Unsere Aktivitäten
Bildung in Zeiten von Krise

Unsere Partner AlSama und OurVoice
AlSama

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Shatila, ein wohlklingender Name für einen trostlosen Ort. Das Flüchtlingslager liegt im Süden Beiruts und beherbergt zwischen 20.000 und 40.000 Menschen, genaue Zahlen gibt es nicht. Ursprünglich 1949 als Flüchtlingscamp für Palästinenser etabliert, hat es eine lange Geschichte, die ihren grausamen Höhepunkt 1982 erfuhr, als im libanesischen Bürgerkrieg Angehörige der Phalangisten Miliz ins Lager einfielen und seine palästinensischen Bewohner folterten, vergewaltigten und meuchelten. Genaue Angaben gibt es hierzu ebenfalls nicht; die Zahl der überwiegend zivilen Todesopfer des Überfalls liegt irgendwo zwischen 500 und 3.000.

Seit 2011 der Bürgerkrieg in Syrien ausbrach, wurde Shatila Heim für weitere tausende, wenn nicht gar zehntausende Geflüchtete. Die ohnehin marode Infrastruktur kollabierte nur deshalb nicht, weil internationale Organisationen, allen voran die Vereinten Nationen, für ein Mindestmaß an Versorgung aufgekommen sind und weil kleinere NGOs die Menschen mit dem Nötigsten unterstützen, mit medizinischen Leistungen und nicht zuletzt Bildung.

Shatila ist ein Gewirr aus Gassen, Hinterhöfen und Hausdurchgängen, in denen sich ein Fremder nur zu leicht verirrt. Hier treiben sich Kinder herum, wühlen im Müll auf der Suche nach etwas Essbarem, Frauen sitzen auf dem Boden ihrer kleinen, fensterlosen Wohnungen, um sich herum die ganze Familie. Jeder Winter ist eine zusätzliche Herausforderung, wenn die Wände feucht werden und die Häuser auskühlen. Doch dieses Jahr halten Regen und Kälte besonders lange an, dazu kommt das Coronavirus, das sich rasant im Camp ausbreitet, auch da die Impfquote sehr niedrig ist.

AlSama

Inmitten des Camps sitzt AlSama, eine kleine NGO, die Jugendliche zwischen 12 und 24 Jahren und Frauen allen Alters ausbildet. Die Jugendlichen erhalten Unterricht in Arabisch, Englisch und Mathematik und werden gleichzeitig durch Yoga und Cricketunterricht gefördert. Die besten unter ihnen erhalten ein Stipendium an der renommierten Brummana Highschool.

Es ist ein unscheinbares Wohngebäude, das man über einen Innenhof erreicht. Bereits von unten hört man das lebhafte Rufen und Lachen von Jugendlichen aus dem zweiten und dritten Obergeschoss, in denen sich die Klassenräume, das Lehrerzimmer, eine Bibliothek und weitere Räume für die diversen Aktivitäten von AlSama befinden. Meike Ziervogel gründete die Organisation gemeinsam mit Kadria Hussien im Januar 2020. Nachdem sie sich anfangs nur auf die weiblichen Bewohnerinnen des Lagers fokussiert hatten, mit dem Ziel ihr Bewusstsein für Bildung und Unabhängigkeit in einer stark von Männern dominierten Gesellschaft zu schärfen, erweiterten sie elf Monate später ihr Angebot auf alle Jugendliche, die durch die Flucht aus Syrien und das langjährige Leben im Camp um ihre Bildung gebracht worden sind. Inzwischen stehen 200 Namen auf der Warteliste für die Schule in Shatila und ein weiteres Bildungsinstitut wurde im Camp Burj al-Barajneh eröffnet, das ebenfalls im Süden Beiruts liegt.

Projekt mit Frauen in AlSama

Viele Kinder in der AlSama Schule waren sich zunehmend auch der Kehrseite ihrer eigenen Entwicklung bewusst: Ihrer Entfremdung von ihren oft sehr traditionellen Eltern und Familien. Deshalb hat die Stiftung von September bis November 2021 mit den Müttern der Kinder Workshops organisiert, in denen verschiedene grundlegende Menschenrechtsthemen behandelt wurden, z. B. der Kampf gegen Kinderehen, der Zugang zu Bildung für Kinder, die Bedeutung höherer Bildung oder die Enttabuisierung von sexueller Belästigung.

Das Medienprojekt OurVoice

Gemeinsam mit Erol Gurian und Sara Hteit, die das Medienprojekt OurVoice ins Leben gerufen haben, und AlSama führten wir ein Projekt durch, das Jugendlichen die Kunst der Fotografie näherbringt. So viele traurige Schicksale im Camp anzutreffen sind, so sehr ist es von Bedeutung, die Geschichten zu erzählen. Erol und Sara vermittelten den Schülern in zwei Reihen von Workshops die technischen Grundlagen des Fotografierens und wie im Anschluss aus einzelnen Bildern eine Fotostory entsteht. Sie engagieren sich mit OurVoice für syrische Flüchtlingsgemeinschaften, die in den vielen Lager im Libanon leben.

Die Teilnehmenden des Projekts begleiteten eine Person ihrer Wahl in ihrem alltäglichen Leben und fotografierten sie dabei. Aisha von AlSama suchte sich als Motiv einen achtjährigen Mülljungen aus, der mit seinen 30 Geschwistern von drei Müttern gemeinsam im Camp lebt und täglich die Halden und Container nach brauchbaren Überresten durchkämmt. Mahmud hingegen entschied sich für eine Jugendliche, deren strahlendes Lächeln er mit seiner Kamera beim Cricketspielen einfing. Die Teilnehmenden hinterlegten die aufgenommenen Fotoreihen mit Melodie und wir veranstalteten ein Event, bei dem sie ihre Ergebnisse bei uns in der Garage 664 präsentierten.

Auch in diesem Jahr plant die Friedrich-Naumann-Stiftung in Beirut wieder Projekte mit OurVoice und AlSama.