Vietnam
Vietnam: Lichtblick in Zeiten des Protektionismus

EU und Vietnam unterzeichnen weitreichendes Freihandelsabkommen
Handel
Symbolbild © picture alliance / Photononstop

Freihandel und Investitionsschutz: Die Europäische Union und Vietnam haben sich geeinigt und unterschrieben. "Dies ist das ehrgeizigste und umfassendste Abkommen, dass die EU jemals mit einem Land mit mittlerem Einkommen abgeschlossen hat", sagte Cecilia Malmström, die EU-Kommissarin für Handel.

In Zeiten des US-China-Handelskrieges geht so manche gute Handelsnachricht unter: Vietnam ist der neueste Freihandelspartner der EU. Das ist zum einen bemerkenswert, weil Vietnams Wirtschaft boomt und das Land damit zu einem immer wichtigeren Handelsparter wird. Zum anderen hat das Abkommen mit der EU Vorbildfunktion für die restlichen Staaten Südost- und Ostasiens.

Made in Vietnam: Das neue Made in China 

Die vietnamesische Wirtschaft wächst und wächst: Rund sechs Prozent beträgt das jährliches Wachstum, verlässlich wie ein Uhrwerk, und das mittlerweile seit 20 Jahren. Telefone, elektrische Komponenten, Computer, Kaffee, Bekleidung – die Bandbreite an Gütern, die in alle Welt exportiert werden, ist groß. Ein bedeutender Teil geht in die Europäische Union, die mittlerweile Vietnams zweitgrößter Exportmarkt ist. Vietnam wiederum ist auch Abnehmer europäischer Produkte: Flugzeuge, Maschinen, Pharmaprodukte und vieles mehr. Allein aus Deutschland sind mehr als 4.800 Firmen engagiert. Insgesamt flossen vergangenes Jahr zwischen Europa und Vietnam Güter im Wert von 48 Mrd Euro. Die Tendenz steigt: im vergangenen Jahrzehnt hat sich der bilaterale Handel vervierfacht.

Vietnam hat sich als attraktiver Produktionsstandort für ausländische Firmen etabliert. Die Rahmenbedingungen sind gut. Das Land hat eine Grenze zu China und ist Teil des südostasiatischen Staatenbundes ASEAN, der sich zu einer Wirtschaftgemeinschaft mausert. Vietnams Bevölkerung ist jung und gut ausgebildet. Die Infrastruktur wurde über die Jahre immer weiter ausgebaut und verbessert. Das zieht Investoren an. Zum Beispiel hat Samsung mehrere Milliarden Dollar investiert. Vietnam ist nun ein regionaler Hub für die Herstellung von Mobiltelefonen. Die italienische Piaggio Gruppe, Hersteller der populären Vespas, hat zwei Fabriken und ein Technologie-Forschungszentrum gebaut. Insgesamt haben europäische Firmen bisher knapp 24 Mrd Dollar in Vietnam investiert. 

99 Prozent des Handels zollfrei

In diesem Jahr soll das neue Freihandels-Abkommen mit der EU in Kraft treten. Dann fallen schrittweise die Zölle. Rund 65 Prozent der EU-Exporte und 71 Prozent der vietnamesischen werden sofort abgabenbefreit. Nach 7 bis 10 Jahren sollen 99 Prozent des Handelsvolumen zollfrei sein. Nicht-tarifäre Handelsbarrieren werden eliminiert, zum Beispiel Zertifizierungsstandards für Fahrzeuge und Pharmaprodukte. Sie werde an EU-Normen angeglichen. Das macht den bilateralen Handel noch einfacher. Europäische Firmen sollen künftig bei der öffentlichen Auftragsvergabe in Vietnam mitbieten können und vietnamesische in der EU. Der vietnamesische Dienstleistungssektor, wie Bank- und Versicherungswesen oder Post, wird europäischen Firmen weiter geöffnet. Zusätzlich regelt das Abkommen Bereiche wie Schutz von geistigem Eigentum, Umweltschutz und die Übernahme von ILO-Standards zum Schutz von Arbeitnehmern. Das Abkommen ist so umfassend, dass Vietnam nun bezüglich Freihandel mit der EU in einer Liga mit Südkorea, Japan und Singapur spielt. Vietnam erhofft sich durch das Abkommen mit der EU über die nächsten 10 Jahre einen 15-prozentigen BIP-Schub. 

Singapur, Vietnam, ...und nun?

Die Europäische Union verspricht sich vom Vietnam-Freihandelsabkommen eine Vorbildfunktion. Der Handel mit Südostasien hat aufgrund des rasanten Wirtschaftwachstums in der Region enormes Potential. Bislang gibt es mit den ASEAN-Staaten außer dem Abkommen mit Vietnam nur eines mit Singapur, dem wichtigsten Partner der EU in der Region. Verhandlungen mit Indonesien, Malaysia, Thailand und den Philippinen wurden aufgenommen. Aber manche stocken. Die Verhandlungen mit Thailand wurden nach dem Militärputsch 2014 ausgesetzt. Malaysia und Indonesien streiten mit der EU wegen Palmöl. Die Union will Palmöl als Biokraftstoff bis 2030 ausmustern. Das ärgert Malaysia und Indonesien, die beiden weltgrößten Produzenten. Die Verhandlungen mit den Philippinen bewegen sich gletscherartig langsam. Von einem EU-ASEAN Abkommen ist man weit entfernt.

Das EU-Vietnam-Freihandelsabkommen könnte anderen Verhandlungen einen Schub geben. Beispiel Thailand, größter Autobauer Südostasies: Honda, Toyota, Isuzu und andere produzieren dort, auch für den Export nach Europa. Nun, durch das Freihandelsabkommen, erscheint plötzlich nicht mehr Thailand sondern Vietnam als Standort attraktiv. Bangkok steht unter Zugzwang. Und auch Indonesien und Malaysia werden überlegen, ob sie das Feld wirklich ihren Freunden im Norden von ASEAN überlassen wollen.

 

Miklos Romandy ist Projekt Manager der Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit in Thailand. 

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Daniela Oberstein, Pressereferentin und stellv. Pressesprecherin Ausland
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