Krieg in Europa
Einsatz von Technologien im russisch-ukrainischen Krieg

 Ein Soldat betrachtet eine Drohne in einem Stützpunkt, in dem ukrainische Militärangehörige lernen, Drohnen für Kampfeinsätze zu steuern

Ein Soldat betrachtet eine Drohne in einem Stützpunkt, in dem ukrainische Militärangehörige lernen, Drohnen für Kampfeinsätze zu steuern

© picture alliance / abaca | Ruslan Kaniuka/Ukrinform/ABACA

Das 21. Jahrhundert hat bedeutende neue Entwicklungen in der Kriegsführung mit sich gebracht. Die technologische Entwicklung hat sowohl intuitiv als auch absichtlich zu einer Verbesserung der militärischen Operationen und Taktiken geführt. Die russische Invasion in der Ukraine zeigt deutlich, wie die neuen Technologien die traditionelle Kriegsführung verändert haben. Das Konzept des Krieges hat sich jedoch nicht geändert, wie Clausewitz feststellte: "Krieg ist also ein Akt der Gewalt, um den Feind zu zwingen, unseren Willen zu tun".[1]  Es stellt sich die Frage, welche neuen Technologien und Instrumente in der heutigen Kriegsführung eingesetzt werden und wie diese Veränderungen das herkömmliche Denken über eine Invasionskampagne verändert haben. Vor allem aber stellt sich die Frage, ob sich das Wesen des Krieges verändert hat, um das gleiche Endziel zu erreichen: den Feind zu zwingen, nach deinem Willen zu handeln.

Im Russland-Ukraine-Krieg wurde eine Handvoll fortschrittlicher Militärtechnologien im Kampf erprobt. Langsam aber stetig wurden die ukrainischen Streitkräfte mit westlicher Unterstützung in die Lage versetzt, mit den modernsten Verteidigungswaffen ausgerüstet zu werden. Die tragbare Panzerabwehrrakete Javelin, die 1989 entwickelt wurde, ist eine davon und hat sich als äußerst wirksam erwiesen.[2] Auch wenn Javelin in der Ukraine zu einem Paradebeispiel für Erfolg geworden ist und mit Sicherheit die Waffe ist, die den Verlauf der russischen Invasion zu Gunsten der Ukraine verändert hat, indem sie über 1500 Panzer zerstörte, ist sie dennoch eine Waffe des vergangenen Jahrhunderts.

Unbemannte Luftfahrzeuge (UAV)

Autonome und unbemannte Systeme gelten als die Zukunft der Kriegsführung. UAVs hingegen sind bereits Teil der modernen Kriegsführung. Neue Technologien verändern die Art und Weise, wie Menschen und Maschinen interagieren und zusammenarbeiten. Im Krieg zwischen Russland und der Ukraine wurde mehr Drohnentechnologie eingesetzt als in jedem anderen Krieg zuvor. Seit Beginn des Krieges wurden bisher über 60 russische Einrichtungen durch Drohnen zerstört.[3]  Sie spielen eine wichtige, aber nicht die entscheidende Rolle für den Erfolg der ukrainischen Streitkräfte. Es gibt verschiedene Arten von UAVs, die von beiden Seiten eingesetzt werden. Die bekannteste Drohne mit mittlerer Flughöhe und langer Reichweite, die einen wesentlichen Anteil am ukrainischen Einsatzerfolg hat, ist die türkische Bayraktar TB2. Sie trägt lasergelenkte Bomben und zielt auf Fahrzeuge, Truppen und militärische Einrichtungen.[4] Eine weitere, im russisch-ukrainischen Krieg am häufigsten eingesetzte Drohne ist die aus den USA stammende Switchblade und die russische Lantset, die auch als Kamikaze-Drohne" bekannt ist. Sie kann von einer einzelnen Person in einem Rucksack getragen werden und ist in der Lage, im Schwebeflug nach Zielen zu suchen; anschließend stürzt sie auf das Ziel und lässt den mitgeführten Sprengkopf detonieren.[5] 

Auch wenn die oben genannten Drohnen sehr effektiv sind, ist ihr Preis relativ hoch. Die von ukrainischen Soldaten am häufigsten verwendeten Drohnen sind einfache, kommerzielle Drohnen mit integrierten hochauflösenden Kameras, die mit einem Smartphone gekoppelt werden können und auf E-Commerce-Plattformen zum Kauf angeboten werden. Die Soldaten setzen sie zur Aufklärung, Überwachung und Beobachtung ein und sind damit dem Feind einen Schritt voraus.

Künstliche Intelligenz (KI)

Im Zeitalter der Information und der sozialen Medien genügt ein einziger Mausklick auf dem Telefon, um an eine enorme Menge von Informationen zu gelangen. Dies erinnert an die Idee des großen Militärstrategen Sun Tzu: "Kenne deinen Feind, kenne dich selbst, in hundert Schlachten wirst du nie in Gefahr sein."[6] Natürlich konnte Sun Tzu nicht ahnen, dass es das Internet oder andere Entwicklungen gibt, die Geheimdienste nutzen, um an die gewünschten Daten zu gelangen. Der Gedanke der Informationssuche und der Kenntnis der Fähigkeiten des Gegners ist jedoch derselbe geblieben. Zum gegenwärtigen Zeitpunkt können die ukrainischen Streitkräfte als eine der effektivsten und fähigsten Streitkräfte der Welt betrachtet werden. Das liegt vor allem daran, dass die ukrainischen Streitkräfte Zugang zu den Informationen und Daten der mächtigsten Nachrichtendienste der Welt haben.[7]  Präzise Schläge, wirksame Überwachung und Aufklärung können zumindest teilweise auf das Wissen zurückgeführt werden, das das ukrainische Verteidigungsministerium von den westlichen Verbündeten erhält.

Ebenso wichtig ist die Tatsache, dass die Ukrainer selbst erfolgreich fortschrittliche KI-Tools auf öffentlich zugängliches Bildmaterial anwenden und so wichtige Informationen gewinnen. Die Ukraine hat sich mit Clearview AI zusammengetan, das ukrainische Software anbietet, die mithilfe von Gesichtserkennung die Social-Media-Profile verstorbener Soldaten aufspürt, woraufhin die Behörden die Angehörigen benachrichtigen und die Leichen an die Familien überführen.[8]

Die Ukrainer machen sich die weitverbreitete Nutzung unverschlüsselter Kommunikation durch die russischen Soldaten zunutze.[9] Das auf künstliche Intelligenz (KI) spezialisierte Technologieunternehmen Primer hat seinen kommerziellen KI-gestützten Sprachtranskriptions- und Übersetzungsdienst so angepasst, dass er abgefangene russische Kommunikation verarbeitet und automatisch Informationen, die für die ukrainischen Streitkräfte relevant sind, in einer durchsuchbaren Textdatenbank markiert. KI arbeitet mit einer Geschwindigkeit, für die Hunderte von Analysten erforderlich wären, um dieselbe Datenmenge zu verarbeiten.

Raumfahrt

Seit Beginn des Krieges hat Mykhailo Fedorov, der Minister für digitale Transformation und stellvertretende Ministerpräsident der Ukraine, in mehreren Tweets die Führung kommerzieller Raumfahrtunternehmen um direkte Hilfe gebeten. Fedorov erlangte internationale Berühmtheit, nachdem Elon Musk auf seinen Tweet geantwortet und zugesagt hatte, Hilfe für das Starlink-Internet in die Ukraine zu liefern. Musk hat sein Wort gehalten. Heute nutzen ukrainische Drohnen Starlink, um russische Stellungen anzugreifen. Auch andere kommerzielle Raumfahrtunternehmen haben darauf reagiert. Diese Unternehmen sind vor allem in den Bereichen Fernerkundung und Satellitenkommunikation tätig. Ihre Unterstützung war entscheidend für die rechtzeitige Bereitstellung von Informationen über russische Truppenbewegungen und die Aufrechterhaltung der ukrainischen Militärkommunikationsnetze.[10]

Der Krieg zwischen Russland und der Ukraine ist zweifellos der technologisch am weitesten fortgeschrittene Krieg, den die Menschheit bisher erlebt hat. Der Krieg und alles, was mit ihm zusammenhängt, hat sich eindeutig verändert und weiterentwickelt. Das Wesen des Krieges, das Menschen und Staaten dazu bringt, sich gegenseitig zu bekämpfen, ist jedoch gleich geblieben. Auch wenn sich neue Technologien und neue Bereiche der Kriegsführung entwickelt haben, bleibt das Endziel dasselbe - allen überlegen zu sein und die eigene Souveränität zu schützen. Nach dem Ende des Krieges werden drastische Veränderungen und Reformen im Militär auf der ganzen Welt erwartet. Jeder Staat, der auf seine nationale Sicherheit bedacht ist, sammelt nun Daten mit Hilfe verschiedener Techniken, einschließlich KI. Wenn der Krieg vorbei ist, wird diese Datenbank als Handbuch für die zukünftige Entwicklung von Verteidigung und Sicherheit dienen.  Die Kriegsführung hat sich technologisch weiterentwickelt, und es sind neue Interdependenzen entstanden, die über die reinen Waffensysteme hinausgehen; Militärstrategen, Befehlshaber und sogar die Operateure vor Ort müssen sich mit den richtigen Instrumenten und innovativen Taktiken auf diesen Wandel einstellen.

[1] Karl von Clausewitz, On the nature of war, Chapter 1.
[2] Ukrainian Armed Forces, The total combat losses of the enemy from 24.02 to 23.06
[3] Winkie, “Ukraine Says Its Drones Hit Russian Fast Boats at Sea.”
[4] Sutton, “Incredible Success Of Ukraine’s Bayraktar TB2: The Ghost Of Snake Island – Naval News.”
[5] Huet, “What Are the Switchblade ‘suicide Drones’ Boosting Ukraine’s Arsenal?”
[6] Sun Tzu, “The Art of War”, Oxford University press.
[7] Knorr-Evans, “US Passes Intelligence to Ukraine: What Have They Shared? Russian Generals...Sinking of Mosvka - AS USA.”
[8] Dangwal, “Ukraine Uses ‘Controversial’ Artificial Intelligence Tech In Its War Against Russia As Kiev Looks To Win The ‘Digital War.’”
[9] Allen, “Across Drones, AI, and Space, Commercial Tech Is Flexing Military Muscle in Ukraine.”
[10] Allen, “Across Drones, AI, and Space, Commercial Tech Is Flexing Military Muscle in Ukraine.”

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Helena von Hardenberg, Presse und Digitale Kommunikation
Helena von Hardenberg
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