Thailand
Thailands Öffnung: Trendsetting oder Leichtsinn?

Mitarbeiterinnen warten auf Reisende am Suvarnabhumi International Airport in Bangkok
Mitarbeiterinnen warten auf Reisende am Suvarnabhumi International Airport in Bangkok, Thailand, am 1. November 2021. © picture alliance / Xinhua News Agency | Wang Teng

Nach eineinhalb Jahren lässt Thailand wieder Touristen ins Land - gezwungenermaßen. Die lange Abschottung brachte schwere wirtschaftliche Schäden. Nun wagt das Land trotz hoher Corona-Fallzahlen und bescheidener Impfquote einen Neustart.

 

In der Nacht von Sonntag auf Montag war es soweit: nach rund eineinhalb Jahren landete der erste Flug mit Touristen in Bangkok, die ohne großen Hürden nach Thailand einreisen konnten. Wer geimpft ist und vor dem Abflug einen negativen Covid-Test vorlegt, muss nach Landung zwar noch einen weiteren PCR Test machen und über Nacht in einem Hotel auf das Ergebnis warten - aber so es negativ ist, dürfen Einreisende sich dann frei in Thailand bewegen. Die Regelung gilt für Einreisende aus 63 Staaten. Damit ist das „Land des Lächelns“ der erste Staat in Südost- und Ostasien, der seine Grenzen wieder öffnet.

Allerdings ist Thailand ein unfreiwilliger Vorreiter. Ohne Tourismus-Einnahmen, die vor Corona 20% des Bruttoinlandsproduktes ausmachten, war vielen Thailändern seit März 2020 ihr Lächeln vergangen. Corona hat die Wirtschaft schwer gebeutelt. Wie viele Betriebe pleitegingen und wie viele Millionen Thais arbeitslos wurden, ist nicht bekannt. Zu viele, scheint Thailands Regierung nun gefunden zu haben. Die Grenzöffnung ist mutig bis verzweifelt. Sie kommt zu einem Zeitpunkt, an dem nicht mal die Hälfte aller Thais vollständig geimpft sind und täglich knapp 10.000 Neuinfektionen registriert werden. Die wahre Zahl dürfte viel höher liegen. Aber für die Regierung stehen mittlerweile wirtschaftliche Erwägungen im Vordergrund. Die Tourismus-Hauptsaison steht vor der Tür, auf die Einnahmen kann und will man nicht mehr verzichten. Es besteht auch die Sorge, dass eine noch längere, vollständige Abschottung von der Außenwelt die Tourismus-Infrastruktur nachhaltig schädigen könnte. Darüber hinaus setzt sich die Erkenntnis durch, dass eine Ausrottung des Corona-Virus nicht mehr möglich sein wird. Lernen, mit dem Virus zu leben, heißt es jetzt.

Delta beendete „Zero Covid“

Als die Corona-Pandemie Anfang 2020 weltweit in Fahrt geriet, hatte Thailand strikt und schnell reagiert. Die Grenzen wurden defakto geschlossen. Mit Heimarbeit, Ausgangssperren,  Versammlungs- und Alkoholverboten sollte das Virus besiegt werden. „Zero Covid“ wünschte sich die Regierung und schien die richtige Strategie zu fahren. Die Behörden registrierten ein Jahr lang gerade mal eine Handvoll von Neuinfektionen pro Tag. Der Preis dafür war immens. Als die Touristen ausblieben, kämpften hunderttausende Betriebe plötzlich ums nackte Überleben. Unzählige Hotels, Restaurants, Bars und Reisebüros mussten schließen, viele für immer. In Bangkok sind beliebte Touristenmagnete wie die berühmte Khaosan Road seit Monaten verrammelt. Strandorte wie Hua Hin oder Pattaya sind weitgehend verwaist. Von der Regierung geschnürte, milliardenschwere Hilfspakete halfen nur bedingt. Und dann, im vergangenen April, kam die Delta-Variante nach Thailand. Sie brachte knapp zwei Millionen Ansteckungen und knapp 20.000 Tote. Seitdem hat Thailand beides: Corona- und Wirtschaftskrise. Mit steigender Impfquote geht die Zahl der Erkrankten und der Toten seit September zurück. Aber Thailand geht wirtschaftlich gesehen die Luft aus. Deshalb hat die Regierung nun das Land geöffnet.

Europäer werden kommen, Asiaten vorerst nicht

In den ersten Tagen seit der Öffnung landeten sofort mehrere tausend Urlauber, bald werden Hundertausende erwartet. Auf die normalen, knapp 40 Millionen Besucher pro Jahr, die Milliardeneinnahmen bescheren, wird man zwar noch länger warten müssen. Aber erste Schritte sind gemacht. Allerdings sieht die die thailändische Bevölkerung – Wirtschaftskrise hin oder her - die Öffnung ihres Landes mehrheitlich kritisch. Zu groß ist die Sorge, dass es zu einer neuen Infektionswelle kommen könnte. Den meisten wäre es lieber, wenn zuerst das Impfziel von 70% der Bevölkerung erreicht werden würde. Davon ist man abseits der Ballungszentren noch weit entfernt. Eine weitere Herausforderung ist, dass Touristen nur aus Staaten anreisen werden, die Urlauber nach ihrem Aufenthalt in Thailand zurück in ihr Heimatland reisen lassen. Europäern ist das möglich, Asiaten nicht. Zum Beispiel werden Chinesen, die wichtig sind für Thailands Tourismus, ihr Land nicht verlassen, solange sie bei ihrer Heimkehr bis zu drei Wochen lang in Quarantäne müssen.

Versuchskaninchen oder Trendsetter?

Mit Ausnahme Singapurs haben alle Staaten in Südost- und Ostasien weiterhin strenge Einreisebeschränkungen – auch für ihre Bürger. Deshalb forderte Thailands Premierminister Prayuth Chan-ocha jüngst beim Gipfel des südostasiatischen Staatenbundes ASEAN gegenseitige Anerkennung von Impfzertifikaten und regionale Reisefreiheit: „ASEAN sollte mit der Öffnung beginnen und sicheres Reisen erlauben, sodass sich seine Wirtschaften erholen können“. Ob der Premier erhört werden wird, ist offen. Möglich ist, dass asiatische Nachbarn erst einmal abwarten, wie sich Thailands Öffnung, mit der auch das Ende von Ausgangssperre und Alkoholausschank-Verbot einhergeht, auf die Corona-Lage auswirkt. So wäre Thailand nicht nur Asiens Öffnungs-Vorreiter, sondern auch Versuchskaninchen. Möglich ist aber auch, dass andere Tourismus-Staaten nicht lange zusehen wollen, wie Urlauber ihr Geld auf Phuket oder Koh Samui ausgeben während die eigenen Hotels weiter leer stehen. Einen Tag nach Thailands Öffnung verkürzte Indonesien, dessen Urlaubsinsel Bali wirtschaftlich am Abgrund steht, die Quarantäne-Zeit für Einreisende auf nur noch drei Tage.

*Miklos Romandy ist Projekt Manager Südost- und Ostasien im Bangkok-Büro der Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit.

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