Türkei
„Neues Kapitel der Kriegsführung“ – Ankara feiert sich als Sieger im Krieg um Bergkarabach

Ein Panzerdenkmal bei Schuschi in der Region Bergkarabach erinnert am 25.06.2014 an die Einnahme der strtegisch wichtigen Stadt Schuschi im Jahr 1992.
© picture alliance / ZB | Jens Kalaene

Fachleute mit außenpolitscher Expertise haben in diesen Tagen Hochkonjunktur. In allerlei Foren übertreffen sich die Experten mit Prognosen über mögliche Auswirkungen einer Biden-Präsidentschaft auf die internationalen Beziehungen. Dass sich die Rahmenbedingungen für die Türkei unter Präsident Biden ändern werden, ist dabei eine wiederkehrende These. Donald Trump, so die Argumentation, habe seinen türkischen Amtskollegen gewähren lassen. In den zurückliegenden Jahren habe Washington mehr oder minder tatenlos zugesehen, wie Ankara seinen Einfluss – oft unter Einsatz des Militärs – jenseits der Landesgrenzen ausgeweitet hat: Irak, Syrien, Libyen, das östliche Mittelmeer und zuletzt der Südkaukasus sind die Schauplätze, auf denen Erdogan vorgeprescht ist.

Derweilen richten die Europäer in Bezug auf die Türkei-Politik den Blick nach Washington. In einem Gastkommentar der „Washington Post“ plädieren die Außenminister Deutschlands und Frankreichs für einen „Neuen Deal“ in den transatlantischen Beziehungen. Einen hohen Platz in ihrer Wunschliste hat ein gemeinsames Vorgehen gegenüber Erdogans Türkei: „Wir werden auf das problematische Verhalten der Türkei im östlichen Mittelmeer und darüber hinaus eine Antwort finden müssen,“ schreiben Jean-Yves Le Drian und Heiko Maas an die Adresse der künftigen Machthaber in Amerika.

Ankara zeigt sich unbeeindruckt. In der ersten offiziellen Reaktion auf die US-Wahlen sagte Vizepräsident Fuat Oktay, der Ausgang interessiere die Regierung nicht: „Keine Wahl in welchem Land auch immer ändert etwas für uns.“ Die Türkei – so der Erdogan-Vize - habe ihre eigenen Interessen und ihre eigene Diplomatie.

Das klingt anmaßend, ist aber keine leere Rhetorik: Während die Welt laut darüber nachdenkt, wie es nach dem Amtsantritt des neuen Mannes im Weißen Haus weitergeht, feiert die türkische Regierung den – wie sie es nennt – historischen Sieg im Krieg um Bergkarabach. Nach türkischer Lesart ist Ankara und nicht Moskau gestärkt aus dem Konflikt hervorgegangen. Dieses Narrativ findet auch bei türkischen Beobachtern Zustimmung: Dank einer kompromisslosen, langfristig angelegten Zusammenarbeit mit Aserbaidschan – mit einer kriegsentscheidenden militärischen Komponente – sei es der Türkei gelungen, in einer Region, die als strategischer Hinterhof Moskaus galt, einen Fuß in die Tür zu bekommen. „Die Türkei hat die Karten neu gemischt“, sie ist der „Game Changer“, schwärmt Muhittin Ataman in der regierungsnahen „Daily Sabah“. In einem analytischen Kommentar erklärt das Blatt die Bedeutung der militärischen Unterstützung der Türkei für Baku: „Der Krieg in Karabach war der erste zwischenstaatliche Krieg, den bewaffnete Drohnen entschieden haben,“ schreibt Yahya Bostan. Die türkischen Drohnen haben die „Militärtechnologie auf ein neues Niveau“ gehievt, der 44-Tage-Krieg habe „ein neues Kapitel in der Geschichte der Kriegsführung“ geöffnet.

Keine Erwähnung finden in den gelenkten türkischen Medien Hinweise auf den Einsatz syrischer Söldner. Ankara hat – so berichten Augenzeugen übereinstimmend – syrische Kämpfer gegen Bezahlung auf die Schlachtfelder von Bergkarabach befördert. Türkische Drohnen und syrische Söldner sind nach Meinung des wissenschaftlichen Dienstes des US-Kongresses das bevorzugte Instrumentarium der Militärpolitik Erdogans: „Weil die Drohnen und Stellvertreterkrieger das politische und wirtschaftliche Risiko für die Türkei minimieren, hat die türkische Regierung wenig Zurückhaltung bei deren Einsatz gezeigt“. In Syrien, in Libyen und nun auch in Bergkarabach ist die für den Angreifer kostengünstige Kriegsführung zur Anwendung gekommen – und zwar jeweils mit durchschlagendem Erfolg.

Unterdessen baut die Türkei ihr Arsenal ferngesteuerter Waffen weiter aus. Auf den internationalen Rüstungsmärkten finden Drohnen „Made in Turkey“ reißenden Absatz, berichten türkische Medien. Drohnen-Boote sollen nun eine gänzlich neue Dimension in die strategischen Optionen der türkischen Generäle bringen. Die Türkei hat – so berichtet das amerikanische Fachmagazin „National Interest“ – ein unbemanntes Kriegsschiff entwickelt, das vollbepackt mit Waffen und Munition eine Reichweite von bis zu 400 Kilometer haben soll.  Die Bekanntgabe des neuen maritimen Waffensystems sende eine politische Botschaft zu einem Zeitpunkt, da die Türkei mit ihren Anrainern, allen voran Griechenland und Zypern, über die Seegrenzen streitet, schreibt das Blatt.

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Helena von Hardenberg, Presse und Digitale Kommunikation
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