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Taiwan – Die heimliche Musterschülerin bei der Gleichstellung

Anna Marti FemaleForwardBlog

Frauen spielten in Taiwans Gesellschaft lange keine bedeutende Rolle – auch aufgrund des fest verankerten Konfuzianismus. Mittlerweile gilt die Insel zwar bei der Gleichberechtigung als asiatische Vorreiterin. Noch immer haben es Frauen in vielen Bereichen schwer.

Traditionellerweise ist Taiwan ist eine sehr konfuzianisch geprägte Gesellschaft. Im Konfuzianismus wird Männern eine sehr viel größere Bedeutung zugeschrieben als Frauen, da nur sie der Tradition nach die Familienlinie weiterführen. Der extrem niedrige Status, den Frauen in der chinesischen Gesellschaft lange innehatten, zeigt sich an Sprichwörtern wie „Nudeln sind kein Essen, Frauen sind keine Menschen“ (麵條不是飯, 女人不是人). Nach dem Sieg der Kommunisten auf dem Festland wurde die dortige Gesellschaft gründlich umgekrempelt. Die kommunistische Ideologie war die einzig akzeptable Denkweise, Religion und andere Wertesysteme waren verboten. In Taiwan hingegen blieben viele Traditionen erhalten – man sah sich als das „wahre China“. Aber auch in Taiwan kommt zum Glück schon lange niemand mehr auf die Idee zu behaupten, Frauen seien keine Menschen.

In der Top-10 – ohne dort offiziell aufzutauchen

Das Entwicklungsprogramm der Vereinten Nationen UNDP veröffentlicht jährlich einen Index zum Stand der Entwicklung weltweit, den sogenannten Human Development Index. Teil dieses Indexes ist der zur Geschlechterungleichheit, der Gender Inequality Index GII. Basierend auf Daten aus dem Bereich Gesundheit, Bildung, politische Teilhabe und Arbeitsmarktdaten errechnet UNDP einen Wert für jedes Mitgliedsland. Da Taiwan nicht Mitglied der Vereinten Nationen ist, taucht es in diesen Indizes nicht auf. Die Regierung berechnet daher den eigenen GII Wert selbst – und das Ergebnis ist erfreulich: Für 2019 hat die Regierung einen Wert errechnet, der Taiwan gleichauf mit Norwegen auf Platz sechs sieht. (Zum Vergleich: Deutschland liegt auf Platz 20). Basierend auf dieser Wertung ist Taiwan Spitzenreiter in Asien, und in der weltweiten Top-10. Der Equal Pay Day war in Taiwan bereits am 20. Februar diesen Jahres– in Deutschland ist er dieses Jahr erst am 10. März. Im taiwanischen Parlament sind aktuell 41,6 % der Abgeordneten Frauen, und mit Präsidentin Tsai Ing-wen steht eine hochgebildete und erfolgreiche Politikerin an der Spitze der Regierung. Auf alle diese Errungenschaften ist man stolz.

Gleichberechtigung ist „work in progress“

Also alles eitel Sonnenschein? Nicht ganz. Traditionelle Rollenbilder sind auch in Taiwan noch fest in den Köpfen verankert. Beispielsweise waren Politikerinnen im Wahlkampf sexistischen Anfeindungen ausgesetzt: Chen Chu, damals Generalsekretärin des taiwanischen Präsidentenbüros, wurde vom Vorsitzenden der gegnerischen Kuomintang KMT Partei als „fette Sau“ beschimpft. Präsidentin Tsais Kompetenz als Präsidentin wurde in Frage gestellt, weil sie unverheiratet und kinderlos ist  – und sich so unmöglich in die Lebenswelt der Familien Taiwans eindenken könne.

Die „Gläserne Decke“ ist auch in Taiwan ein bekanntes Phänomen. In vielen Behörden und Unternehmen sind die leitenden Positionen von Männern besetzt, und die unteren und mittleren Positionen von Frauen. Einige Gesetze spiegeln die patriarchalische Prägung der Gesellschaft wider – beispielsweise das Abtreibungsgesetz, welches die Zustimmung des Ehemannes zwingend vorsieht.

Und so ist auch in Taiwan das Thema Gleichberechtigung „work in progress“. Die bisherigen Fortschritte sind auf jeden Fall beachtenswert.

Anna Marti ist Leiterin des neuen Büros der Friedrich-Naumann-Stiftung in Taiwan, das 2021 eröffnet wird.

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