Digitaler Unterricht
Schulen: Neuer Lockdown, alte Probleme

Auch nach einem Jahr Pandemie ist unser Bildungssystem nicht ausreichend digitalisiert
Grundschule im Lockdown

„Wir sind zurück – und ihr ebenso!“ begrüßen Mark und Sam die Sieben- bis Neunjährigen, die sich am Anfang der Woche wieder vor den Fernsehschirmen versammelt haben, um die Lernangebote der altehrwürdigen British Broadcasting Corporation anzuschauen. „Ihr konntet wohl einfach nicht fernbleiben“ fügen die Moderatoren hinzu, wobei selbst den Kindern klar sein dürfte: das Wiedersehen ist alles andere als freiwillig. Über 45.000 Briten wurden alleine am 11. Januar positiv mit dem Coronavirus getestet, die wöchentlichen Fallzahlen liegen in manchen Bezirken sogar über der unvorstellbaren Grenze von 1.000 pro 100.000 Einwohnern. Als Antwort gab der britische Premierminister Boris Johnson am 4. Januar bekannt, dass Schulen und Colleges mindestens bis Mitte Februar geschlossen bleiben sollten. Lediglich eine Notbetreuung für „verwundbare Kinder“ sowie die Kinder von Eltern mit „systemrelevanten Berufen“ ist eingerichtet worden, die Kindertagesstätten bleiben allerdings weiterhin geöffnet. Für die große Mehrzahl der Kinder und Jugendlichen heißt es daher wieder: zurück zum „Lockdown Learning.“ Keine Form des Distanzlernens kann den Präsenzunterricht ersetzen. Dennoch können Schüler und Eltern mehr Kreativität erwarten – Adressaten sind dabei nicht nur die Kultusministerien und Schulbehörden, sondern beispielsweise auch der Öffentliche Rundfunk.

Keine einfachen Lösungen

Das Vereinigte Königreich steht mit dieser Herausforderung nicht alleine dar. Auch in Deutschland sind die Schulen in Deutschland, zumindest in manchen Bundesländern und in manche Schulformen, vorerst wieder geschlossen. Viele Regelungen bleiben allerdings widersprüchlich. Der Beschluss der Kultusministerkonferenz vom 4. Januar 2021 betont zwar die „Bedeutung einer schnellen Wiederaufnahme des Präsenzunterrichts“, lässt den einzelnen Bundesländern allerdings relativ große Spielräume bei der Frage, wie diese Rückkehr umgesetzt werden kann. Dafür, dass es die deutsche Bildungspolitik auch im neuen Jahr nicht schafft, sich auf eine klare Linie zu einigen, gibt es viele Gründe – und bei weitem nicht alle davon sind schlecht. Vor allem das Grundproblem lässt sich kaum auflösen: inmitten einer sich stetig verschärfenden pandemischen Lage stellt die Öffnung von Schulen ein Risiko dar. Das Ausmaß dieses Risikos ist zwar nach wie vor der Gegenstand teils heftiger Debatten, dass Infektionen innerhalb von Schulen stattfinden, ist mittlerweile nicht zuletzt durch den Coronaausbruch an der Hamburger Heinrich-Hertz-Schule nachgewiesen. Auf der anderen Seite haben Studien, beispielsweise die COPSY-Studie des Universitätsklinikums Eppendorf, die gravierenden Auswirkungen der Schulschließungen auf die Gesundheit der Kinder und Jugendlichen nachgezeichnet. Zwischen diesen Polen findet sich ein ganzes Spektrum von teils unvereinbaren Positionen. Wer sich beispielsweise um pflegebedürftige Großeltern kümmern muss, für den ist der Präsenzunterricht ein schier unkalkulierbares Risiko. Wo andererseits beide Elternteile erwerbstätig sind, ist der Unterricht Zuhause kaum zu meistern. In manchen Familien fallen beide Sorgen sogar zusammen. Hinzu kommt die große Bandbreite an Erfahrungen mit dem Distanzunterricht. Bereits der erste Lockdown hat gezeigt, dass manche Kinder durch die Schule schlicht nicht mehr erreicht werden konnten und an vielen Stellen sogar einem erhöhten Risiko häuslicher Gewalt ausgesetzt waren. Andere Schülerinnen und Schüler verzweifeln „nur“ an der technischen Ausstattung und abstürzenden Lernservern, manche kommen dagegen gut zurecht. Aufgelöst werden können diese Widersprüche nicht. Der Blick ins Ausland zeigt allerdings, wie durch innovative Bildungsangebote die Auswirkungen der Coronapandemie auf die Bildungswege der Kinder und Jugendlichen zumindest abgemildert werden können.

Die BBC als Vorbild

Um die „School of Mum and Dad” zu unterstützen, hat die BBC ein umfangreiches Bildungsangebot aufgebaut. Grundschulkinder werde täglich zwischen 9 und 12 mit einem eigenen Programm auf dem „Kinderkanal“ CBBC versorgt, am Nachmittag sind die Schülerinnen und Schüler auf BBC2 an der Reihe. Gleichzeitig werden über die Seite „BBC Bitesize“ mundgerechte Lerneinheiten offeriert, die nach Altersgrenzen strukturiert sind. Die Nutzerinnen und Nutzer können das Angebot nach Fach und Jahrgangsstufe durchsuchen oder sich auf den Stundenplan der BBC verlassen. Sogar Prominente wie der ehemalige Fußallspieler Gary Lineker wurden rekrutiert, um einzelne Lerneinheiten aufzulockern. Das Fernsehprogramm, welches (zumindest mit britischer IP-Adresse) auch über die Online-Mediathek „iplayer“ verfügbar ist, wird durch digitale Formate, darunter Spiele und Arbeitsblätter ergänzt, die auch für deutsche Eltern nützlich sein könnten. Das „Multimediale Schulfernsehen“, welches deutschen Konsumenten angeboten wird, hinkt im Vergleich deutlich hinterher. Zwar finden sich an verschiedenen Ort unterschiedliche Sammlungen mit pädagogisch wertvollen Inhalten, doch es fehlt zumindest ein Versuch, diese auch an die veränderten Anforderungen des Unterrichts in den eigenen vier Wänden anzupassen. Auch den neuen Bildungsportalen von Bund und Ländern – beispielsweise Mundo – fehlt noch die klare Struktur der britischen Kollegen. So lassen sich Inhalte kaum filtern und eine Bezugnahme auf den Schul- und Lernalltag findet kaum statt.

Auch die Angebote der BBC stoßen selbstverständlich an ihre Grenzen. Die Interaktion im Klassenzimmer ist eine „riskante“ – aber auch ungemein bereichernde – Form der Kommunikation, die sich über Fernsehfilme nicht reproduzieren lässt. Sowohl „Mark und Sam“ als auch Gary Lineker mögen die Kinder einige Zeit an den Bildschirm fesseln, die Beziehungsarbeit der pädagogisch geschulten Lehrkräfte können sie aber nicht einmal ansatzweise ersetzen. Inwieweit diese Arbeit vom Klassenzimmer in die Videoschalte verlegt werden kann, steht freilich auf einem anderen Blatt. Und wie so oft in der Schule hängt auch die Qualität des Distanzunterrichts wesentlich von den pädagogischen Fähigkeiten und dem Engagement der Lehrkräfte ab. Dabei geht es keineswegs um neue „digitale“ Tugenden, sondern um das klassische Handwerkszeug des gut ausgebildeten Pädagogen. Gerade die Lehrkräfte verdienen in der jetzigen Belastungszeit allerdings alle Unterstützung, die möglich ist. Neben einer funktionsfähigen Infrastruktur und angemessenen Schulungen, die vielerorts selbst nach fast einem Jahr immer noch nicht verfügbar sind, gehört dazu auch die Schützenhilfe von anderen Teilen der Gesellschaft. Der Verein „Corona School e.V.“, welcher Studierende, Schülerinnen und Schüler sowie Eltern zusammenbringt, um digitale Lernunterstützung bereitzustellen, ist ein gutes Beispiel dafür. Doch auch der öffentliche Rundfunk ist in der Pflicht, noch etwas stärker darüber nachzudenken, welche Lernangebote bereitgestellt werden können. „Es wäre ein Missbrauch der Möglichkeiten und eine Beleidigung des Charakters und der Intelligenz des Volkes, “, schrieb der erste Generaldirektor der British Broadcasting Corporation, John Reith „wenn so eine großartige wissenschaftliche Erfindung nur für Unterhaltung gebraucht würde.“

Lockdown 2: Digital muss in der Schule Pflicht werden

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Bund und Länder beraten heute über mögliche Verschärfungen des Lockdowns. Wie geht es weiter in der Bildungspolitik? Unsere Expertin plädiert für einen konsequenten hybriden Unterricht - nicht nur im Lockdown. Wir müssen das Bildungssystem jetzt freier, schockresistenter und flexibler gestalten, denn Klassenraum und Cloud müssen sich auch nach der Pandemie ergänzen.

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