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Sicherheitspolitik
Verteidigung braucht Frauen

Zum Internationalen Frauentag diskutieren Verteidigungsexpertinnen in Berlin auf Einladung der Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit
Women in Security VA Strack-Zimmermann Maren Jasper-Winter Gruppenfoto
© Milena Radatz

Der kürzlich erschienene Bericht des Wehrbeauftragten zeigt, dass der Frauenanteil in der Bundeswehr nur minimal auf 13,71% gestiegen ist. Dabei ist längst wissenschaftlich belegt, dass heterogene Teams bessere Entscheidungen treffen und bei komplexen Sachverhalten wirksamer handeln. Die Vorsitzende des Verteidigungsausschuss im Europäischen Parlament, Dr. Marie-Agnes Strack-Zimmermann sagt auf dem Panel dazu:“ Frauen bringen eine andere Tonalität [in den Bereich Sicherheitspolitik“] herein. Männer können nicht mehr einfach auf dicke Hose machen.“ Dr. Aylin Matlé, Sicherheitsexpertin bei der DGAP, unterstreicht: Lange wurden „Frauen nur als Opfer von Konflikten betrachtet, allerdings ist das Bewusstsein größer geworden, dass Frauen auch Akteurinnen in kämpfenden Einheiten sein können.“ Rein zahlenmäßig und um die Bundeswehr hin zu einer heterogenen Truppe zu entwickeln, „können wir es uns nicht leisten, auf weibliche Kreativität zu verzichten“, so Reserveoffizierin Kerry Hoppe. Hinsichtlich der Gesamtverteidigung und dem Ziel bis 2035 die Truppenstärke auf 260.000 zu erhöhen, ist es zudem unverzichtbar, dieses Potential konsequent zu nutzen.

Doch die Herausforderung endet nicht am Kasernentor: Auch im Zivilschutz ist die Lage ähnlich: Das Technische Hilfswerk (THW) kann bei seinen 88.000 ehrenamtlichen Helferinnen und Helfern einen Frauenanteil von 17% vorweisen. Dr. Christiane Stieber, Ausbilderin beim THW, sieht hier Luft nach oben, insbesondere, um die meist „breitere, weibliche Perspektive“ im Zivilschutz zu stärken. Moderne Krisenbewältigung beruhe nicht allein auf Körperkraft, sondern auf Technikverständnis und der Fähigkeit, komplexe Zusammenhänge schnell anzuwenden.

Verpflichtende Musterung für Frauen?

In diesem Punkt ist sich das Panel einig: von einer Musterung für Frauen könne die Bundeswehr nur profitieren. Grundsätzlich stelle sich die Frage, ob sich junge Menschen überhaupt einen Dienst vorstellen könnten, denn es „ist ja auch nicht nur Dienst an der Waffe, sondern kann auch Dienst an der Gesellschaft bedeuten“, so Hoppe. Strack-Zimmermann fügt hinzu, nicht jeder sei im Fronteinsatz. „Auf einen kämpfenden Soldaten kommen acht bis neun Soldaten, die das überhaupt möglich machen.“

Politisch und gesellschaftlich bleibt die Umsetzbarkeit dennoch umstritten. Aktuelle Umfragen deuten darauf hin, dass Teile der Generation Z zum Bespiel traditionelle Rollenbilder wieder stärker übernehmen. Entsprechend kritisch könnte sie einer Wehrpflicht von Frauen gegenüberstehen. Auch die gegenwärtigen Mehrheiten im Bundestag erschweren in jedem Fall die Einführung einer Wehrpflicht für Frauen, möglicherweise auch nur die Einführung einer Musterung für Frauen. Ein Blick über die Ostsee lohnt sich: In Norwegen und Schweden wurde beispielsweise eine Wehrpflicht für Frauen eingeführt. Gleichzeitig schaffen es andere Länder wie Polen ohne jegliche Wehrpflicht, eine Berufsarmee mit über 200.000 aktiven Soldatinnen und Soldaten zu unterhalten und trotzdem einen höheren Frauenanteil in ihren Streitkräften als Deutschland zu haben. Die Bundesrepublik sollte sich hier von ihren Verbündeten inspirieren lassen, vor allem muss aber eine ernsthafte und ehrliche gesellschaftliche Debatte über Verteidigung und Gesamtverteidigung in Deutschland geführt werden. Zudem gilt: Ob Berufsarmee, obligatorische Musterung oder Wehrpflicht – die Bundeswehr sollte die Vereinbarkeit von Familie und Beruf fördern und sich als attraktive Arbeitgeberin nach außen profilieren (Stichwort sicherer Arbeitsplatz und Karrierechancen).

Gesellschaftliche Resilienz und neue Vorbilder

Bei der gegenwärtigen sicherheitspolitischen Lage für Deutschland appelliert Marie-Agnes Strack-Zimmermann nochmals an die gesellschaftliche Resilienz: „Wir müssen heute Gefahren einfach mitdenken, weil jeder im Ernstfall wissen muss, was er zu tun hat.“ Das ginge bereits bei Kindergärten, Schulen oder den Nachbarn los. Es sei „eine gesellschaftliche Frage, Menschen dafür zu sensibilisieren“. Auch der Wunsch nach mehr Vorbildern aus dem Bereich Sicherheit wurde deutlich und wäre zum Beispiel ein wichtiges Feld für neue Rolemodels auf den gängigen Plattformen von Influencerinnen. Auf die Schlussfrage von Moderatorin Dr. Maren Jasper-Winter brachte Dr. Matlé die gesamte Diskussion rund um den 08. März auf den Punkt: „Mein Wunsch ist, dass es in der Generation meiner Kinder Women in Security einfach gibt – ohne dass wir darüber noch diskutieren müssen.“