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Freihandel
Geopolitische Dynamik beflügelt Handelsabkommen EU-Indien

Indien und EU

Indien und die EU 

© Bild erstellt mit KI

Die EU und Indien haben die Verhandlungen über ein Freihandelsabkommen abgeschlossen. Warum ist das Freihandelsabkommen so wichtig?

Geopolitischer Rückenwind

Abgesehen von wirtschaftlichen Erwägungen drängt die aktuelle weltpolitische Lage beide Partner zum Abschluss dieses Abkommens, auch wenn es bezüglich Tiefe und Substanz hinter den ursprünglichen Erwartungen zurückbleibt. Angesichts der von der Trump-Administration verhängten Zölle und anderer Handelsbarrieren, die den multilateralen Handel massiv unter Druck setzen, soll das Abkommen ein wichtiges Zeichen setzen: Indien und die EU bekennen sich weiterhin zu einer regelbasierten Handelsordnung.

Für beide Seiten, Europa und Indien, bietet das Abkommen die Möglichkeit, die Exportabhängigkeit von den USA zu verringern und zumindest teilweise auf alternative Märkte auszuweichen. Auch in Bezug auf das immer selbstbewusster auftretenden China bietet das Abkommen Vorteile. Es könnte als Baustein dienen für breitere wirtschaftliche Bündnisse im indopazifischen Raum.

Im Kern geht es um die Wirtschaft

Die Wirtschaft ist weiterhin das Kernelement der Beziehungen zwischen Indien und der EU. Das Handelsabkommen soll Impulse in vielen Bereichen geben, die für Indien, die EU sowie einzelne Mitgliedsstaaten wirtschaftlich relevant sind. Der bilaterale Handel in Waren und Dienstleistungen erreichte 2024 einen Wert von über 210 Milliarden US-Dollar. Die europäischen Direktinvestitionen in Indien belaufen sich auf über 160 Milliarden US-Dollar, und über 6.000 Unternehmen aus der EU sind in Indien aktiv. Auch indische Unternehmen haben signifikant in Europa investiert und Firmen in Europa übernommen. Dennoch gibt es weiter ein hohes, unausgeschöpftes Potenzial, das durch das Freihandelsabkommen aktiviert werden soll. Das zeigt der Vergleich mit China, das immer noch der gewichtigste Wirtschaftspartner vieler EU-Staaten in Asien ist. Der Waren- und Dienstleistungsverkehr zwischen der EU und China hatte 2024 einen Wert von 980 Milliarden US-Dollar und etwa 12.000 Unternehmen aus der EU waren in China aktiv. Doch viele dieser europäischen Firmen suchen mittlerweile nach Alternativen zu China. Indien könnte für sie eine attraktive Alternative bieten.

Zugleich baut Indien bei seinem Ziel, bis zum Jahr 2047 zur Gruppe der entwickelten Staaten zu gehören, stark auf Europa. Viksit Bharat - entwickeltes Indien – ist in Indien ein allgemein bekanntes Schlagwort, und die EU soll mit Handel, Investitionen und Technologie wesentlich dazu beitragen, dass diese Vision Wirklichkeit wird. Umgekehrt ist Indien als große und wachsende Volkswirtschaft mit einer Reihe von weltweit wettbewerbsfähigen Branchen für Europa äußerst attraktiv.

Verhandlungen begannen vor fast 20 Jahren

Die Verhandlungen über das Handelsabkommen zwischen Indien und der EU begannen im Jahr 2007. Nach mehreren verpassten Fristen und zwölf offiziellen Verhandlungsrunden wurden die Gespräche 2013 aufgrund „unterschiedlicher Auffassung über die Ziele“ ausgesetzt.

Seither hat Neu-Delhi viele bilaterale Investitionsschutzabkommen mit einer großen Anzahl von Ländern, abgeschlossen, unter anderem mit 22 EU-Mitgliedsstaaten.

Auch in anderen Bereichen entwickelte sich die Zusammenarbeit mit der EU.  Aktuell gibt es mehr als 40 Dialogmechanismen und Arbeitsgruppen, die ein breites Spektrum an Themen abdecken, u.a. Migration, Cybersicherheit, Terrorismusbekämpfung, maritime Sicherheit, Menschenrechte, Landwirtschaft, Energie, Urbanisierung, Wasser und Innovation.

Nur beim Handelsabkommen gab es über die Jahre kaum Fortschritte. Gestritten haben beide Seiten vor allem über den Abbau von Marktzugangshürden, insbesondere über Zölle und weitere Handelshemmnisse bei Agrarprodukten, Wein und Automobilen. Indien hat zudem stark darauf gedrängt, dass indische Fachkräfte leichter Zugang zum europäischen Arbeitsmarkt bekommen. Dieses Thema wurde inzwischen in bilateralen Migrations- und Mobilitätsabkommen mit den einzelnen EU-Mitgliedsstaaten aufgegriffen und weitgehend gelöst. Auch der EU-Grenzausgleichsmechanismus für CO2-Emissionen, CBAM, verkomplizierte die Gespräche aus indischer Sicht. Zur Senkung der CBAM-Lasten forderte Indien die Anerkennung gleichwertiger Anstrengungen unabhängig von den eingesetzten Instrumenten. Die EU drängte ihrerseits auf einen besseren Schutz von Urheberrechten und einen erweiterten Patentschutz. In Bezug auf Nachhaltigkeit und Arbeitsstandards – beides zentrale Forderungen der EU und lange ein Problem in den Verhandlungen – könnte das EFTA-Abkommen als Vorbild dienen, wo Indien entsprechende Bestimmungen akzeptiert hat, allerdings ohne verbindliche Verpflichtungen. Auch für Fragen im Zusammenhang mit öffentlichen Beschaffungen gibt es inzwischen beispielhafte Lösungen, etwa in Indiens Abkommen mit den Vereinigten Arabischen Emiraten. Für Weine und landwirtschaftliche Erzeugnisse könnten Indiens Abkommen mit Australien, Neuseeland und den Vereinigten Arabischen Emiraten nützliche Lösungsansätze liefern.

Auch ein ‚Abkommen light‘ kann die Beziehungen tiefgreifend verändern

Im Jahr 2021 haben Indien und die EU beschlossen, die Verhandlungen über das Abkommen in drei parallelen Strängen wieder aufzunehmen und über eigenständige Abkommen zu Handel, Investitionsschutz und geographische Herkunftsangaben zu sprechen. Beide Seiten haben zwischenzeitlich auch einen Handels- und Technologierat (TTC) gegründet mit drei Arbeitsgruppen zu strategischen Technologien und digitaler Governance, grüner und sauberer Energie sowie Handel, Investitionen und stabilen Wertschöpfungsketten. Der Besuch von Kommissionspräsidentin von der Leyen in Begleitung von mehr als 20 Kommissionsmitgliedern im Februar 2025 hat die Wichtigkeit dieser Partnerschaft bekräftigt, trotz der erheblichen Divergenzen zwischen in Bezug auf den Krieg in der Ukraine.

Im September 2025 stellte die Europäische Kommission zudem ihre neue strategische Agenda EU-Indien vor, die auf fünf Säulen basiert: Wohlstand und Nachhaltigkeit; Technologie und Innovation; Sicherheit und Verteidigung; Konnektivität und globale Fragen und zwischenmenschliche Katalysatoren zur Unterstützung der anderen vier Säulen.

Die Strategie der EU beinhaltet zahlreiche bilaterale Initiativen, die zur Klimaneutralität beitragen sollen, ein Ziel, das die EU bis 2050 und Indien bis 2070 erreichen wollen. Auch eine Zusammenarbeit bei wirtschaftlichen Themen wird angestrebt, insbesondere beim sicheren Zugang zu kritischen Mineralien und bei der Halbleiterindustrie. Um die Kooperation in der Rüstungsindustrie zu stärken, wird ein privatwirtschaftlich organisiertes Forum vorgeschlagen. Initiativen zur Konnektivität sind ausgerichtet auf die Global-Gateway-Strategie der EU und Indiens MAHASAGAR-Initiative. Der Wirtschaftskorridor Indien-Nahost-Europa (IMEC) soll zu einem Leuchtturmprojekt der Zusammenarbeit weiterentwickelt werden.

Innen- und wirtschaftspolitische Zwänge auf beiden Seiten lassen vermuten, dass das Abkommen weniger umfassend ausfallen wird als ursprünglich vorgesehen. Indien beharrt auf den Schutz der Interessen seiner Landwirte sowie von kleinen und mittelständischen Unternehmen, wäre aber gegebenenfalls kompromissbereit bei nicht-handelsbezogenen Fragen. Die EU wird ihre Erwartungen hinsichtlich eines unmittelbaren Marktzugangs wahrscheinlich zurückschrauben müssen.

Die geopolitische Lage gibt jedoch Anlass zur Hoffnung. Aufgrund der US-Zölle haben beide Seiten ein starkes Interesse am Abkommen. Jenseits aller Symbolik kann dieses zu einer inhaltlichen Vertiefung der strategischen Partnerschaft zwischen der EU und Indien führen. Das Freihandelsabkommen vermag die handelspolitischen Verwerfungen durch die USA oder den europäischen De-Risking-Kurs gegenüber China bestimmt nicht gänzlich auffangen. Es wird Europa jedoch mittelfristig einen verbesserten Zugang zum rasant wachsenden indischen Markt sichern. Das ist ein beachtlicher Fortschritt.

*Prof. Gulshan Sachdeva ist Inhaber des Jean-Monnet-Lehrstuhls und Professor am Centre for European Studies, Jawaharlal Nehru Universität, Neu-Delhi