Afghanistan
Die Machtübernahme der Taliban stellt Indien vor enorme Herausforderungen

Afghanistan
Taliban patrouillieren am 24. August 2021 in Torkham, Pakistan, während afghanische Bürger am Grenzübergang Torkham warten, um nach Pakistan einzureisen. © picture alliance / AA | Muhammed Semih Ugurlu  

Nach dem Machtwechsel in Kabul sorgt sich die Regierung in Neu-Delhi vor einem Erstarken radikaler Islamisten. Die Ängste drohen auch die Spannungen zwischen Hindus und Muslimen in Indien zu verschärfen.

Eine gute Beziehung zu Afghanistan war Indien in den vergangenen zwei Jahrzehnten viel wert: Rund drei Milliarden Dollar investierte Neu-Delhi seit dem Ende der ersten Taliban-Herrschaft in dem Nachbarland zu seinem Erzrivalen Pakistan. Indien baute Straßen, Schulen, Dämme und Krankenhäuser. Sogar das Parlamentsgebäude in Kabul, das Herz der kurzlebigen afghanischen Demokratie, wurde von Indien gestiftet. Premier Narendra Modi weihte es vor sechs Jahren an der Seite des damaligen afghanischen Präsidenten Aschraf Ghani persönlich ein.

Mit der Machtübernahme der Taliban verliert Indien nun einen wichtigen Partner in der Region. In Neu-Delhi wächst die Sorge, dass Pakistan die Situation nutzen wird, um seinen eigenen Einfluss weiter auszubauen. Sicherheitsexperten warnen vor einer Zuspitzung der Sicherheitslage in der Kaschmir-Region. Die Frage, wie Indien mit den neuen Machthabern in Kabul umgeht, dürfte auch innenpolitisch eine wichtige Rolle einnehmen. Ängste in der Bevölkerung vor einer Zunahme des islamistischen Extremismus könnte die Modi-Regierung für ihre eigenen politischen Zwecke nutzen.

International bemüht sich Indien um Verbündete in einer neuen Afghanistan-Politik. Mit Russland vereinbarte das Land eine Zusammenarbeit, die ein Überschwappen des radikalen Islamismus auf andere Länder der Region verhindern soll.[1] Außenminister S. Jaishankar wirbt unterdessen bei Europa und den USA für einen kritischen Blick auf Pakistans Rolle in der Afghanistankrise. "Die Welt sollte keine Einmischungen von außen dulden, besonders wenn diese die Gewalt in dieser schwierigen Situation weiter anfachen", teilte er nach einem Gespräch mit Bundesaußenminister Heiko Maas und seinem US-Amtskollegen Antony Blinken mit – eine Äußerung, die als klarer Fingerzeig Richtung Islamabad gewertet wurde.[2]

Die Vermutung, dass Pakistan Taliban-Führern nicht nur Unterschlupf gewährte, sondern sie aktiv unterstützt, sitzt in Indien tief. Die Regierung von Premierminister Imran Khan bestreitet dies zwar vehement. Aus ihrer Freude über den Machtwechsel in Kabul machte sie aber kein Geheimnis. "Die Taliban haben die Ketten der Sklaverei gesprengt", jubelte Khan nach dem Einmarsch der Islamisten in der afghanischen Hauptstadt.

Zu dem neuen Regime hat Indiens Rivale bereits sichtbar gute Kontakte. Die pakistanische Botschaft in Kabul war eine der wenigen diplomatischen Vertretungen, die während des Umsturzes geöffnet blieb. Pakistans Geheimdienstchef Faiz Hameed führte während der Regierungsbildung der neuen Machthaber persönliche Gespräche mit ranghohen Taliban-Vertretern. Die Kabinettsmannschaft, die die Islamisten kurz darauf vorlegten, wird als vorteilhaft für Pakistan gewertet: Eine wichtige Rolle nehmen unter anderem Vertreter des sogenannten Hakkani-Netzwerks ein – eine Terrorgruppe, der besonders enge Verbindungen nach Pakistan nachgesagt werden.

Pakistan dürfte mit seinem Einfluss auf die Taliban versuchen, die Sicherheitsrisiken in seinem eigenen Land zu begrenzen – auch Islamabad hat seit langem mit Attentaten islamistischer Terrorgruppen zu kämpfen, die mit den Taliban ideologisch verbunden sind. Indien hingegen fehlen die Druckmittel, um die neuen Herrscher in Kabul zu einer mäßigenden Wirkung zu bewegen. "Eine der für Indien entscheidenden Fragen ist nun, ob die Turbulenzen auch negative Auswirkungen auf Kaschmir haben werden", sagt der ehemalige Leiter des indischen Liberty Institutes, Barun Mitra.

Auf die Region erheben seit Jahrzehnten sowohl Indien als auch Pakistan Anspruch. Indien steht dabei auch im Konflikt mit militanten Gruppen, denen Verbindungen zu den Taliban nachgesagt werden. Die zentrale Sorge der indischen Regierung sei nun, ob diese Gruppen durch die Machtübernahme der Taliban gestärkt hervorgehen werden, kommentiert Mitra. Gleichzeitig vermutet er, dass Teile der hindu-nationalistischen Regierungspartei BJP von Premier Modi versuchen werden, aus der Situation politisches Kapital zu schlagen. "Sie dürften eine Chance darin sehen, Ängste vor einem muslimischen Fundamentalismus auszuschlachten."

Spannungen zwischen Hindus und den rund 200 Millionen Muslimen in Indien drohen sich dadurch zu verschärfen – besonders mit Blick auf die nächste große Regionalwahl, die Anfang kommenden Jahres in Indiens bevölkerungsreichstem Bundesstaat Uttar Pradesh abgehalten wird.

In Afghanistan sieht es unterdessen so aus, als würde von Indiens langjähriger Präsenz nicht mehr viel übrig bleiben. Ob Infrastrukturprojekte wie der Straßenbau fortgesetzt würden, hat die Regierung in Neu Delhi zwar noch nicht abschließend entschieden.[3] Doch direkte Kooperationen mit den neuen Machthabern in Kabul gelten als so gut wie ausgeschlossen. Modi forderte auch die internationale Gemeinschaft dazu auf, von einer schnellen Anerkennung der Taliban-Regierung Abstand zu nehmen, da diese nicht inklusiv sei – also nicht breite Teile der afghanischen Bevölkerung widerspiegelt.[4] 

Wirtschaftlich kann Indien eine Abkühlung der Beziehungen mit Afghanistan verkraften – die Exporte in das Land machten zuletzt lediglich knapp eine Milliarde US-Dollar pro Jahr aus. Verglichen mit Indiens gesamten Warenausfuhren mit einem Wert von rund 500 Milliarden Dollar fällt dies kaum ins Gewicht. Doch Indiens Versuch Afghanistan mit neuen Handelsrouten aus Pakistans Einflussbereich zu lösen, stößt nun an große Hürden. Die geplante Anbindung Afghanistans an den von Indien gebauten Chabahar-Hafen im Iran ist nun ungewiss.

Barun Mitra beklagt zudem, dass es Indien versäumt habe, enge Kontakte mit der afghanischen Zivilbevölkerung zu knüpfen. Das Land habe in Afghanistans Bevölkerung zwar einen guten Ruf – wegen historischer kultureller Verbindungen ebenso wie wegen der populär gewordenen Bollywood-Filme. Indiens Afghanistan-Engagement habe sich aber rein auf Regierungsstellen konzentriert, sagt Mitra. Nach deren Entmachtung stehe Indien nun als einer der großen Verlierer da. "Für Indien ist das ein wirklich trauriges Ergebnis."

[1] https://www.hindustantimes.com/india-news/india-and-russia-to-secure-ce…

[2] https://timesofindia.indiatimes.com/world/south-asia/jaishankar-says-us…

[3] https://economictimes.indiatimes.com/news/india/pm-will-take-a-call-on-…

[4] https://timesofindia.indiatimes.com/india/afghan-govt-not-inclusive-don…