Zum Gedenken an Václav Havel
Im Herzen der Tschechen lebt er weiter

Vor 10 Jahren starb der große Schriftsteller, Dissident und Staatspräsident Václav Havel
Denkmal für Václav Havel (1936-2011), Europäische Institutionen, Straßburg

Denkmal für Václav Havel (1936-2011), Europäische Institutionen, Straßburg

© picture alliance / Uta Poss | Uta Poss

„Wenn Sie sich eine Bewilligung des Organisationsausschusses besorgt haben, dürfen Sie auch ein wenig tanzen, und zwar auf dem Großen Parkett A zwischen halb zwölf und zwölf oder auch zwischen Viertel vor eins und halb zwei. Vorher ist das Große Parkett nämlich der Methodischen Auflösungssektion vorbehalten, dazwischen der Auflösungskommission und hinterher der Delimitations-Subkommission“, klärt der Sekretär den Besucher auf. Und die Sekretärin ergänzt: „Sollten Sie verschiedene Scherzartikel,wie Papierhütchen, lustige Pappnasen und dergleichen benutzen wollen, können Sie diese durch den Sekretär Ihrer Sektion Ladenverkauf bekommen und sich im Umkreis des Kleinen Parketts C damit belustigen.“

Spätestens bei dieser Szene aus seinem ersten Theaterstück Das Gartenfest (1963), bei der einem der Spaß am Feiern vergehen kann, dürften die Zuschauer gewusst haben, wie man diesen Autoren einschätzen muss. Václav Havel, so viel war klar, hatte generell keinen großen Respekt vor Autoritäten, und schon gar nicht vor den bürokratischen Autoritäten des „realexistierenden Sozialismus“, der sein Heimatland im Griff hielt. Mit den Stilmitteln des modernen Absurden Theaters und der Sprachparodie hielt er den Mächtigen den Spiegel vor das Gesicht.

Illustre Familie

Wie sollte es auch anders sein? Schon sein familiärer Hintergrund ließ ihn fast zwangsläufig in Konflikt mit dem Regime geraten. Er kam aus großbürgerlichen Verhältnissen, aus einer Familie, die industriellen Pioniergeist mit Sinn für nonkonformistische Kreativität verband. Sein Großvater Vácslav Havel war nicht nur der Gründer einer großen Baufirma, dem man das älteste heute noch existierende Kino in Prag, das Lucerna (eröffnet 1909), verdankt. Unter dem Pseudonym „Atom“ tat er sich auch als auch Autor von esoterischen Büchern über Spiritismus (Buch des Lebens, 1920) hervor. Er war sozusagen der erste Schriftsteller der Familie. Und dass er zum „Mainstream“ gehörte, konnte niemand behaupten.

Vater Václav (Maria) Havel wurde 1921 zusammen mit seinem Bruder Miloš zum Gründer der Barrandov Studios, die immer noch zu den größten und wichtigsten Filmstudios Europas gehören. Zudem war er überzeugter Republikaner und Freund des ersten Präsidenten der Tschechoslowakischen Republik, Tomáš Garrigue Masaryk. Kurz: Der spätere Schriftsteller, Dissident und Präsident Václav Havel wird 1936 in eine Familie geboren, die seine kreativen Gaben mit Leichtigkeit zur Entfaltung hätte bringen können. Aber das Schicksal hatte anders vor und leicht wurde es nicht. Die Kommunisten, die 1948 die Macht ergreifen, enteignen die Firmen der Familie. Wegen seines „bürgerlichen“ Hintergrunds wird Havel der Zugang zu einer höheren Schule verwehrt. Er macht eine Lehre und erarbeitet sich das Abitur in einer Abendschule.Der Versuch, ein musisch-geisteswissenschaftliches Studium zu beginnen, wird ebenfalls von den Machthabern verhindert. Er wird gezwungen, Verkehrswirtschaft zu studieren, wird aber auch hier relegiert, als er sich wiederum vergeblich für ein Studium an der Akademie für Musische Künste bewirbt. Aber er schafft es, dass einige Zeitschriften Theaterkritiken von ihm publizieren.

Der Prager Frühling und sein Ende

Zunächst einmal muss er sich aber als Kulissenschieber oder gar Beleuchter im kleinen Theater am Treppengeländerüber die Runden helfen. Die kleine Kabine, in der er die Scheinwerfer dort bediente, ist nach 1989 ihm zu Ehren übrigens zur „Präsidentenloge“ umgebaut worden.

Aber es gibt auch Anlass zu mehr Hoffnung. In den 1960er Jahren beschließt die kommunistische Regierung einige leichte Liberalisierungen. Havel kann im Theater am Treppengeländer, in dem es von Dissidenten wimmelt, die an den großen Theatern keinen Job bekommen, sein erstes Stück aufführen. Dem „Gartenfest“ folgt 1965 Die Benachrichtigung, ein Stück, das heute als Persiflage gegenüber politisch korrekter Sprache durchgehen könnte. Er darf nebenbei sogar ein Fernstudium in Dramaturgie aufnehmen und macht 1966 sein Examen. Als im Zuge des Prager Frühlings 1968 die Regierung sogar die Meinungs- und Pressefreiheit verkündet, wird Havel immer kühner.Zusammen mit einigen anderen Schriftstellern gründet er als Konkurrenz zum offiziellen (als kommunistisch gesteuertes Monopol konzipierten) Schriftstellerverband den Klub Unabhängiger Schriftsteller, der sich unter seiner Führung gleich mit einem Brief an das Zentralkommittee der Partei wendet, dass sich das Land schneller demokratisieren müsse.

Als im August 1968 Truppen des Warschauer Paktes die Liberalisierungspolitik des Prager Frühlings gewaltsam beenden, protestiert Havel dagegen. Ein Berufs- und Publikationsverbot ist die Folge und fortan muss er eine zeitlang in einer Brauerei als Hilfsarbeiter Bierkästen und Fässer schleppen. Doch auch hier eckt er an. Denn seit längerem hat er ein Faible für schicke ausländische Autos. Und neben seinem Mercedes nimmt sich auf dem Werksparkplatz der Kleinwagen sowjetischen Typs, den der Leiter des Werks hier parkt, mickrig aus. Havel darf nicht mehr auf dem Gelände parken, sondern nur außer Sichtweite.

Charta 77

Er schreibt weiter Stücke, die im Land selbst kaum Chancen haben, ein großes Publikum zu erreichen. Aber im westlichen Ausland gelangen immer mehr von ihnen auf die Bühnen und werden zum Erfolg. Er erhält Literaturpreise (die er nicht annehmen darf). Diese Popularität im Ausland wird später ein Teil seines politischen Kapitals. Jedenfalls entmutigt ihn die Invasion nicht und er bleibt dem Dissidententum treu. Als 1976 die Mitglieder der systemkritischen Band Plastic People of the Universe in Prag auf offener Bühne verhaftet werden, ist das Fass zum Überlaufen gekommen. Mit einer Gruppe Gleichgesinnter setzt sich Havel zusammen, um eine Petition zu verfassen. Darin klagten sie an, in ihrem Lande herrsche „ein System faktischer Unterordnung sämtlicher Institutionen und Organisationen im Staat unter die politischen Direktiven des Apparats der regierenden Partei und unter die Beschlüsse machthaberisch einflussreicher Einzelpersonen“. Die Charta 77 ist geboren.

Die Charta löst eine gleichnamige Oppositionsbewegung aus, die geschickt ausnutzt, dass sich im  Zuge der Entspannungspolitik die Länder des Warschauer Paktes in der Schlussakte von Helsinki (1975) zur Einhaltung der „Menschenrechte und Grundfreiheiten, einschließlich der  Gedanken-,  Gewissens-,  Religions-  oder  Überzeugungsfreiheit  für  alle  ohne  Unterschied  der Rasse, des Geschlechts, der Sprache oder der Religion“ verpflichtet hatten. Die Charta wird der westlichen Presse im Januar 1977 geschickt zugespielt, sodass die Machthaber jetzt bei jeder ihrer Gegenreaktionen mit negativen Reaktionen aus dem Ausland rechnen müssen.

Das merkte das Regime bald – vor allem weil Havel inzwischen überall als Symbol des Widerstands galt. Als im Februar der niederländische Außenminister Max van der Stoel zu Besuch nach Prag kommt, führt er erstmals eine Art „Doppeldiplomatie“ ein. Neben dem offiziellen Besuch der Staatsleitung steht nun auch ein Gespräch mit Dissidenten auf dem (inoffiziellen) Programm. Havel wurde von der Polizei abgeschirmt und so traf sich sein Stellvertreter bei der Charta 77, der Philosoph Jan Patočka, mit van der Stoel. Als die Polizei dies erfährt, wird Patocčka anschließend so brutal verhört, dass er stirbt. Aber das schreckt mutige Politiker des Westen fortan nicht von dem vom Regime unerwünschten Dialog mit den Dissidenten ab. Diese offene Sympathie hilft auch Havel. Der war schon kurz darauf zu drei Jahren Haft auf Bewährung verurteilt worden. Da er trotzdem weiter für mehr Demokratie kämpfte, wird er zu viereinhalb Jahren im Gefängnis Haft mit sofortigem Vollzug verurteilt. Ein Angebot, stattdessen nach Amerika ausreisen zu dürfen, wenn er fortan stillhielte, lehnt er mutig ab. Im Gefängnis leidet seine Gesundheit in lebensgefährlicher Weise. Schließlich hilft aber der politische Druck aus dem Westen, dass er 1983 vorzeitig freigelassen wird.

Das Regime bröckelt

Wieder frei, stürzt sich Havel wieder ins politische Geschehen. Er wirkt unter anderem an der Gründung der (formell illegalen) Zeitschrift Lidové novinýy mit. Währenddessen nimmt nicht nur der Druck aus dem Westen zu, sondern das altkommunistische Regime unter Präsident Gustáv Husák muss mit ansehen, wie im sowjetischen Mutterland der Reformer Michail Gorbatschow an die Macht kommt. Husák verliert Rückhalt. Als Ende 1988 Präsident Francois Mitterand bei einem Staatsbesuch ganz öffentlich Havel und führende Dissidenten zu einem Abendessen einlädt, passiert ihm nicht mehr, was noch van der Stoel passierte, nämlich, dass Husák ihn auslädt. Im Gegenteil: Mitterand kann es sich leisten, wegen des Frühstücks mit Havel und seinen Mitstreitern Husák eine Stunde im Präsidentenpalast warten zu lassen.

Danach geht es Schlag auf Schlag. Schon während Mitterands Besuch können die Dissidenten große Demonstrationen organisieren. Man verurteilt Havel noch einmal zu einer Haftstrafe, muss ihn aber umgehend freilassen. Am 17. November 1989 beginnt mit großen Demonstrationen die Samtene Revolution. Wenige Tage später erzwingt das von Havel inspirierte Oppositionsbündnis Bürgerforum die Bildung einer neuen Regierung, in der Kommunisten nicht mehr die Mehrheit haben. Und im Dezember 1989 ist Husák Geschichte und Havel wird zum ersten nicht-kommunistischen Präsidenten seit 1948. Er ist der folgerichtige und naheliegendste Kandidat für das Amt.

Im nächsten Jahr erfolgen die ersten freien Parlamentswahlen, bei denen die demokratischen Kräfte haushoch siegen. Kurz darauf lässt sich Havel nochmals als Staatspräsident wählen. Und er bleibt ein Agenda-setter. Er betreibt die Integration des Landes in den Westen – Nato und EU. Er spricht sich für die Anerkennung der Leiden der vertrieben Deutschen nach dem Krieg aus, was ihm durchaus Kritik einbringt, der er aber mutig entgegentritt. Die Auflösung der Tschechoslowakei am 1. Januar 1993 betrachtet er als Niederlage. Kurz darauf lässt er sich aber zum ersten Präsidenten Tschechiens wählen. 1998 wird er wieder im Amt bestätigt bis er 2003 nicht mehr kandidieren kann, weil die Verfassung nur zwei Amtszeiten vorsieht. Auch als Präsident wagt er unpopuläre Positionen. Zum Schutz der Menschenrechte befürwortete er sowohl den Nato-Kriegseinsatz im Kosovo (1999) und die Invasion im Irak (2003).

Endgültig zu einer Symbolfigur geworden, kämpft er auch im Ruhestand für Menschenrechte und Demokratie. Er legt sich – aus heutiger Sicht vorausschauend – mit China an, indem er den Dalai Lama empfängt oder das ansonsten völkerrechtlich isolierte Taiwan besucht (dessen Mitgliedschaft in der UN schon 1995 als Präsident befürwortete). Er gründet internationale Menschenrechtsnetzwerke wie das Forum 2000.

Ikone der Menschenrechte

Als er am 18. Dezember 2011stirbt, wird er in Tschechien und in der ganzen Welt tief betrauert. Und seine Bedeutung wirkte noch über den Tod hinaus. Wenn Tschechien – auch bei den kürzlich erfolgten Wahlen zum Abgeordnetenhaus – gezeigt hat, dass es den Schalmeienklängen des Nationalpopulismus weniger erlegen und seine demokratische Kulur stärker ist als die anderer mitteleuropäischer Länder, dann hat das auch etwas mit dem Erbe Václav Havels zu tun. Er ist so etwas wie der Leitstern aller demokratischen Kräfte geblieben, auf den man sich rückbesinnt, wenn es in Tschechien um grundsätzliche Politikentscheidungen geht. Als in den letzten Jahren Havels Nach-Nachfolger im Präsidentenamt, der machtbewusste gegenwärtige Amtsinhaber Miloš Zeman, versuchte, den außenpolitischen Kurs des Landes hin zu einer engeren Bindung an China und Putins Russland zu bewegen, setzte sich im Land am Ende doch eher eine stark wertegetriebene Außenpolitik durch. Insbesondere gegenüber China zeigt sich das Land sehr selbstbewusst. Die Stadt Prag hat, allen chinesischen Protesten zum Trotz, Taipeh zur Partnerstadt gemacht. Senatspräsident Miloš Vystrčil begab sich – unter noch heftigeren Protesten der Volksrepublik – zu einem offiziellen Besuch in Taiwan, wo er die denkwürdigen Worte sprach: „Ich bin ein Taiwaner!“ Man zeigt Kante gegen die Autoritären dieser Welt. Das wäre ganz und gar im Sinne Havels gewesen und ist auch Indiz für sein geistiges Fortleben in der tschechischen Politik.

Und als Indikator für die andauernde Liebe der Tschechen zu Havel kann auch der sehr ergreifende Film Havel von Regisseur Slávek Horák mit Viktor Dvořák in der Titelrolle dienen, der 2020 zu einem Riesenerfolg wurde.

Und auch über die Landesgrenzen hinaus, ist er vielleicht die Ikone aller Kämpfer für Menschenrechte geworden. In Brüssel – ein passender Ort für einen überzeugten Europäer – hat man ihm sogar letztens ein Denkmal gesetzt. Und in Tschechien gibt es sowieso unzählige davon. Man kann mit gutem Grund die Hoffnung hegen: Solange das Andenken Havels lebt, lebt auch die Idee der Menschenrechte.