Krieg in Europa
Leben auf Sparflamme

Wie die ukrainische Lebensmittelindustrie ohne Licht überlebt
Ukraine
© picture alliance / AA | Andre Luis Alves

Neun Monate dauert Russlands Angriffskrieg gegen die Ukraine nun schon an. Neun Monate, in denen die Ukrainer um ihre Souveränität, ihre Werteordnung und nicht zuletzt auch ihre Leben kämpfen. Seit dem russischen Einmarsch ist nichts mehr, wie es war: Während in Mariupol vor einem Jahr noch Schneemänner gebaut wurden, liegt die Stadt heute in Schutt und Asche. Über 90 Prozent der Bewohner sind geflohen – oder den Kampfhandlungen zum Opfer gefallen. Die Stadt steht sinnbildlich für den russischen Bomben- und Raketenterror. Dieser hatte die vergangenen Monate aber längst nicht mehr nur die direkt umkämpften Gebiete betroffen. Vielmehr scheint es seit den Sommermonaten zur russischen Doktrin geworden zu sein, zum einen wahllos ukrainische Städte mit Raketenbeschuss und Drohnenfeuer zu überziehen und zum anderen die essenzielle und kritische Infrastruktur der gesamten Ukraine gezielt zu zerschlagen. Zweifelsohne ein neuer Kriegsabschnitt, der sich gezielt gegen ukrainische Zivilistinnen und Zivilisten richtet.

Und dennoch versucht die ukrainische Lebensmittelindustrie, die heimische Nahrungsmittelversorgung aufrechtzuhalten und gleichzeitig auch die fragilen Weltmärkte zu versorgen. Seit Kriegsbeginn arbeitet die Branche zusammen mit dem Einzelhandel unermüdlich daran, die Regale mit Produkten zu füllen. Trotz der Gefahr für Leib und Leben, der zerstörten Infrastruktur, der unterbrochenen Logistik und der Arbeitskräfteknappheit gelang es den Unternehmen, sich anzupassen und unter diesen Bedingungen zu arbeiten. Tatsächlich hatte man sich schon beinahe an die neuen Umstände gewöhnt – nun kommt aber ein weiteres Problem dazu.

Blackout

Die kontinuierlichen Raketenangriffe gegen die ukrainische Energieinfrastruktur fordern zunehmend ihren Tribut. Egal ob Kraftwerke, Umspannanlagen oder Kontrollzentren – die russischen Angriffe auf wichtige Adern der Stromversorgung betreffen das ganze Land. Mittlerweile ist ukrainischen Behördenaussagen zufolge kein einziges Kraftwerk mehr unbeschädigt. Häufige, stundenlange Stromausfälle sind die Folge. Das betrifft Bürger und Gewerbe gleichermaßen – somit entfalten die Raketenschläge ihre Wirkung auf perfide und zum Teil unerwartete Weise. Denn auch die generelle Lebensmittelversorgung ist davon betroffen.

Ein Beispiel: Die Milchwirtschaft

Stromausfälle sind für die Milchwirtschaft besonders katastrophal. Auf Grund der hohen Verderblichkeit von Molkereiprodukten ist eine durchgängige Kühlung bzw. eine Einhaltung von gewissen Prozessstandards zwingend notwendig. Einige Molkereibetriebe berichten von über 40 Tonnen Milchprodukten, die auf Grund von Stromausfällen und Unterbrechungen in der Kühlkette entsorgt werden mussten. Zudem weisen die modernen großen Milchunternehmen einen hohen Automatisierungsgrad auf. Daher ist eine kontinuierliche Stromversorgung dringend notwendig, um den Betrieb aufrecht zu erhalten und Hygienestandards gewährleisten zu können.

Aber auch für die Nutztierhaltung sind die häufigen Stromausfälle fatal. So verzögern sich in den vollautomatischen Melkmaschinen beispielsweise die Melkprozesse auf Grund der Blackouts. Das wiederum führt zu einer Überlastung der Euter der Kühe, was zu schweren Gesundheitsproblemen und Entzündungen aller Art führen kann. Das Tierwohl außen vorgelassen, verringern die russischen Raketenschläge somit zusätzlich die Produktivität der Betriebe. Darüber hinaus führen die Stromausfälle zu einer Reihe weiterer technischer Probleme: Ob in der Fütterung der Tiere oder der Lagerung und dem Transport der Milch – ohne Strom kollabieren die Prozesse. Auch in den Veredelungsstufen führen die Unterbrechungen zu schweren Problemen.

Zudem werden die Industriekomplexe des Lebensmittelsektors selber auch oft genug zum Ziel russischer Raketenschläge. Während eine Einstellung der Produktion während des Beschusses selbstverständlich ist, führen auch die Stromausfälle häufig zu Produktionsstopps. Das Ergebnis zeigt sich schon jetzt eindeutig: Das Angebot an ukrainischen Milchprodukten sinkt schlagartig. Das macht sich sowohl auf den heimischen Märkten als auch anderswo durch die stark gestiegenen Preise bemerkbar.

Handelsketten

Aber auch jenseits des verarbeitenden Gewerbes sind die Folgen der Stromausfälle klar bemerkbar. Beispielsweise beim Einzelhandel: Die Blackouts zwingen auch Supermärkte und Nahrungsmittelgeschäfte zu schließen. Zudem müssen Waren, die Kühlung erfordern, abgeschrieben werden. Die Ladenschließungen schränken in den betroffenen Gebieten die Lebensmittelverfügbarkeit ein und verunsichern somit die ohnehin leidende Bevölkerung zusätzlich. Die wirtschaftlichen Folgen spüren auch die Lebensmittelgeschäfte deutlich. Allein bei einer gängigen Supermarktkette beliefen sich die Verluste aus den Stromausfällen im Zeitraum zwischen Oktober und November auf Hunderttausende von Euros. Einer nicht repräsentativen Befragung der ukrainischen European Business Association (EBA) zur Folge sind 70 bis 90 Prozent der ukrainischen Einzelhändler direkt von den Stromausfällen betroffen. Dadurch sind in manchen Regionen die Umsätze um die Hälfte eingebrochen. Eine ohnehin schwierige Lage wird dadurch noch komplexer.

Generatoren

Die Beispiele verdeutlichen auch, wie wichtig die aktuell von der Bundesregierung veranlassten humanitären Hilfen für die Ukraine sind. Allein das Technische Hilfswerk stellt der Ukraine rund 470 Generatoren und Notstromerzeuger im Wert von knapp 20 Mio. Euro zur Verfügung. Zugegeben: Ein Tropfen auf den heißen Stein – und doch ein wichtiger Beitrag, um eine konstantere Stromversorgung mit dezentralen Mitteln zu gewährleisten, ein Faktor, der auch in den kommenden Monaten von Bedeutung sein wird.

Es zeigt sich allerdings, dass die Verfügbarkeit von Generatoren noch lange nicht ausreicht. Unternehmen aller Art suchen im Moment händeringend nach Generatoren – ein knappes und daher äußerst teures Gut in der aktuellen Lage. Und doch besteht darin häufig die einzige Möglichkeit, einen Fortbetrieb der Geschäfte und der wirtschaftlichen Aktivitäten zu gewährleisten.

Allerdings ist neben der eigentlichen Knappheit auch die Installation und sachgemäße Inbetriebnahme der Generatoren umständlich. Der Grund: Fachkräftemangel und Bürokratie. Daher dauert es zum Teil bis zu fünf Wochen, bis die Geräte angeschlossen und in Betrieb genommen werden können. Zudem bremsen häufig Brandschutzauflagen den raschen Ausbau von Notstromkapazitäten.

Steht ein Generator erst mal, ist der Betrieb aber auch weiterhin mit immensen Kosten verbunden – so liegen die Strom-Gestehungskosten beim Generatorenbetrieb etwa beim Drei- bis Vierfachen der normalen Raten aus dem zentralen Energiesystem. Daher steigen auch die Produktionskosten der Unternehmen deutlich an, was sich auch zusätzlich auf die Preise niederschlägt.

Weitere Maßnahmen

Die ukrainischen Unternehmen passen sich zudem durch eine Vielzahl unterschiedlicher Maßnahmen an die Mangellage an. Zum Beispiel sind einige Fabriken dazu übergegangen, in der Nacht zu arbeiten, um die Stromversorgung tagsüber nicht durch zusätzliche Abnehmer zu belasten. Außerdem werden nicht zwingendermaßen notwendige Stromverbrauche wegrationalisiert. Das heißt: Leuchtreklamen bleiben dunkel, Temperaturen und Beleuchtungen werden auf ein Minimum beschränkt und Kühlkapazitäten werden nur dort eingesetzt, wo sie auch wirklich vonnöten sind. Zudem experimentieren einige Unternehmen mit alternativen Kraftstoffen zur Aufrechterhaltung ihrer Energiebedarfe. Es zeigt sich: Innovation und unternehmerische Geschäftigkeit sowie Lösungsorientiertheit haben auch in Krisenzeiten Konjunktur. Und doch wirken sich all diese Maßnahmen zwangsweise auch auf die Produktionskosten aus.

Probleme mit der Internetvernetzung

Neben der Stromversorgung ist auch die Aufrechterhaltung des Internetzugangs ein dringendes Problem. Denn viele Geschäfte arbeiten mit vollautonomen Informations- und Buchungssystemen und sind gegenüber der Steuerbehörde zur ununterbrochenen Meldung der Abrechnungsvorgänge verpflichtet. Zum einen durch den Kollaps der Energieinfrastruktur, zum anderen auch durch die Zerstörung von Servern und Internetknotenpunkten wird selbstverständlich auch die Internetvernetzung in Mitleidenschaft gezogen. Bestellvorgänge, Abrechnungen und Bestandsmeldungen werden somit verlangsamt oder gänzlich verhindert. Das erschwert zum einen das operative Geschäft, zum anderen auch die Steuererhebung. Das heißt: Jenseits von Generatoren zur Notstromversorgung herrscht auch ein immenser Bedarf an dezentralen Internetzugängen wie Starlink.

Eine Rückkehr zur Normalität?

Was in der Lebensmittelbranche gilt, gilt stellvertretend für viele andere Branchen auch. So können Spannungsabfälle in der Glasindustrie und Stahlverhüttung sogar zur Zerstörung der Produktionsstätten führen. Vor diesem Hintergrund sind die Auswirkungen des russischen Raketenterrors deutlich weitgreifender als zunächst ersichtlich. Die wirtschaftlichen Folgen können in der aktuellen Lage nur grob abgeschätzt werden – fest steht allerdings, dass die ukrainische Wirtschaftsleistung allein auf Grund der Zerstörung der Infrastruktur um Jahre zurückgeworfen werden wird.

Um Ernährungssicherheit zu gewährleisten und eine Verschärfung der weltweiten Nahrungsmittelkrise zu verhindern, ist eine Aufrechterhaltung der Stromversorgung dringend notwendig. Daher ist die humanitäre Unterstützung durch westliche Partner, beispielsweise durch Generatorkapazitäten, sehr wichtig. Sie schaffen im wörtlichen Sinne ein Licht am Ende des Tunnels. Gleichzeitig zeigt sich schon jetzt, dass die westliche Unterstützung durch modernste Flugabwehrsysteme ihre Früchte trägt. Abwehrschirme um die essenzielle Infrastruktur sowie urbane Zentren schützen sowohl die ukrainischen Bürgerinnen und Bürger als auch die Stromnetzwerke und Produktionsstätten. Für eine Rückkehr zur Normalität führt aber trotzdem kein Weg an einer Rückeroberung der Territorien und einem vollständigen Rückzug des Aggressors vorbei. Denn nur dann kann sich die ukrainische Bevölkerung wieder mit voller Kraft dem Wiederaufbau und der Rückkehr zur Friedenswirtschaft widmen.

Maximilian Luz Reinhardt ist Referent für Wirtschaft und Nachhaltigkeit am Liberalen Institut.
Tetiana Schyrochenko ist Leiterin des Komitees der European Business Association.