Südasien
Aktivisten beklagen Stigmatisierung und Ausgrenzung von queeren Schülern

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© FNF South Asia

In seiner Schule wurde er ausgegrenzt, gemobbt und belästigt – weil er schwul war. Anfang des Jahres beging ein 16-jähriger Inder aus Faridabad, einer Metropole am Rand der Hauptstadtregion Delhi, Suizid. Der Tod des Teenagers sorgte in seiner Heimat Anfang des Jahres landesweit für Schlagzeilen – und löste eine Debatte über die Probleme von queeren Schülerinnen und Schülern in Indiens Schulsystem aus. Die Stigmatisierung von Homosexuellen, Transpersonen und Menschen mit nichtbinärer Geschlechtsidentität ist in weiten Teilen Südasiens gesellschaftlich tief verankert. In Indien standen homosexuelle Handlungen noch bis 2018 unter Strafe – erst dann kippte das Oberste Gericht entsprechende Regelungen im Strafgesetz, die noch aus der britischen Kolonialzeit stammten. Welche Rolle das Bildungswesen im Kampf gegen Diskriminierung hat, stand im Zentrum der Online-Veranstaltung "Making Sex Education Queer-Friendly", die das Südasien-Büro der Friedrich-Naumann-Stiftung gemeinsam mit der indischen Denkfabrik Centre for Law & Policy Research organisiert hat. "Viele Kinder wachsen in unserem Erziehungssystem isoliert und stigmatisiert auf. Es kommt zu Mobbing und Gewalt – von Mitschülern und sogar Lehrern", sagte Pushpa Joshi, eine feministische Aktivistin aus Nepal. Der Himalaya-Staat garantiert zwar den Schutz der sexuellen Orientierung in seiner Verfassung. An Schulen gibt es laut Joshi aber immer noch große Herausforderungen: "Im Lehrplan tauchen LGBTQ-Inhalte nur in äußerst geringem Umfang auf", sagte sie. "Und das Lehrpersonal vermittelt diese oft auch nicht gut – wegen des immer noch existierenden Schamgefühls bei diesem Thema." Sie sieht darin einen Missstand, der schnellstmöglich behoben werden müsse. "Keinen Zugang zu einer inklusiven Bildung zu haben, ist ein Verstoß gegen unsere Menschenrechte." Die indische Sozialwissenschaftlerin Shivani Singhal, die derzeit an der Universität Leeds an ihrem PhD arbeitet, verwies auf die Schwierigkeiten, die durch die Tabuisierung von Sexualität in ihrer Heimat entstünden: "In unserer Gesellschaft redet man grundsätzlich nicht über Sex." Informationen bekämen Jugendliche vorwiegend über Medien. Dort seien queere Menschen aber kaum repräsentiert. Sie seien lange Zeit nur als Witzfiguren darstellt worden. "Das hat sich auch in meinem Gehirn verankert", sagte Singhal. "Erst als ich angefangen habe, westliche Kinofilme anzusehen, wurde mit klar, dass das auch anders sein kann." Singhal verwies aber auch darauf, dass die Sexualerziehung nicht nur an indischen Schulen mangelhaft ist. Sie habe Freunde von Amerika bis nach Australien über deren Erfahrungen befragt, berichtete sie. Zufrieden war nach ihrer Darstellung niemand mit dem Sexualkundeunterricht. "Es gibt große Lücken in den Bildungssystemen", sagte sie und betonte, dass Schülerinnen und Schüler deshalb vielfach im Internet nach Antworten suchten. Sie landeten dabei am Ende vielfach bei Pornografie und anderen unmoderierten Plattformen. Niladri R. Chatterjee versucht das zu ändern: Der Professor an der University of Kalyani im Bundesstaat Westbengalen unterrichtet angehende Lehrerinnen und Lehrer in Gender-Studien und sensibilisiert sie mit Blick auf die Probleme von queeren Schülerinnen und Schülern: "Wenn meine Studenten zu Lehrern werden, kümmern sie sich gezielt um diejenigen, die gemobbt werden oder besonders introvertiert sind." Vielfach gelinge es ihnen, ein Vertrauensverhältnis herzustellen, das es den Schülern ermögliche, über Fragen zu ihrer Sexualität zu sprechen. Chatterjee empfiehlt seinen Lehramtsstunden, unterschiedliche sexuelle Orientierungen und Geschlechtsidentitäten regelmäßig zum Thema zu machen – und das Lehrmaterial in der Diskussion mit den Schülern kritisch zu hinterfragen: "Wenn ein Schulbuch komplett heteronormativ geschrieben ist, können sie darüber sprechen, dass es auch andere Lebensformen gibt, die man nicht diskriminieren sollte." Auf diese Weise gelinge es den von ihm ausgebildeten Lehrern, eine queere Perspektive in den Unterricht einzuweben. Die nepalesische Aktivistin Joshi äußerte ebenfalls Kritik an den Lehrplänen und Lernmaterialien in ihrer Heimat. Sie habe die offiziellen Schulbücher untersucht und dabei festgestellt, sie sich "in einem heteronormativen Rahmen bewegen und eine binäre Sprache verwenden". Der Diskurs um Geschlechtergleichheit werde lediglich mit Blick auf das Verhältnis von Mann und Frau thematisiert. Zudem gebe es einen problematischen Fokus auf Fortpflanzung – Informationen über sexuelle Anziehung und Orientierung würden hingegen weitestgehend ignoriert. Universitätsprofessor Chatterjee fügte hinzu: "Unter einem wissenschaftlichen Deckmantel verbirgt sich viel Prüderie." Einig waren sich die Diskussionsteilnehmerinnen und -teilnehmer darüber, dass queere Vorbilder im Unterricht eine stärkere Rolle spielen sollten. "Als ich Schülerin war, bekamen wir lediglich die Biografien von heterosexuellen Männern und heterosexuellen Frauen vorgesetzt", sagte Joshi. Sie plädierte dafür, stattdessen auch herausragende LGBTQ-Persönlichkeiten vorzustellen. "Für die Schüler kann das eine Quelle der Inspiration sein." Chatterjee verwies darauf, dass auch die hinduistische Mythologie und alte Sanskrit-Texte genug Diskussionsmaterial bieten: "Selbst im Kamasutra gibt es ein Kapitel, in dem es um Männer geht, die mit anderen Männern Sex haben."