MACHTÜBERNAHME DER TALIBAN
Afghanische Exil-Reporter geben ihren Landsleuten eine Stimme

Afghanistan
Taliban patrouillieren am 24. August 2021 in Torkham, Pakistan, während afghanische Bürger am Grenzübergang Torkham warten, um nach Pakistan einzureisen. © picture alliance / AA | Muhammed Semih Ugurlu  

Nach der Machtübernahme der Taliban flohen Hunderte Journalisten aus Afghanistan. Aus ihrer neuen Heimat setzen sie ihre Arbeit fort – und wollen dafür sorgen, dass die internationale Gemeinschaft das Land nicht aus dem Blick verliert.

Bevor die Rettung kam, verbrachte Jalaluddin Nazari drei Tage und Nächte am Flughafen in Kabul. Mit einer Militärmaschine der Ukraine kam der 27 Jahre alte afghanische Journalist schließlich in Sicherheit. Inzwischen hat er sich in einer Wohnung in der ukrainischen Hauptstadt Kiew eingerichtet – ein vorübergehendes neues Zuhause für den jungen Mann, der zuletzt für das amerikanische "Wall Street Journal" aus Afghanistan berichtet hatte. "Ich hätte nie gedacht, dass ich mein Land verlassen muss", sagt Nazari. "Das alles ist so extrem schnell passiert."

Nazari ist einer von Hunderten afghanischen Reportern, die nach der Machtübernahme der radikalen Islamisten die Flucht ergriffen. Der Exodus der kritischen Berichterstatter verschärft die Krise der afghanischen Medien unter der Taliban-Herrschaft. Die Erfolgsgeschichte der Pressefreiheit der vergangenen zwei Jahrzehnte droht in dem Land nun abrupt zu enden. Aus dem Exil wollen Journalisten wie Nazari die neuen Machthaber jedoch weiter im Blick behalten. "Innerhalb Afghanistans ist es kaum noch möglich, die Taliban zu kritisieren", sagt er. "Umso wichtiger ist es, dass wir Reporter im Ausland unsere Arbeit fortsetzen."

Von Kiew aus arbeitete Nazari zuletzt an Artikeln über einen Bombenanschlag in Kabul und die Situation von Mädchen in afghanischen Schulen. Neuigkeiten erfährt er meist über soziale Medien. Mit seinen Quellen steht er via WhatsApp in Kontakt. "Ich will zeigen, wie die Realität vor Ort aussieht und damit sowohl die Taliban, als auch die internationale Gemeinschaft zur Rechenschaft ziehen."

Nazari stammt ursprünglich aus einem Dorf in der Provinz Ghazni im Osten des Landes. Er studierte an der Englisch-Fakultät der Balkh-Universität in Mazar-i-Sharif, wo früher die Bundeswehr ihr größtes Feldlager außerhalb der Bundesrepublik unterhielt. Nazari arbeitete als Übersetzer für afghanische und internationale Organisationen und wurde später Zeitungsreporter. Den letzten Tag vor dem Fall Kabuls erlebte er nur ein paar Hundert Meter entfernt vom Präsidentenpalast. Von einem Hotel aus beobachtete er die Lage in der Metropole. Die Straßen füllten sich im Lauf des Tages mit Menschenmassen. "Die Menschen wirkten alle sehr besorgt", erinnert sich Nazari. Es dauerte nicht lange, bis sich die Nachricht herumsprach: Die Taliban sind in der Stadt.

Die Extremistengruppe hatte bereits in den Wochen zuvor eine Provinzhauptstadt nach der anderen unter ihre Kontrolle gebracht. Dass sie derart schnell – noch vor dem Truppenabzug der Amerikaner und ihren Verbündeten – auch die Hauptstadt einnehmen würden, sieht Nazari in der Verantwortung des früheren Präsidenten Aschraf Ghani. Kurz nachdem die Taliban an der Stadtgrenze angekommen waren, setzte sich Ghani ins Ausland ab, wofür er in seiner Heimat heftig kritisiert wurde. "Anschließend gab es niemanden mehr, der die Lage managen konnte", sagt Nazari. "Die Taliban konnten ohne jegliche Probleme in den Präsidentenpalast vordringen."

Angesichts der Brutalität, die das Taliban-Regime seither an den Tag legte, hält Nazari es für die richtige Entscheidung, dass er das Land verließ, solange dies noch möglich war. "Ich denke immer noch darüber nach, was mit mir geschehen wäre, wenn ich dort geblieben wäre", sagt er. "Viele Journalisten, mit denen ich befreundet bin, wurden festgenommen und geschlagen", sagt er. Einige seien immer noch im Gefängnis.

Zu den von den Taliban misshandelten Reportern gehören zwei Mitarbeiter der Zeitung "Etilaatroz". Sie berichteten Anfang September von einer Frauen-Demonstration in Kabul gegen die neuen Herrscher. Taliban-Kämpfer nahmen die Journalisten fest und verprügelten sie in einer Polizeistation. Als die jungen Männer freigelassen wurden, waren ihre Körper mit Striemen und Wunden überzogen. Ihre Verletzungen zeigten, wie wenig von den Versprechen der Taliban zu halten ist, eine freie und unabhängige Presse zuzulassen.

Einfach hatten es Journalisten in Afghanistan zwar nie: Reporter ohne Grenzen führte das Land in der Rangliste der Pressefreiheit zuletzt auf Platz 122 von 180 Staaten. Grund dafür war vollem die Gewalt von Extremisten gegenüber Medienschaffenden. Allein im vergangenen Jahr waren laut der Organisation sechs Journalisten getötet worden. Trotz der Probleme hatte sich in den zwei Jahrzehnten nach dem Sturz des ersten Taliban-Regimes in Afghanistan aber eine lebendige Medienlandschaft entwickelt – mit hunderten TV-Sendern, Radiostationen und Printpublikationen, die auch vor Kritik an der Regierung nicht zurückschreckten.

Mit der erneuten Machtübernahme der Islamisten droht das Land diese Fortschritte aber wieder zu verlieren. Mehr als 150 Medienhäuser in 20 Provinzen stellten nach Angaben von Journalistenverbänden seit dem Antritt des Taliban-Regimes ihren Betrieb ein – und begründeten dies unter anderem mit den Restriktionen durch die neuen Machthaber. Ohne Unterstützung sei auch der Rest der Branche in seiner Existenz gefährdet, warnte der stellvertretende Chef der Afghanischen Journalistenvereinigung, Hujatullah Mujadadi.

Unter der Herrschaft der Islamisten leidet aber nicht nur die Pressefreiheit. Auch Frauenrechte sind massiv betroffen. "Die Taliban haben zwar zugesichert, Frauen Arbeit und Bildung zu ermöglichen", sagt Reporter Nazari. "Das ist aber nur der Versuch, die internationale Gemeinschaft hinters Licht zu führen." Die Realität im Land sehe anders aus: Frauen dürften vielfach nicht mehr zur Arbeit erscheinen. Mädchen würden aus Schulen ausgeschlossen.

Nazari hofft, dass Druck der internationalen Gemeinschaft die Lage zumindest ein Stück weit verbessern kann. "Die Taliban können es sich nicht leisten, das Land zu isolieren. Sie sind auf die Unterstützung anderer Staaten angewiesen." Dies könnte sie dazu bewegen, mehr Freiheiten zuzulassen, glaubt Nazari. Andernfalls erwartet er massiven Widerstand gegen das Regime: "Man kann ein Land nicht für immer mit Gewalt regieren", sagt er. "Wenn die Menschen keine andere Wahl mehr haben, dann werden sie für ihr Leben kämpfen."

Nazari selbst hat nicht vor, bald wieder in seine Heimat zurückzukehren. Er bekam von seinen Kollegen beim "Wall Street Journal" den Hinweis auf ein Journalismus-Programm an der Universität Toronto – und hatte bei der Bewerbung Erfolg. Demnächst will er deshalb nach Kanada ziehen. Seine Heimat will er aber weiter im Blick behalten. Er fühle sich Afghanistan tief verbunden und könne nicht aufhören, über das Land nachzudenken. "Ich glaube auch, dass es eine moralische Verpflichtung ist, über die Menschen zu schreiben, die ihre Stimme verloren haben", sagt Nazari. "Ich werde deshalb auch in Zukunft ihre Geschichten erzählen."

Die Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit arbeitet über das Büro in Islamabad in verschiedenen Formaten mit Experten aus Afghanistan zusammen. Ab dem Jahr 2022 wird insbesondere die Arbeit mit Afghanen im Exil in Pakistan intensiviert.