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Ukraine
Unterstützung für die Ukraine: Kann Europa die amerikanische Lücke schließen?

Demonstration Jahrestag Ukrainekrieg

Vor dem Brandenburger Tor versammeln sich anlässlich des 4. Jahrestages des Beginns des russischen Angriffskriegs auf die Ukraine mehrere tausend Menschen und fordern weitere finanzielle und militärische Unterstützung für die Ukraine.

© picture alliance / SZ Photo | snapshot-photography/K.M.Krause

Diese Woche jährte sich der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine zum vierten Mal. An der Front kommt Moskau nur langsam voran. Weil der militärische Durchbruch ausbleibt, verlagert der Kreml den Druck zunehmend auf das Hinterland: Mit massiven Luftangriffen auf Energieanlagen, Industrie und Städte soll die Ukraine zermürbt werden. Um diese Angriffe abzuwehren, ist Kyjiw dringender denn je auf westliche Unterstützung angewiesen. Doch seit dem Amtsantritt von Donald Trump im Januar 2025 fallen die USA als zentraler Geber weitgehend aus. Kann Europa die Lücke schließen? Neue Daten deuten darauf hin - zumindest teilweise.

Ein Jahr nach Beginn von Trumps zweiter Präsidentschaft hat Europa offenbar verstanden, dass es mehr Verantwortung für die eigene Sicherheit übernehmen muss. Die Ukraine ist zum Lackmustest einer geopolitischen Neuordnung geworden, in der die USA nicht länger selbstverständlich als Sicherheitsgarant für Europa fungieren.

Zwischen 2022 und 2024 spielten die Vereinigten Staaten noch eine Schlüsselrolle bei der finanziellen Unterstützung Kyjiws. Durchschnittlich stellten sie jährlich rund 17,3 Milliarden Euro Militärhilfe sowie weitere 13,3 Milliarden Euro an finanzieller und humanitärer Unterstützung bereit. Wie aus einem Report des Kiel Instituts für Weltwirtschaft hervorgeht, ist die US-Hilfe im Jahr 2025 jedoch um 99% gesunken. So bestand sie vergangenes Jahr lediglich aus einem einzelnen Militärpaket im Umfang von 0,4 Milliarden Euro; neue finanzielle oder humanitäre Zusagen blieben aus.

Gleichzeitig zeigt der Report auch einen gegenläufigen Trend: Europäische Staaten haben ihre Unterstützung deutlich ausgeweitet. Im Vergleich zum Durchschnitt der Jahre 2022 bis 2024 stieg die militärische Hilfe um 67 Prozent, die finanzielle und humanitäre Hilfe um 59 Prozent auf insgesamt 72,8 Milliarden Euro.

Tragende Säulen dieser Entwicklung sind u.a. neue europäische Finanzinstrumente. Über die sogenannte Ukraine Facility wurden bis Ende 2025 rund 34,5 Milliarden Euro bereitgestellt, über die Macro-Financial Assistance (MFA) im Rahmen des ERA-Kreditmechanismus weitere 18,1 Milliarden Euro aus Erträgen eingefrorener russischer Vermögenswerte.

Damit konnte Europa einen großen Teil des amerikanischen Rückzugs kompensieren. So war das Gesamtvolumen der Hilfe für die Ukraine im Jahr 2025 nahe den historischen Niveaus der letzten Jahre.

Das ist eine strategische Kehrtwende. Jahrzehntelang galt es in sicherheitspolitischen Kreisen als ausgemacht, Europa könne eine große Krise auf seinem Kontinent nicht ohne die USA bewältigen. Die aktuellen Zahlen widerlegen diese Annahme - zumindest in finanzieller Hinsicht.

Das Hardware-Problem

Doch Geld allein gewinnt keinen Krieg. Europa verfügt kurz- bis mittelfristig nicht über ausreichend tiefe Waffenlager, um die Ukraine gegen einen Aggressor zu verteidigen. Und während die USA zwar über die nötige Hardware verfügen, ist die Trump-Regierung nicht bereit, sie selbst zu finanzieren.

Genau hier setzt jedoch der pragmatische Deal an, den der liberale NATO-Generalsekretär Mark Rutte mit Donald Trump im letzten Jahr schloss: die sogenannte Prioritized Ukraine Requirement List (PURL). Über diesen Mechanismus bündeln teilnehmende Staaten ihre Mittel und kaufen benötigte Systeme direkt aus amerikanischen Beständen. Bis Ende 2025 beteiligten sich 24 Staaten mit insgesamt rund 3,7 Milliarden Euro; die größten Beiträge kamen aus den Niederlanden und Norwegen.

Der Effekt war unmittelbar spürbar: Laut dem Kiel Policy Brief stieg der Anteil der militärischen Hilfe aus Lagerbeständen in der zweiten Hälfte des Jahres 2025 auf 35 % und erreichte damit praktisch wieder das Niveau vor der Aussetzung neuer US-Pakete.  

Auch wenn die Abhängigkeit von amerikanischer Militär-Hardware bleibt, markiert der neue Mechanismus doch ein Wandel in der transatlantischen Dynamik und gibt einen neuen Ansatz vor, erfolgreich mit der Trump-Regierung umzugehen.

Waffenproduktion direkt in der Ukraine

Ein weiteres Problem bleibt jedoch die Zeit. Der Transport westlicher Waffen durch halb Europa kostet Wochen - manchmal Monate. Deshalb setzte Dänemark einen parallelen Prozess auf: Waffen nicht liefern, sondern vor Ort produzieren.

Die ukrainische Rüstungsindustrie hat sich seit Kriegsbeginn rasant entwickelt. Ende 2025 wurde ihr Produktionswert auf etwa 35 Milliarden Dollar geschätzt. Fabriken können Drohnen, Artillerie und Raketen herstellen - doch der ukrainische Staat kann nur rund die Hälfte seiner eigenen Produktionskapazität finanzieren.

Das sogenannte „dänische Modell“ schafft dem Abhilfe: westliche Staaten finanzieren Aufträge direkt bei ukrainischen Herstellern. Begonnen als Pilotprojekt mit 18 Bohdana-Haubitzen, wuchs das Programm bis Ende 2025 auf 830 Millionen Euro an.

Mit dem im Dezember 2025 im Rat beschlossenen 90-Milliarden-Kreditprogramm für die Ukraine will die EU diesen Ansatz massiv ausweiten. 60 der 90 Milliarden sind explizit für die Förderung der ukrainischen Verteidigungsindustrie vorgesehen. Damit soll die ukrainische Rüstungsindustrie in das europäische Verteidigungsökosystem integriert werden.

Europas Grenzen

Die steigenden finanziellen Hilfen, der pragmatische Deal zum Kauf amerikanischer Waffenbestände und strategische Investitionen in ukrainische Produktion zeigen: Europa hat auf den amerikanischen Rückzug reagiert - und zwar schneller als viele erwartet hatten.

Es wäre allerdings verfrüht zu glauben, dass Europa damit militärisch autark wäre. Im Ernstfall entscheidet die verfügbare Truppenstärke, ihr Trainingszustand und ihre Ausstattung - und hier bleibt die EU ohne die USA schwach. Die EU ist keine Verteidigungsunion, verfügt über keine europäische Armee, wie etwa von der FDP als Ziel gefordert, und hat kaum Erfahrung in groß angelegten Gefechten. Seit dem Kalten Krieg führten europäische Generäle höchstens brigadestarke Kontingente in Auslandseinsätzen - in Afghanistan, Irak, Mali oder auf dem Balkan.

Hinzu kommen politische Hürden: das Einstimmigkeitsprinzip sowie Mitgliedstaaten mit neutraler Tradition wie Österreich oder gar russlandfreundliche Regierungen wie die in der Slowakei und in Ungarn. Letztere hatte sich jüngst am Dienstag geweigert, dem Darlehen für die Ukraine in Höhe von 90 Milliarden Euro zuzustimmen.

Auch ob die von Frankreich und Großbritannien iniitierte „Koalition der Willigen“ eine Alternative zu einer noch in weiter Ferne befindlichen Verteidigungsunion oder gar eine dauerhafte Struktur außerhalb der NATO bilden kann, ist derzeit noch offen.

Der Beginn einer neuen Sicherheitsordnung?

Trotz der genannten Einschränkungen zeichnet sich dennoch ein bemerkenswerter Wandel ab. Mit einer Mischung aus zentralen Krediten, gesteigerten Produktionskapazitäten vor Ort und flexiblen Koalitionen entwickelt Europa erstmals ein Modell, um einen großen Krieg auf seinem Kontinent ohne vollständige Stützung auf amerikanische Führung und Ressourcen zu managen.

Bewährt sich dieser Ansatz in der Ukraine, könnte sich hier - in Echtzeit - die erste europäische Sicherheitsarchitektur des post-amerikanischen Zeitalters herausbilden.