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Türkei
Der erste Tag nach der Katastrophe: Nichts ist vorbei

Erdbeben Türkei
© picture alliance / AA | Evrim Aydin

Es ist Tag 1 nach dem Jahrhundert-Erdbeben in der Türkei, und nichts ist vorbei. Die amtlichen Zahlen – am Morgen des 7. Februar sind es 2921 Tote und 15834 Verletzte – sind eine hilflose Statistik, die sich im Minutentakt ändert. Immer weiter klettern die Zahlen nach oben. Denn auch 24 Stunden nach den verheerenden Erdstößen gibt es viele Orte in den zehn betroffenen Provinzen, zu denen die Helfer noch nicht einmal vordringen konnten.

Zudem bebt es weiter; beinahe 200 Nachbeben sind bisher registriert worden, viele davon über Stärke 5 der Richterskala. Die Menschen harren draußen aus in winterlichen Temperaturen, unter Regen und Schnee, eine Rückkehr in die Häuser ist zu riskant und es gibt keine sicheren Schutzräume. 

Türkei: Menschen berichten am Telefon, wie Apotheken und Banken geplündert werden, bewaffnete Männer um Autos kämpfen

Unter erschwerten Bedingungen leisten die türkischen Rettungskräfte ihr Möglichstes. Allein die Anreise stellt sie vor Herausforderungen, denn viele Straßen sind ebenso von tiefen Rissen durchzogen wie Teile der Rollfelder auf den Landeplätzen. Lokale Rettungsteams sind selbst Opfer geworden. Neben den Kräften des Katastrophenschutzes sind bereits mehrere Tausend Freiwillige rekrutiert, medizinisches Personal aus anderen Teilen abgeordnet worden.

Besonders verzweifelt scheint die Lage in der Region Hatay und ihrer Provinzhauptstadt Antakya zu sein, wo bislang offenbar kein Rettungsteam angekommen ist. Menschen berichten am Telefon, wie Apotheken und Banken geplündert werden, bewaffnete Männer im Stadtzentrum von Antakya um Autos kämpfen, schließlich Soldaten eintreffen und für Ruhe sorgen.

Viele Menschen vor Ort sind für ihre Freunde oder Verwandten in Istanbul nicht zu erreichen, die Nachrichten spärlich. Nicht nur die Rettungsmaßnahmen, auch die Berichterstattung konzentriert sich auf das geografische Zentrum des Bebens, die Stadt Kahramanmaras. Immerhin werden für Montag Marineeinheiten im Hafen von Iskenderun in der Region Hatay erwartet, und einige Oppositionspolitiker haben angekündigt, sich vor Ort ein Bild der Lage zu machen.

Ein Ende der Ära Recep Tayyip Erdogans schien möglich - jetzt stehen die Wahlen auf der Kippe

Das Erdbeben trifft die Türkei in einer Zeit, in der alle Augen auf die Präsidentschafts- und Parlamentswahlen am 14. Mai gerichtet waren und jedes Ereignis bereits unter dem Vorzeichen des Wahlkampfes stand. Ein Ende der Ära Recep Tayyip Erdogans schien möglich, ein knapper Wahlausgang zumindest wahrscheinlich.

Dass die Wahl wie geplant stattfinden könnte, ist in der gegenwärtigen Lage schwer vorstellbar. Allein logistisch dürfte es unmöglich sein, allen Wahlberechtigten unter den betroffenen sieben Millionen Menschen bis zum Mai oder Juni ordnungsgemäßen Zugang zur Wahlurne zu verschaffen. Doch die Möglichkeit, eine Wahl zu verschieben, sieht die Verfassung nur für den Fall eines Krieges vor. Wie immer dies gehandhabt werden wird, das Erdbeben wird über die humanitäre Katastrophe hinaus auch einen politischen Einschnitt darstellen.  

Erste Kritik wird laut an der Vorbereitung auf den Ernstfall

Bemerkenswert und ein Zeichen der Schwere der Katastrophe ist, dass die Regierung sofort um internationale Hilfe gebeten hat, die auch bereits aus 65 Ländern unterwegs ist. Die jüngsten Differenzen um den NATO-Beitritt Schwedens oder die Schließungen westlicher Konsulate in Istanbul wegen akuter Terrorgefahr, die vom Innenminister als „psychologische Kriegsführung“ gegeißelt wurden, scheinen für den Moment vergessen.

Auch die angebotene Hilfe aus Griechenland ist angenommen worden. Und innenpolitisch treten angesichts der überwältigenden Aufgabe politische Rivalitäten kurz in den Hintergrund, sieht man davon ab, dass der Präsident zunächst nur in den AKP-geführten Städten anrief und sich nach der Lage erkundigte.

Doch erste Kritik wird laut an der Vorbereitung auf den Ernstfall. Seit dem schweren Erdbeben in Istanbul 1999 ist für alle Neubauten in der Türkei eine erdbebensichere Bauweise vorgeschrieben. Nun fragen viele, ob diese immer ausreichend umgesetzt wurde, welche Rolle Korruption im Bauwesen und bei entsprechenden Qualitätsprüfungen spielen mag.

Um diese Diskussion wird sich kein führender Politiker in der Türkei nach Abschluss der akuten Rettungs- und Aufbauarbeiten drücken können. Wie sie verläuft und wie die Katastrophe in den nächsten Tagen und Wochen gemanagt wird, daran werden Regierung und Präsident gemessen werden.

Beate Apelt ist Projektleiterin Türkei der Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit in Istanbul.

 

 

Dieser Beitrag erschien erstmalig bei Focus online am 07.02.2023.