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Nepal
Nepal: Was der Himalaja-Staat in der Coronakrise gelernt hat

Nepal Event Poster
Nepal Event Poster © FNF South Asia

Das 30-Millionen-Einwohner-Land zwischen Indien und China wurde von der Pandemie hart getroffen. In einer Online-Debatte der Friedrich-Naumann-Stiftung diskutierten Politiker und Beobachter Konsequenzen aus der Gesundheitsnotlage.

Die zweite Coronavirus-Welle hat Nepal mit voller Wucht getroffen und brachte das Gesundheitssystem des Landes an seine Grenzen. In der Hauptstadt Kathmandu wiesen überfüllte Krankenhäuser Patienten ab, weil Betten zum Teil bereits doppelt belegt waren. Auch außerhalb der Metropole kam es zu einem akuten Mangel an Beatmungsgeräten und Medikamenten. Die an der Grenze zu Indien liegende Gemeinde Nepalgunj war einer der Orte, in denen es am Nötigsten fehlte: Covid-19-Patienten starben, weil es für sie nicht genügen medizinischen Sauerstoff gab.
 

Es gab keinen Platz mehr in den Kliniken, aber die Patienten wurden trotzdem immer mehr. Wir haben die Lage schließlich zwar unter Kontrolle gebracht, aber erst, nachdem bereits viele Menschen gestorben waren

Dhawal Shamsher Rana portrait
Dhawal Shamsher Rana, Bürgermeister, Nepalgunj

"Es gab keinen Platz mehr in den Kliniken, aber die Patienten wurden trotzdem immer mehr", erinnert sich der Bürgermeister von Nepalgunj, Dhawal Shamesher Rana, an den Höhepunkt der Krise im Mai. "Wir haben die Lage schließlich zwar unter Kontrolle gebracht", fügt der Politologe hinzu, der auch Generalsekretär der Oppositionspartei Rastriya Prajatantra ist, "aber erst, nachdem bereits viele Menschen gestorben waren".

Rana war Ende Juni Teilnehmer einer virtuellen Podiumsdiskussion zum Thema "Nepal: Himalayan country in crisis?", die vom Regionalbüro Südasien der Friedrich-Naumann-Stiftung gemeinsam mit der nepalesischen Denkfabrik Samriddhi Foundation veranstaltet wurde. Im Mittelpunkt der Debatte standen die politischen Lehren aus der Gesundheitsnotlage – und die Frage, welche Rolle die Kooperation innerhalb Südasiens bei der Krisenbewältigung spielen kann.

Wer auch immer das Land in Zukunft lenken wird, muss sich in einem immer komplexer werdenden geopolitischen Umfeld zurechtfinden.

Ms. Bettina Stark-Watzinger
Bettina Stark Watzinger, FDP-Bundestagsabgeordnete und Vorstandsmitglied der Friedrich-Naumann-Stiftung

Zum Auftakt der Debatte verwies Bettina Stark-Watzinger, FDP-Bundestagsabgeordnete und Vorstandsmitglied der Friedrich-Naumann-Stiftung, darauf, dass die rund 30 Millionen Einwohner Nepals zuletzt mit vielfältigen Problemen konfrontiert waren. Sie erinnerte an das Erdbeben von 2015, bei dem Tausende Menschen starben, und sprach die politischen Turbulenzen an, in denen sich das Land derzeit befindet – Regierungschef K. P. Sharma Oli verlor im Mai eine Vertrauensabstimmung im Parlament und will das Land nun zu vorgezogenen Neuwahlen führen. Die Herausforderungen sind groß: "Wer auch immer das Land in Zukunft lenken wird, muss sich in einem immer komplexer werdenden geopolitischen Umfeld zurechtfinden", sagte Stark-Watzinger.

Die Friedrich-Naumann-Stiftung hat Nepal bereits in der Vergangenheit in entscheidenden Momenten unterstützt.

Mr Ram Pratap Thapa
Ram Pratap Thapa, Nepals Honorarkonsul in Köln und Vorsitzender der Deutsch-Nepalischen Gesellschaft

Ram Pratap Thapa, Nepals Honorarkonsul in Köln und Vorsitzender der Deutsch-Nepalischen Gesellschaft, zeigte sich erfreut über das Zustandekommen der Veranstaltung. "Die Friedrich-Naumann-Stiftung hat Nepal bereits in der Vergangenheit in entscheidenden Momenten unterstützt", sagte er und gab sich überzeugt, dass die offene Diskussion der Lage seinem Land weiterhelfen werde.

Man hat bloß reagiert, anstatt proaktiv zu handeln. Wir hätten viele Leben retten können,

Gagan Thapa
Gagan Thapa, frühere Gesundheitsminister

In der Debatte plädierte der frühere Gesundheitsminister Gagan Thapa, der derzeit für Nepals Kongresspartei im Parlament sitzt, mit Blick auf die Erfahrungen während der Coronakrise für eine bessere Zusammenarbeit von Nepals Bundesregierung mit den Provinzen und lokalen Verwaltungen. Ein partnerschaftliches Verhältnis und eine klare Rollenverteilung sei nötig. "Dabei haben wir versagt."

Thapa kritisierte zudem, dass die Zentralregierung in Kathmandu aus seiner Sicht wertvolle Zeit bei der Pandemiebekämpfung verstreichen ließ: "Man hat bloß reagiert, anstatt proaktiv zu handeln." Experten hätten schon zu Beginn der Krise zu Investitionen in die Produktion von medizinischem Sauerstoff aufgerufen. Dies sei nicht geschehen, obwohl die nötigen Ressourcen vorhanden gewesen wären. "Wir hätten viele Leben retten können", sagte Thapa.

Auch Nepalgunjs Bürgermeister Rana beklagte massive Probleme in der Zusammenarbeit der verschiedenen Verwaltungseinheiten. "Unsere föderale Struktur hat miserabel abgeschnitten", sagte er. Vor allem zu Beginn der Krise sei es äußerst schwierig gewesen, von der Zentralregierung angesichts der sich schnell ändernden Situation zeitnah Antworten zu erhalten. Der Regierung sei es auch nicht gelungen, ausreichend Impfdosen zu beschaffen. Viele Menschen hätten ihre Erstimpfung mit Impfdosen aus Indien erhalten, sagte er. "Aber jetzt haben wir nicht mehr genug Nachschub für die Zweitimpfung."

Ein wesentlicher Grund für Nepals Impfprobleme ist Indiens Exportstopp: Während das Land seine Nachbarn noch zu Jahresbeginn mit Vakzinen versorgte, stellte Indiens Regierungschef Narendra Modi die Ausfuhren angesichts Indiens eigener Corona-Rückschläge vorerst ein.

Wir haben eigentlich auf dem richtigen Weg angefangen und bereits im März 2020 ein gemeinsames SAARC-Vorgehen diskutiert. Aber anschließend ist diesbezüglich leider nicht mehr viel passiert. Wir sind geografisch gesehen eine Einheit – es sollte deshalb eine südasiatische Anstrengung geben, uns gemeinsam zu schützen.

Suhasini Haidar
Suhasini Haidar, Journalistin

Die indische Journalistin Suhasini Haidar hätte sich mit Blick auf die grenzüberschreitende Gesundheitskrise eine engere Zusammenarbeit der südasiatischen Länder gewünscht – etwa im Rahmen der Südasiatische Vereinigung für regionale Kooperation (SAARC). "Wir haben eigentlich auf dem richtigen Weg angefangen und bereits im März 2020 ein gemeinsames SAARC-Vorgehen diskutiert", sagte sie. "Aber anschließend ist diesbezüglich leider nicht mehr viel passiert." Bei der Impfstoffverteilung ist ein gemeinsames Vorgehen der Länder aus Haidars Sicht unverzichtbar: "Wir sind geografisch gesehen eine Einheit – es sollte deshalb eine südasiatische Anstrengung geben, uns gemeinsam zu schützen."

Die Bedeutung der länderübergreifenden Kooperation in der Region unterstrich auch der Leiter des Regionalbüros Südasien der Friedrich-Naumann-Stiftung, Carsten Klein. Er versicherte: "Wir werden uns weiterhin in Nepal engagieren und gemeinsam mit unseren Partnern nach Möglichkeiten suchen, die Beziehungen zu vertiefen – insbesondere in einem südasiatischen Kontext."