Impfstrategie
Impfsituation in Russland – Politische Ambitionen gegen die Realität

Corona Impfzentrum Moskau, Russland
Medizinisches Personal am Empfang eines Impfzentrums in Moskau. Die Hauptstadt ist eine der wenigen Regionen des Landes, in der ausreichende Mengen an Impfstoff zur Verfügung stehen. © picture alliance/dpa/TASS | Artyom Geodakyan

Es war am 11. August 2020: Russland war das erste Land der Welt geworden, das die erfolgreiche Zulassung eines Corona-Impfstoffs, des „Sputnik V“- nicht zufällig nach dem ersten Satelliten weltweit benannt verkündete – mit großem propagandistischen Aufwand. Der unbedingte Wunsch der russischen Führung, damit dem In- und Ausland die Überlegenheit und Effizienz der russischen Forschung zu demonstrieren, wurde jedoch aufgrund der Zulassung ohne Durchführung aller erforderlichen klinischen Testphasen und ohne umfassende Testung aller Bevölkerungsgruppen von Anfang an kritisch aufgenommen.

Gleichwohl hat Russland die Vakzine sofort international angeboten und in Länder wie Belarus, Kirgistan und Venezuela geliefert, die damit quasi in die letzte Testphase eingebunden worden sind. Der Wirkungsgrad des Impfstoffes beträgt nach russischen Angaben über 95% und muss in zwei Dosen verimpft werden. Im Januar 2021 wurde eine light-Variante von „Sputnik V“ auf den Markt gebracht, die nur noch eine einmalige Impfung erfordert, aber dadurch auch nur eine kürzere Immunitätszeit s garantiert. 

Seitdem wurden in Russland drei weitere Impfstoffe entwickelt, von denen bislang nur einer, EpiVacCorona, am 15.Oktober 2020, eine Zulassung erhielt und nach offiziellen Angaben einen 100%igen Wirkungsgrad aufweisen soll. Nach einem dramatischen Anstieg der mit Covid-19 Infizierten auf 3,4 Mio. erfolgte der offizielle Impfbeginn in Russland im Dezember 2020. Die Impfungen sind für russische Staatsbürger kostenlos; für die Impfreihenfolge wurde eine Priorisierung vorgenommen.

Als erste sind Ärztinnen und Ärzte, Lehrerinnen und Lehrer und Beschäftigte aus weiteren Risikogruppen, deren Tätigkeit mit vielen sozialen Kontakten verbunden ist, zur Impfung berechtigt. Darüber hinaus gehören dazu auch alle Personen über 60 Jahre; Personen mit chronischen Erkrankungen, die an das Haus gebunden sind, sowie eingeschriebene Studenten und Schüler von Colleges und Hochschulen älter als 15 Jahre.

Geringe Impfbereitschaft in der Bevölkerung

Bei Ärzten und medizinischem Personal wie auch in der Bevölkerung ist die Impfbereitschaft mit 38% sehr gering und die Skepsis gegenüber den Impfstoffen anhaltend hoch. So wurden bislang bei einer Bevölkerung von 146,7 Mio. nach offiziellen Angaben 1,5 Mio. Menschen geimpft; inoffiziell liegen die Schätzungen jedoch weit darunter.

Die real geringere Impfquote ist auch deshalb plausibel, weil offensichtlich die Produktionskapazitäten für die beiden zugelassenen Vakzine bei weitem nicht ausreichend sind, was sogar Präsident Putin kürzlich einräumte. So kann nach den neuesten Ankündigungen der Regierung erst ab Februar 2021 die monatliche Produktionskapazität von „Sputnik V“ auf 3,5 Mio. Dosen erhöht werden, und die Produktion von EpiVacCorona läuft ebenfalls ab Februar überhaupt erst an. Aufgrund der anhaltend hohen Infektionszahlen und der Angst vor einer noch schnelleren Verbreitung durch die auch in Russland bereits aufgetretenen britischen und anderen Virusmutationen hat die Regierung die Impfberechtigung ab 13.Januar 2021 außerordentlich stark ausgeweitet. Nunmehr dürfen fast alle Kategorien von Beschäftigten in staatlichen und privaten Einrichtungen aus Industrie, Handel und Dienstleistungen, Verwaltung, Sport, Wissenschaft, Rechtspflege, Bundes-, Regional- und Munizipalorganen sowie religiösen und nichtkommerziellen Vereinigungen sich zur Impfung in den für sie regional zuständigen Gesundheitseinrichtungen anmelden.

In Moskau wurde die Zahl der Impfstellen von 70 auf 100 erweitert. Neben Krankenhäusern, Polikliniken und anderen medizinischen Einrichtungen wurden Impfstellen auch in Kaufhäusern (z.B. GUM in Moskau) und anderen öffentlichen Orten geöffnet.  Während Moskau und das Umland relativ gut mit Impfstoffen versorgt werden, herrscht daran in den russischen Regionen ein dramatischer Mangel: so vermeldeten bislang nur 5 der 85 Regionen eine ausreichende Impfstoffzuteilung und -anwendung. Trotzdem hat die Regierung ab 18. Januar den Beginn von landesweiten Massenimpfungen verkündet, zu denen sich alle Bürgerinnen und Bürger anmelden können, die älter als 18 Jahre, nicht schwanger und nicht akut krank oder fieberig sind bzw. Corona bereits überstanden haben.

Die fehlenden inländischen Produktionskapazitäten sollen durch Lizenzvergabe und Produktionsverlagerung ins Ausland kompensiert werden. Laut Kremlangaben hatten Präsident Putin und Angela Merkel in ihrem Telefonat am 5. Januar auch über eine mögliche Kooperation bei der Impfstoffproduktion gesprochen. Eine Registrierung ausländischer Vakzine in Russland ist bisher nicht erfolgt. Deshalb ist deren Einsatz in allen staatlichen und privaten medizinischen Einrichtungen bislang verboten.

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Helena von Hardenberg, Presse und Digitale Kommunikation
Helena von Hardenberg
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