Frauenrechte
Basörtüsü und/oder Türban? Neuer Streit über einen alten Hut

Studentinnen mit Koptüchern, Marmara Universität
Studentinnen mit Kopftüchern an der Marmara-Universität in Istanbul. © picture-alliance/ ZB | Soeren Stache

Die Rede des Parteigründers Ali Babacan auf dem ersten ordentlichen Parteitag seiner Demokrasi ve Atılım Partisi (Demokratie und Fortschrittspartei, kurz DEVA, Türkisch für „Heilmittel“) drei Tage vor Ende des Jahres 2020 sorgte für ein erneutes Aufflammen der „Kopftuchdebatte“. Diese kocht nicht nur in Deutschland alle Jahre wieder hoch. Sie bleibt auch in der Türkei ein Thema.

Babacan, der lange in führenden Positionen an der Seite Erdogans gestanden hat (bis 2015 u.a. Wirtschaftsminister), hatte sich im vergangenen Jahr politisch selbstständig gemacht. Seine tränenreiche Rede auf dem ersten Parteitag seiner DEVA-Partei fand innerhalb und außerhalb seiner Partei große Beachtung – wenn auch eher mit negativen Schlagzeilen. Für die meiste Kritik sorgte, dass er einen alten Hut thematisierte: Unter Tränen erzählte Babacan von der dreimaligen Suspendierung seiner Kopftuch-tragenden Schwester von der Universität nach dem „sanften“ Putsch des türkischen Militärs am 28. Februar 1997, und nannte dieses Erlebnis als Grund für seinen Einstieg in die Politik.

Zur Erinnerung: Beim „sanften Putsch“ von 1997 drängte das Militär den damaligen islamistisch-konservativen Ministerpräsidenten Necmettin Erbakan, den politischen Ziehvater Erdogans, mit einem Ultimatum zum Rücktritt. Die Generäle trieb angesichts des Erstarkens islamisch-konservativer Parteien die Sorge, dass Demokratie und Laizismus in Gefahr sind. Kopftücher an Universitäten wurden als politisches Statement interpretiert und daher verboten.

Levent Gültekin vom oppositionellen Onlineportal Diken erkennt bisherige AKP-Wähler als eigentliche Zielgruppe von Babacans Worten: „Die Regierung versucht, ihre Basis mit Angst zusammenzuhalten, indem sie sagt: „Wenn wir gehen, werden der Druck und die Verbote gegen alles Religiöse zurückkehren.““ Babacan rufe diesen Leuten zu, dass die Ungerechtigkeiten gegen religiöse Menschen nicht vergessen werden, sie sich mithin auch für Alternativen zur AKP öffnen können, vermutet der Kommentator.

Die Kolumnistin Kübra Par von Habertürk findet das Aufgreifen dieses Dauerthemas durch Babacan unklug. Denn bisher habe dieser mit einem „liberal-demokratischen Profil auf die Stimmen des säkularen Lagers abgezielt.“ Doch sein jüngster Ausbruch habe seine laizistischen Unterstützer in Schock versetzt.

Serpil Yılmaz von der kemalistischen Tageszeitung Sözcü prangert den jahrzehntelangen Opfermythos der AKP an und weist darauf hin, dass am Tag der Babacan-Rede drei Frauen in der Türkei von Familienmitgliedern ermordet wurden. „Er begann seine Verteidigung der sozialen Gleichstellung der Geschlechter mit dem Recht aufs Kopftuch, nicht mit dem Recht aufs Leben“, kritisiert Yılmaz den DEVA-Chef.

Auch wenn im Lager der AKP seit gut 20 Jahren dasselbe Lied gespielt wird, wie es Babacan in seiner Rede jetzt anstimmte, erntete er aus dieser Ecke keine Unterstützung. Seit seinem Austritt aus der Regierungspartei und der Gründung einer neuen Partei, sieht das Erdogan-Lager den Ex-Minister als Verräter.

Nahezu zeitgleich, aber unabhängig von der Debatte um Babacan, fachte eine Aussage eines anderen Ex-Ministers die Kopftuch-Debatte weiter an. Fikri Saglar von der größten Oppositionspartei CHP, sagte in einer Fernsehsendung: „Es gibt einen Unterschied zwischen dem Türban (Anm. d. Red.: Dies ist die türkische Bezeichnung für ein eng anliegendes Kopftuch, das seit den 90ern Verbreitung im Land findet), also der Uniform derer, welche die Scharia wollen, und dem Kopftuch (wörtlich: Basörtüsu), das seit Jahrhunderten eine traditionelle Kleidung in Anatolien ist. Ich möchte von mir selbst sagen, dass ich, wenn ich vor einer Richterin mit Türban stehe, Zweifel habe, dass sie Recht sprechen wird.“

Auch die Diskussion um die unterschiedlich gebundenen Kopftücher ist nicht neu. Während das Basörtüsü seit Gründung der Republik unabhängig von politischen oder religiösen Zugehörigkeiten in weiten Teilen der Gesellschaft auftaucht, erschien das Türban erst in den 90ern auf der gesellschaftlichen Bildfläche, zeitgleich mit der politischen Islamisierung des Landes - weshalb es lange Zeit von den säkularen Kräften als Symbol des Islamismus angesehen wurde. 

Heute ist die Kritik am Türban jedoch nicht mehr salonfähig. So hat Saglar selbst aus dem säkularen Lager Protest geerntet. Kemal Kılıcdaroglu, Parteichef der CHP, erklärte: „In welcher Zeit leben wir eigentlich? Jeder muss selbst entscheiden dürfen, was er trägt. Eine solche Form der Diskriminierung akzeptiere ich nicht.“

Die Lehre aus der Geschichte: Ob Türban oder Basörtüsü, es gibt kein politisches Lager, das die religiöse Bekleidung der Frau nicht zu instrumentalisieren versucht.

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