Kunst
Die Rolle griechischer Schauspielerin in der #MeToo-Bewegung

Spyros Bibilas sagt, wie die Pandemie dazu beigetragen hat, die #MeToo-Bewegung in Griechenland zu verbreiten
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Friedrich Naumann Foundation for Freedom Greece

Wann war das letzte mal, dass dich Kunst zum Nachdenken gebracht hat? Ein Film, ein Buch, ein Bild oder ein Theaterstück? Du hast irgendetwas gesehen, gehört oder gelesen – und es hat dich unterschwellig, unausweichlich in einen Zustand der Reflektion gezogen.

Während der Covid-19 Pandemie sah sich die weltweite Kunstszene mit immensen Herausforderung konfrontiert. Auch in Griechenland waren die Theater für nahezu zwei Jahre vollständig geschlossen. Die Produktion von Filmen und Serien stoppte aprubt, alle Ausstellungen für Malerei, Photographie und andere Stücke wurden gecancelt. Mit weitreichenden und nachhaltigen Konsequenzen. Rückblickend war es Künstlern von einem auf den anderen Tag unmöglich geworden, ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Auch jetzt scheuen sich Menschen noch immer vor dem Besuch kultureller Veranstaltungen, wissend, dass der Besuch mit einem erhöhten Ansteckungsrisiko einhergeht.

Spyros Bibilas, selbst Schauspieler und President der griechischen Schauspielgewerkschaft, versucht die Wahrnehmung der Pandemie aus der Sicht von Künstlern zu beschreiben. Er spricht über die Auswirkungen auf ihr tägliches Leben und besonders über die Schwierigkeiten, in dieser Zeit ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Gleichzeitig betont er aber auch, dass Covid-19 als Meilenstein für die griechische Kunstszene gesehen werden muss, insbesondere im Kontext von #MeToo.

Anfangs geht Bibilas auf die Bedeutung von Kunst als Mittel ein, um den Grenzen und Beschränkungen der gesellschaftlichen Paradigmen zu entkommen. Er sieht den Sinn von Kunst darin, „Menschen aufzuwecken und sie den Status Quo überdenken zu lassen“. Bibilas, selbst ein Künstler, ist davon überzeugt, dass „Kunst [...] nicht nur zur Verschönerung unseres Lebens [dient]. Es geht vielmehr darum, uns zur Reflektion zu zwingen – über Richtig und Falsch zu entscheiden.“ In anderen Worten, Kunst und Theater haben einen gesellschaftlichen Auftrag.

daher macht es Sinn, dass Menschen sich in Kriesenzeiten oft der Kunst zuzuwenden. Sie suchen darin nach Antworten auf essentielle und tiefgehende gesellschaftlichen Probleme. Sie fragen sich, wie Künstler bestimmte Erfahrungen, Erlebnisse und Situationen in Worte fassen, in Bildern darstellen oder auf der Bühne zeigen würden. Bestärkt durch die Ausdrucksfreiheit erfüllt Kunst die Aufgabe, den Menschen diese Emotionen leichter zugänglich zu machen – und hilft ihnen dabei, ihr Umfeld besser zu verstehen.

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Friedrich Naumann Foundation for Freedom Greece

Kunst und #MeToo – Die Pandemie als Chance?

Bibilas betont, dass das Theater kein isolierter Raum ist. Im Gegenteil, es ist der Gesellschaft stark verbunden. Es reflektiert die Gesellschaft nahezu – mit allen Tugenden, aber auch allen Abgründen. Als Sofia Bektarorou, eine berühmte griechische Seglerin, die Debatte um #MeToo in Griechenland begann, entwickelte sich daraus ein Beben, das in der ganzen hellenischen Gesellschaft zu spüren war. Insbesondere aus der Kunstszene kam ein unüberhörbares Echo. Bibilas führt aus, dass es in Theatern, wie in allen anderen Teilen der Gesellschaft auch, zu sexuellem Missbrauch kam. Gleichzeitig ist das Machtgefälle auf der Bühne besonders akzentuiert. Die wenigen Direktoren und bekannten Schauspieler greifen den Großteil der Profite ab, was die anderen Schauspieler in eine prekäre und damit verletzliche Lage bringt.

Trotz dieser widrigen Umstände ermutigte die Bewegung um #MeToo zahlreiche Schauspieler:innen dazu, ihre Geschichten zu teilen. Bibilas ist davon überzeugt, dass Covid-19 in diesem Zusammenhang eine nicht zu unterschätzende Rolle gespielt hat. Warum? Die Erklärung hängt mit der unsicheren Lebenssituation vieler Kunstschaffender in Griechenland zusammen. Unter normalen Umständen sind die Schauspieler:innen existenziell von einem kontinuierlichen Veranstaltungensbetrieb abhängig. Gleichzeitig hätten sie mit der Veröffentlichung ihrer Geschichten diesen Betrieb gefährdet. Die Pandemie, die erzwungenermaßen alle Vorstellungen beendete, gab den Schauspieler:innen den Raum über das Geschehene zu sprechen, ohne damit ihre Lebensgrundlage aufs Spiel zu setzen.

Die Gesellschaft durchläuft seitdem einen Entwicklungsprozess. Die Kunst hat ihren Teil dazu beigetragen. Dennoch haben sich die tiefgehenden Probleme nicht über Nacht in Luft aufgelöst. Bibilas nennt die Situation der LGBTI Community als Beispiel, die in der weitgehend konservativ geprägten griechischen Gesellschaft nicht nur im öffentlichen, sondern auch im privaten Raum Ziel von Anfeindungen ist. Bibilas sieht in der Kunst für diese Menschen zwei zentrale Anknüpfungspunkte. Einerseits einen Raum, um sich frei und ungehindert ausdrücken zu können. Andererseits eine Chance, die Gesellschaft zu verändern.

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Kunst und der Staat – Kunst als Korrektiv?

Ein anderes zentrales Thema, das Bibilas adressiert, ist das im vergangenen Jahr verabschiedete neue Arbeitsgesetz, das unter der Ägide der Nea Demokratia entstanden ist. Dieses neue Gesetz bringt zahlreiche Veränderungen mit sich, die unter anderem eine Auswirkung auf Gewerkschaften, das Streikrecht und den Abschluss von Tarifverträgen haben. Bibilas glaubt, dass diese Veränderungen ein unsicheres Arbeitsumfeld für Schauspieler schaffen und sieht insbesondere das Risiko, dass die neue Möglichkeit zum Abschluss von individuellen Arbeitsverträgen die Verhandlungsmacht der Gewerkschaften einschränkt und damit schlechtere Bedingungen für alle Schauspieler hervorrufen könnte. Dabei beschreibt er konkret die Gefahr von Gehältern unter dem Mindestlohn, der Verletzung von grundlegenden Arbeitsrechten oder dem mangelnden Kündigungsschutz. Bibilas schlussfolgert, dass das neue Gesetz „Unsicherheit für die Schauspieler schafft“ und sie damit angreifbar für „Erpressung und die Unterdrückung ihrer Ausdrucksfreiheit“ macht.

Die Beziehung zwischen Kunst und dem Staat beschreibt Bibilas als Spannungsfeld. „Macht fürchtet sich vor der Kunst, weil die Kunst frei ist. [...] Darum wollen die Autoritäten [...] Künstler zum schweigen bringen“. Selbst in der griechischen Gesellschaft, in der die Verfassung die Ausdrucksfreiheit und besonders die Freiheit der Kunst garantiert, zeichnen die zahlreichen Klagen gegen Künstler, Kuratoren und Kartoonisten ein anderes Bild. Wenn es um Religion und öffentliche Moralvorstellungen geht, scheinen die griechische Gesellschaft und Gerichte erster Instanz noch immer einem traditionellen und konservativen Weltbild anzuhängen. Das führt zwar nicht zu direkter, aber umso stärker zu indirekter (Selbst-)Zensur.

Dennoch ist Bibilas zuversichtlich, wenn er über die Zukunft spricht: „Kunst hat eine Zukunft in Griechenland. Kunst hat eine Zukunft auf der ganzen Welt. Kunst hat immer eine Zukunft.“ Dabei liegt es in unserer Verantwortung, Künstler nicht nur in ihrer Gedankenfreiheit, sondern auch in ihrer Ausdrucksfreiheit zu schützen. Denn am Ende geben Künstler uns, der Gesellschaft, etwas zurück. Etwas worauf wir essentiell angewiesen sind. Bibilas hat es anfangs schon erwähnt: „Kunst dient nicht nur zur Verschönerung unserers Lebens. Es geht vielmehr darum, uns zur Reflektion zu zwingen.“

 

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