Korea
Iran-Krieg zeigt Südkoreas Verletzlichkeit
Korean Stock Market Crashed
© Illustration created with canva.Der Iran-Krieg hat die südkoreanische Börse in schwere Turbulenzen gestürzt. Die Angst vor einer globalen Energiekrise ließ die Kurse in Seoul massiv einbrechen. Nach ohnehin schon wilden Tagen verlor der südkoreanische Leitindex am 4. März mehr als zwölf Prozent, der Handel wurde zeitweise ausgesetzt. Auch die koreanische Währung, der Won, verlor deutlich an Wert.
Zwar hat sich der Markt mittlerweile stabilisiert, die Stimmung bleibt aber angespannt. Grund für die Unsicherheit ist die extreme Energieabhängigkeit Südkoreas. Das hochindustrialisierte Land hat keine nennenswerten fossilen Energiequellen und ist der viertgrößte Ölimporteur der Welt. Den Großteil bezieht Südkorea aus dem Nahen Osten. Rund 70 Prozent des Rohöls und etwa 20 Prozent der Flüssiggasimporte stammen aus dieser Region.
Niedrigeres Wachstum erwartet
Nach einer Analyse des Hyundai Economic Research Institute würde Südkoreas Wachstum um 0,1 Prozentpunkte sinken, wenn der durchschnittliche Ölpreis im Jahresverlauf bei etwa 80 Dollar liegt. Steigt er auf 100 Dollar, könnte der Rückgang 0,3 Prozentpunkte betragen. Die koreanische Notenbank geht in ihrer jüngsten Prognose noch von 2,0 Prozent Wachstum aus – auf Basis eines Ölpreises von 64 US-Dollar. Bleibt der Preis höher, könnte sich das Wachstum halbieren. Sollte es zu einer ernsten Ölkrise kommen, wären die Folgen verheerend.
Die Regierung ergreift bereits wirtschaftliche Gegenmaßnahmen. Präsident Lee Jae-myung hat erstmals seit fast drei Jahrzehnten eine staatliche Deckelung der Kraftstoffpreise angeordnet. Er will Autofahrer entlasten. Zudem will Südkorea 22,5 Millionen Barrel aus seinen strategischen Erdölreserven freigeben und sich damit einer von der Internationalen Energieagentur (IEA) koordinierten internationalen Aktion anschließen.
USA ziehen Waffen ab
Die Kriegsregion im Nahen Osten ist weit von Südkorea entfernt. Trotzdem hat der Konflikt sicherheitspolitische Auswirkungen auf die koreanische Halbinsel. Um ihre Basen und Verbündete im Nahen Osten besser schützen zu können, haben die Amerikaner laut Medienberichten Flugabwehrraketen von US-Stützpunkten in Südkorea abgezogen. Hier wächst nun die Sorge, schlechter gegen mögliche Raketenangriffe aus Nordkorea geschützt zu sein – und das zu einer Zeit, in der das Vertrauen in den amerikanischen Schutz wegen Donald Trumps unberechenbarer Außenpolitik bereits abgenommen hatte. Um Furcht entgegentreten, hebt Koreas Präsident Lee die Stärke der eigenen Armee hervor.
Der Krieg im Nahen Osten hat in Südkorea eine grundsätzliche Debatte über die eigene Verwundbarkeit ausgelöst. Zum einen zeigt sich die hohe Abhängigkeit von Energie aus einer instabilen Weltregion. Zum anderen wird die sicherheitspolitische Abhängigkeit von den zunehmend als unzuverlässig wahrgenommenen USA stärker hinterfragt. Entsprechend werden die Forderungen lauter, Südkorea müsse sowohl energiepolitisch als auch sicherheitspolitisch eigenständiger werden.
*Aurelia Schlosser studiert Koreanistik und Rechtswissenschaften in Tübingen und absolviert gerade ein Praktikum im Büro der Friedrich Naumann Stiftung für die Freiheit in Seoul/Südkorea.