Vietnam
Bailouts in Vietnam

Ende der Marktwirschaft in der Luftfahrtindustrie?
Vietnam Airlines
© picture alliance/dpa/dpa-Zentralbild | Bernd Wüstneck

Die Folgen der Covid-Pandemie haben weltweit zu großen Einbußen in der Luftfahrtindustrie geführt. Für die Flugunternehmen ist das kurzfristige Insolvenzrisiko so hoch wie nie zuvor. Nur wenige Unternehmen können sich durch eigene Strategien schnell aus Verschuldung befreien. Viele andere hingegen versuchen dank staatlicher Rettungsaktionen zu überleben – doch das führt zu Wettbewerbsverzerrungen, wie das Beispiel der Vietnam Airlines zeigt.

Wie fast überall in der Welt hat die Covid-Pandemie auch für das zu 86 Prozent staatliche Flugunternehmen Vietnam Airlines zu hohen Außenständen geführt. Das Unternehmen sieht sich somit nicht in der Lage, kurzfristige Bankkredite zu bedienen, und ist damit dem Risiko Ziel straf- und zivilrechtlicher Schritte ausgesetzt. Die Schulden des Unternehmens belaufen sich derzeit auf rund 6.240 Mrd. VND (ca. 234 Mio. Euro). Die Verluste allein in den ersten sechs Monaten des Jahres 2021 werden auf rund 10.000 Mrd. VND (ca. 375 Mio. Euro) beziffert. Vietnam Airlines hat von allen namhaften inländischen Fluggesellschaften die schwersten Verluste erlitten. 

Da das Unternehmen den größten Einkommenszweig im internationalen Luftverkehr hat (etwa 65 Prozent), ist Vietnam Airlines besonders von der Sperrung internationaler Flugrouten betroffen. Außerdem darf sich Vietnam Airlines als fast komplett staatliches Unternehmen in der Regel nur auf das Luftverkehrsgeschäft konzentrieren. Während Vietnam Airlines also schwere Verluste verzeichnete, konnte der deutlich flexiblere Konkurrent VietJet Air einen kleinen Gewinn von 3 Millionen US-Dollarverbuchen. VietJet Air und der zweite Konkurrent Bamboo können auch sofort Vermögenswerte verkaufen, um ihren Cashflow zu erhöhen, während das staatliche Unternehmen Vietnam Airlines erst offizielle Lizenzen beantragen muss, was Zeit und komplizierte Verfahren erfordert.

Schon 2020 schnürte die vietnamesische Regierung ein massives Rettungspaket in Höhe von rund 518 Mio. US-Dollar zur Rettung von Vietnam Airlines. Davon wurde ein Drittel als zinsloses Darlehen bei drei Geschäftsbanken aufgenommen. Der Rest wurde durch die Ausgabe von Aktien an die bestehenden Anteilseigner finanziert, bei denen der vietnamesische Staat der größte Aktionär ist. 

Wie unterscheiden sich die jüngsten staatlichen Rettungsaktionen?

Covid-19 zwang nicht nur Vietnam, sondern auch viele andere Länder, eine teure Pille zu schlucken: Rettungsaktionen. Die französische Regierung hat ihren Anteil an Air France auf fast ein Drittel erhöht; Deutschland hat ein Fünftel an Lufthansa übernommen. Die Italiener, die sich seit Jahren verschuldet haben, sind nun voll im Besitz von Alitalia. 

Obwohl viele Regierungen schnell Unterstützungspakete für nationale Fluggesellschaften ankündigten, um sicherzustellen, dass die wirtschaftlichen Verbindungen nicht abreißen, liegt der Fall von Vietnam Airline objektiv gesehen anders. So haben in den USA die meisten Fluggesellschaften im Rahmen des CARES-Gesetzes Finanzmittel sowie Mittel zur Aufrechterhaltung von Gehältern und Leistungen für die Beschäftigten erhalten. Dagegen scheint die vietnamesische Regierung private Fluggesellschaften zu vernachlässigen. Der Finanzierungsversuch ist mehr als nur eine Hilfe für eine angeschlagene Fluggesellschaft, die untrennbar mit dem Tourismus und Eigen-PR Vietnams verbunden ist. Es handelt sich nicht nur um eine wirtschaftliche, sondern auch um eine politische und soziale Frage, da die Rolle einer staatlichen nationalen Fluggesellschaft in der Wertschöpfungskette der vietnamesischen Wirtschaft von entscheidender Bedeutung ist - insbesondere bei einer Fluggesellschaft mit so vielen Alleinstellungsmerkmalen wie Vietnam Airlines.

Ist die Rettung von Vietnam Airlines „best practice“ oder „bad practice“?

Ein Bailout (zu Deutsch: Rettungsaktion) ist in einer hoch entwickelten freien Marktwirtschaft kein ideales Mittel. Krisen wie die Covid-Pandemie sind selten vorhersehbar. Aber ist es nicht so, dass die Wirtschaft ein stetiges Auf- und Ab ist? Liegt es nicht in der Natur der freien Marktwirtschaft, diejenigen zu belohnen, die vorbereitet sind, und diejenigen zu bestrafen, die nicht vorausschauend planen?

Ein weiteres Argument gegen öffentliche Gelder ist, dass die Rettungsaktionen den Fluggesellschaften ermöglichen, mehr Mitarbeiter zu beschäftigen, als die tatsächliche Nachfrage erfordert, weil sie – trotz eingebrochener geschäftlicher Einnahmen - über zusätzliche Geldquellen verfügen. Menschen in bezahlten Positionen zu halten, obwohl die Nachfrage gering ist, ist aus liberaler Sicht nicht die beste wirtschaftliche Idee. Manch einer mag über die scheinbar sozial gefühllosen und schädlichen Auswirkungen bestürzt sein, aber wenn sich der Flugverkehr erholt, wird sich auch das Arbeitsniveau erholen. Eine beträchtliche Zufuhr externer Mittel durch stark subventionierte Darlehen würde mit ziemlicher Sicherheit zu ungleichen Wettbewerbsbedingungen für Mitbewerber führen. 

Wie geht es jetzt weiter?

Den wahrscheinlichen Konkurs von Vietnam Airlines zu akzeptieren und seine Vermögenswerte zu liquidieren, um Umstrukturierungspläne durchzuführen, ist ein harter Einschnitt, aber vielleicht ist dies der beste Weg, um dem Problem zu begegnen. Schon vor der Pandemie hat Vietnam Airlines Anzeichen einer relativen Verschlechterung seiner Wettbewerbsfähigkeit gezeigt. Der Carrier hat die Führungsrolle auf dem Markt an VietJet Air verloren und im vierten Quartal 2019 trotz staatlicher Privilegien fast keine Gewinne eingefahren. 

Sollte der Markt weiterhin so düster bleiben, wird kein Rettungspaket diese Fluggesellschaften retten. Ein Neuanfang würde Vietnam Airlines die Möglichkeit bieten, seine seit Langem aufgeblähte Struktur zu optimieren, und der Regierung den Anstoß geben, den bürokratischen Prozess des Betriebs staatlicher Unternehmen zu vereinfachen oder sie im Einklang mit marktwirtschaftlichen Praktiken ganz abzuschaffen. Die Abhängigkeit von Vietnam Airlines könnte allen Regierungen eine Lehre sein, die einfach nur eine staatliche Kontrolle über Luftfahrtunternehmen erworben oder behalten haben. Der freien Marktwirtschaft kommt bei der Erholung der Wirtschaft nach der Krise eine wichtige Rolle zu.

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