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Fachkräftemobilität in Südasien

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Vor der Covid-19-Krise waren Fachkräfte aus Südasien in der gesamten Region und international tätig. Sri-lankische Fachkräfte arbeiten in den Textilzentren in Bangladesch und Pakistan, indische Fachkräfte in Nepal und vice versa. Die Golfregion im Mittleren Osten war und ist aufgrund der hohen Einkommen und des damit verbundenen Images besonders attraktiv für ausgebildete, aber auch für ungelernte Arbeitskräfte aus Südasien. Der Großteil der Arbeitsmigranten ist männlich und auf befristeten Arbeitsverträgen beschäftigt. Die resultierenden Rücküberweisungen haben das Leben von Familien und (Dorf)Gemeinschaften verändert und sind, bei internationaler Beschäftigung, eine wichtige Quelle für Deviseneinnahmen für das jeweilige Empfängerland. Die Pandemie und die damit verbundenen Beschränkungen und Grenzschließungen haben das Bild jedoch grundlegend verändert, da viele Arbeitskräfte zurück in die Heimatorte mussten.

Die Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit Südasien hat die zentrale Bedeutung der Arbeitskräftemigration zum Anlass genommen, mit Experten aus der Region über den derzeitigen Stand und potenziellen Verbesserungen für die Zukunft zu diskutieren. Dr. Asim Jamal, Geschäftsführer Sanofi Pakistan; Bhawani Rana, frühere Präsidentin der Nepalesischen Industrie- und Handelskammer und Wansapriya Gunaseela, Geschäftsführer Buildtek Consultants, zeigten unter der Moderation von Waqar Rizvi verschiedene Aspekte des komplexen Themas auf. Alle Panelteilnehmer sind sich einig, dass die derzeitige Situation neben allen Schwierigkeiten eine einzigartige Chance für die Herkunftsländer darstellt. Die Regierungen der Länder der Region sollten trotz politischer Differenzen zusammenarbeiten und gemeinsame Lösungen entwickeln, um einen rechtlichen und sachlichen Rahmen zu schaffen, der es ermöglicht, Fachkräfte zu halten und ungelernte Arbeitskräfte gezielt auszubilden.  

Bhawani Rana betont: „Gibt es Chancen und entsprechendes Einkommen, dann kommen die Arbeitskräfte.“ Jede Region in Südasien hat spezielles Knowhow und Fachkompetenzen. Südasien ist geeint in Kultur, Tradition und Geschichte. Wenn lokale Expertise ausgebaut und von einer gemeinsamen regional-integrierenden Politik flankiert wird, so wird dies Fachkräfte anziehen bzw. lokale Fachkräfte halten. Dr. Jamal hebt hervor, dass südasiatische Arbeitsmigranten grundsätzlich jung, sehr motiviert und unternehmerisch im Denken sind. Gleichzeitig sind die Arbeitskräfte häufig noch „ungeformt“ und benötigen Training und Ausbildung. Daher sind insbesondere die im Ausland trainierten Fachkräfte willkommene Rückkehrer in ihre Heimatregionen, da sie externe Expertise zurückbringen. Die Region Südasien muss dieses besondere Potenzial an Arbeitskräften nun selbst nutzen.  

Auch die Arbeitsmobilität von Frauen hat sich seit 1990 verstärkt. Viele sind heute im Mittleren Osten. Mit Blick auf die Sicherheit der Frauen meint Rana jedoch, dass diese im eigenen Kulturkreis Südasien sicherer sind als im Mittleren Osten.

Wansapriya Gunaseela verweist auf die Produktivitätsdiskrepanz in Südasien. Jedes Land hat andere Branchenschwerpunkte. Die Länder der Region müssen stärker zusammenarbeiten um die Spezialisierung zu stärken und Produktivitätspotentiale zu heben. Nur mit höherer Produktivität ist es Unternehmen auch möglich höhere Löhne zu zahlen. Um in einer zunehmend automatisierten Wirtschaft wettbewerbsfähig zu bleiben, müssen Arbeitskräfte geschult werden. So entstehen auch attraktive Arbeitsplätze, die Fachkräfte langfristig an die Heimatländer binden. Das ist eine große Herausforderung für alle Länder der Region. Gleichwohl sind Fachkräfte interessiert an der Rückkehr in ihre Heimatländer, da hier ihre Familien und ihr Lebensumfeld sind.

Regierungen sollten die Arbeitskräftemobilität grundsätzlich mit Sonderinitiativen unterstützen wie bspw. Arbeitnehmerfreizügigkeit innerhalb der Region wie dies bereits zwischen Nepal und Indien vereinbart ist. Auch Arbeitnehmerrechte sollten harmonisiert werden. Es muss Verträge in der gesamten Region geben, um nicht-tarifäre Handelshemmnisse abzubauen. Eine Herausforderung bleiben jedoch die politischen Differenzen. Es ist schwierig, alle 8 Länder zu gemeinsamen Entscheidungen und Verträgen zu vereinen. Die Privatwirtschaft identifiziert Chancen und adressiert diese schneller als die Politik. Für eine effiziente Nutzung der immensen natürlichen Ressourcen der Gesamtregion benötigt die Privatwirtschaft jedoch entsprechende politische Grundlagen und gemeinsame Richtlinien, vor allem auch im Arbeitsrecht. Da in Südasien ca. 20% der Weltbevölkerung lebt, sollte die Region mit einer gemeinsamen Arbeitsmarktpolitik auch als ein globales Beispiel für Zusammenarbeit dienen können. Falls die südasiatischen Regierungen dieser Aufgabe jedoch nicht gerecht werden können, dann werden weiterhin Arbeitskräfte, aber auch Firmen und deren Produktionsstätten in andere Regionen abwandern. Der Schlüssel hierbei ist daher ein gemeinsamer Rahmen ohne Überregulierung oder Einschränkung der Wirtschaft und der Arbeitskräfte.

Covid-19 hat Verhalten und Denkweisen bereits verändert. Nach Erfahrungen der Experten würden Arbeitskräfte in der Heimatregion bleiben auch wenn dies mit einem geringen Einkommensverlust verbunden ist. Um Fachkräfte nachhaltig zu halten, muss jedoch langfristig das Image der Region Südasien als Arbeitsort verbessert werden. Bereits in der Schule sollten daher Wirtschaftsthemen Teil des Curriculums werden. Eine bessere (Aus-)Bildung resultiert in höherer Produktivität und entsprechend wettbewerbsfähigeren Löhnen im Vergleich zum Ausland. Ein besseres Image der Region und gleichzeitig bessere Verdienstmöglichkeiten in Verbindung mit einem geeigneten rechtlichen Rahmen werden gut ausbildete Fachkräfte in der Region Südasien halten und Fachkräfte anziehen.