis-Hotspots wie Berlin oder Zagreb. Die Forscher weisen darauf hin, dass in dieser Liste die Städte, die den Cannabiskonsum legalisiert haben, nicht aufgeführt sind.

Auffällig ist, dass sich der Hasch-Konsum auf die einkommensschwachen Viertel Istanbuls auf der europäischen Seite konzentriert. Hier spielt das sogenannte Bonzai, ein synthetisch erzeugtes, gefährliches Cannabinoid wegen seines niedrigen Schwarzmarktpreises eine immer größere Rolle.

Nach Cannabis steht der Konsum von Heroin mit 557 mg pro 1000 Einwohner pro Tag an zweiter Stelle. Im internationalen Vergleich belegt Istanbul auch hier Platz zwei - nach New York. Zurückgeführt werden kann der verbreitete Heroinkonsum darauf, dass Istanbul eine wichtige Station auf der sogenannten „Balkanroute“ ist, die laut UNODC (Büro der Vereinten Nationen für Drogen- und Verbrechensbekämpfung) als größte Handelsroute der Welt für den Heroinschmuggel gilt. Das Heroin gelangt vorwiegend aus Afghanistan über den Iran in die Türkei, bevor es nach Europa geschmuggelt wird. Die geografischen Zusammenhänge erklären, wieso das gefährliche Gift auf lokalen Märkten in Istanbul in großen Mengen verfügbar ist.

Kokain folgt Cannabis und Heroin auf Platz drei. Die Droge ist vor allem in den einkommensstarken Bezirken auf der europäischen Seite populär. Im internationalen Vergleich landet Istanbul beim Kokainkonsum indes auf den hinteren Rängen. Andere chemische Drogen wie MDMA und Amphetamine finden vergleichsweise geringen Absatz und werden, so die Analyse der Abwässer, vor allem auf der asiatischen Seite konsumiert. Lediglich bei Metamphetaminen landet Istanbul weltweit mit ermittelten 120 mg pro 1000 Einwohner täglich auf den vorderen Rängen.

Es gibt keine verlässlichen Angaben zum Drogenkonsums der Allgemeinbevölkerung. Im Jahr 2018 starben laut einem Polizeibericht 657 Menschen in Istanbul an den Folgen des Drogenkonsums. Dabei fiel auf, dass fast die Hälfte der Todesfälle auf das in der Türkei verbreitete Bonzai zurückzuführen war. Die Forscherinnen und Forscher warnen außerdem vor einer Zunahme des Konsums von chemischen Drogen, die vor allem bei jungen Menschen populär seien.

Die türkische Regierung hat dem Drogenkonsum in den vergangenen Jahren verstärkt den Kampf angesagt – und verbindet den Feldzug gegen die Suchtmittel mit dem Kampf gegen den Terrorismus. Laut Innenminister Süleyman Soylu verdiene die international als Terrororganisation eingestufte PKK (Arbeiterpartei Kurdistans) jährlich ca. 1,5 Milliarden Dollar durch das Rauschgiftgeschäft. Den Drogenfahndern gelingen immer wieder Erfolge. So wurden in Istanbul kürzlich knapp 300 kg Heroin im Wert von über 6,3 Millionen Dollar in einem LKW, sowie 25 kg Kokain am Istanbuler Flughafen beschlagnahmt.

Doch diese Funde machen nur einen kleinen Teil der im Umlauf befindlichen Betäubungsmittel aus. Analysen wie die aktuelle Abwässer-Untersuchung geben ein umfassendes Bild vom Drogenkonsum und helfen nicht zuletzt bei der Entwicklung von Suchtpräventionskampagnen.

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